Die Einheit im Wort und im Geist ist eine wichtige Grundlage der Ökumene. Sie speist sich aus der reichen Schrifttradition und lässt erfahren: Was der Mensch ist, was ihn und was die christliche Gemeinschaft ausmacht, das ist nicht selbstgemacht, das ist empfangen.
Die Einheit der Kirche erwächst aus der Schrift, oder sie besteht nicht. Denn dass das Leben ein Geschenk ist und wie groß das Geschenk des Lebens, erfährt der Mensch gerade dort. Gleichzeitig gilt: Was ist der Mensch, dass ihn ein Gott beachtet: „Ist doch der Mensch gleich wie nichts, seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten.“ (vgl. Psalm 144,4; Echo zu Psalm 8). Sätze, die voller Lebensweisheit sind.
Weisheit der Schrift
Biblische Weisheit ist beliebt. Besonders bei Entscheidungsträgern, Führungskräften und bei Wirtschaftsleuten, bei Athleten und Familienoberhäuptern. (Kurz: Bei allen, die verlässlich Leistung bringen müssen.) Denn diese wissen um die Brüchigkeit, Unverfügbarkeit und Kurzlebigkeit von Erfolg und Gelingen. Sie kennen die Unwägbarkeiten. Und haben oft genug die Vergeblichkeit von auch größten Anstrengungen erfahren.
„Umsonst ist’s, wenn der Torhüter sich verausgabt“ (denn vielleicht steigt der Dieb über die Mauer hinein), „umsonst, bis spätabends über Plänen zu brüten“ (denn über Nacht kann sich die Welt verändern), vgl. Psalm 127. So bleibt es ein Wink von oben, wenn etwas glückt, und Gunst, wenn es Bestand hat.
Aufschlussreich ist, dass selbst in der weltweiten Ökumene es nicht ein Werk des Menschen ist, das zur Zielerreichung führt, sondern: „Wir erhoffen und erwarten das Wirken des Geistes Gottes.“ So ist es regelmäßig in den einschlägigen Dokumenten zu lesen. Sicher mehr als eine Floskel.
Erfolge der Ökumene
Gleichzeitig ist es erstaunlich, was bereits erreicht worden ist. So haben sich zahlreiche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften über eine gegenseitige Anerkennung der Taufe verständigt. Eine grundlegende Einigung, die in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen ist! Die Taufe bezeichnet den Eintritt in das Christenleben. Sie bewirkt die christliche Initiation. Sie belegt den Täufling mit dem Namen Gottes, und sichert ihm dessen Mitgehen und Begleiten zu.
Ein lebenslanger Rückruf in das Taufgeschehen.
Viel mehr als ein lebenslanger Rückruf in das Taufgeschehen ist kaum möglich. Dass sich die weltweite Christenheit gerade auf diesen Rückruf besinnt, ist deshalb sehr bemerkenswert. Es ist der Geschenkcharakter des Lebens, der auch hierin bedacht und feierlich zugesprochen wird: Wie der Mensch sein Leben und seine Gottebenbildlichkeit ohne Vorleistung empfängt, so ebenfalls Gottes (auch biblisch verbürgte) Zusage. Darum kann und soll sie auch bedenkenlos bereits Kleinkindern gespendet werden. Auch – ja gerade – ihnen sollte sie nicht vorenthalten bleiben; das wäre biblisch weise.
Ein Rabbi aus Israel
Jemand, der ganz in der Weisheit der Schrift lebte, war Jesus von Nazareth. Nicht nur seine Gleichnisse und Erzählungen sind ganz schriftdurchtränkt. Auch sein gesamtes Wesen und Leben. Er legt die Schrift und die Propheten aus, mit Worten und mit Taten. Als „Meister“ wird er angesprochen: Ein Rabbi aus Israel.
„Lasst schon auch die Kinder zu mir kommen, denn wer nicht das Reich Gottes wie ein Kind empfängt, wird es kaum erlangen“, ist eine seiner Ansagen. Jesus lässt sich selber taufen als eine Zeichenhandlung. Ein Geist, ein Gott, eine Taufe wird auch später Kennzeichen der Einheit in der christlichen Urgemeinde sein (Eph 4,3-5; „auf dass sie eins seien“, Joh 17,20-22).
Das Eins-Sein im Geist: Es ist die Weisheit der Schrifttradition, die sich hier Bahn bricht und die vielleicht gerade in ihrer Vielseitigkeit erklärt, warum sie bei vielen so beliebt ist.
Biblische Begriffe
Denn nicht nur die biblische Weisheit im gesamten, auch einzelne biblische Begriffe sind sehr beliebt: Ob es die jüngst verbreitete Rede von einer „Kultur der Vergebung“ ist (Wien), von Lebensinhalt und Sinn (Berlin), oder der Begriff der Barmherzigkeit (Rom / Franziskus I.) … Biblische Worte und Begriffe schaffen Räume und induzieren Denkbewegungen.
Auch die biblischen Begriffe sind bei vielen sehr beliebt.
Sinn heißt auf Griechisch Logos, und so sind es nicht zufällig schon gerade auch diese einzelnen Worte und Begriffe, die sinnhaft prägend, richtungsweisend und auf Dauer traditionsstiftend sind. Die Schrift-Tradition im (christlich-)jüdischen Bereich erwies sich dabei über Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder als so anpassungsfähig wie zeitkritisch, auch als in ihrem Kern beständig und in sich kraftvoll gegenüber Verwischungen, dass kaum Anlass zur Sorge besteht, dies solle in den nächsten Monaten oder Tagen einmal anders werden. Das Wort findet immer einen Weg.
Und schließlich: Verbum dei manet in aeternum – Gottes Wort besteht in Ewigkeit –, ebenfalls ein Satz biblischen Wissens und biblischer Weisheit (Psalm 119), der in beiden Testamenten wiederkehrt (1Petr 1,25; Lk 21,33).
Der Paulinismus der frühen Kirche
Hat aber die frühe Kirche die Schriftweisheit behütet und bewahrt? Das ließe sich erfragen, und anhand der Texte prüfen. In diesen Tagen wird der frühen Bekenntnisbildungen gedacht (Nicänisches Konzil). Die Dogmenbildungen (z.B. Dreieinigkeit, Zwei-Naturen-Lehre) und auch die Festlegungen zum biblischen Kanon (welche Texte gehören zur Heiligen Schrift) fanden schon früh in diesem Zeitraum statt.
Insgesamt ist die Frühzeit durchaus sachgemäß gerade auch hier im Westen für einen ausgeprägten Paulinismus bekannt (z.B. Augustinus). Wichtige Schlagworte sind der Antidonatismus (es kommt nicht auf eine Vorzüglichkeit des einzelnen Amtsträgers an für die Gültigkeit und für die Wirksamkeit seines Dienstes), die Ablehnung von Synkretismus (unstatthafte Vermischungen zu Irrlehren sind zu vermeiden) sowie die Ablehnung von Synergismus (Keine Mitwirkung des Menschen zu seinem Heil; etwa unter Hinweis auf 1Kor 4,7), und zwar sowohl in seiner groben (Pelagianismus) als auch in seiner subtilen Form (Semi-Pelagianismus).
Das sind wichtige Klärungen. Denn sie betreffen wichtige Fragen. Und sie wurden oft erst in mühevollen Denkoperationen, Abwägungen, im Durchdenken der Konsequenzen einzelner Sätze und deren Infragestellungen erreicht. Oft sind Antworten aber auch zeitbedingt, verraten ihre zufällig-kontingente historische Konstellation, und sind teilweise (nur) unter den Denkvoraussetzungen der jeweiligen Zeit, z.B. der philosophischen, aufgestellt und formuliert.
Für die Prüfung dogmatischer Sätze braucht es Textkompetenz.
Es geht historisch gesehen bei etlichen dogmatischen Sätzen also nicht darum, dass ein bestimmtes Satzgebilde (z.B. eines aus dem verwickelten „monotheletischen Streit“) als heilsnotwendig erklärt würde („Diese oder jene Satzkonstruktion muss ein Mensch wissen und auswendig kennen“), sondern: Wenn diese Infragestellungen, wie zum Beispiel damals durch den Philosophen Soundso, auftreten, mit dieser oder jener Begrifflichkeit, dann sind diese oder jene von uns für richtig befundenen Sätze zutreffend und richtig! Es lässt sich hier mit einer Formulierung Ludwig Wittgensteins sagen, dass es bei Dogmen nicht um die Sätze (selbst), sondern um das Klarwerden von Sätzen geht.
Die biblisch folgerichtigen und denknotwendigen Satzbildungen z.B. von der Trinität sichern insoweit gerade die innere Wahrheit und Richtigkeit des biblischen Zeugnisses ab; denn von dort stammen sie. Das aber lässt sich nur belegen, wenn die notwendige Textkompetenz vorhanden ist. Ein Wissen um die Texte selbst; und ein Überprüfen, wie sie kirchenhistorisch und theologiegeschichtlich gewirkt haben. Für die Ökumene ist daher die Schrifttradition eine nie versiegende, unausschöpfliche Fundgrube und Quelle.
