Die Gleichnisse Jesu Memorandum der Poesie

Um die neutestamentlichen Gleichnisreden zu verstehen, ist es hilfreich auf ihre konkrete Sprachform zu achten. Es sind Meisterwerke der Poesie.

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste.“

Dieses Gleichnis aus dem Matthäusevangelium (Mt 21,28ff) lässt drei typische Merkmale der Gleichnisrede gut erkennen: Sie ruft eine spezifische Reaktion hervor, auf die sie auch bewusst abzielt. (Hier ausformuliert: „Was meint ihr?“– „Sie sprachen“). Diese Reaktion kann zweitens wie das Gleichnis selbst eine überraschende Pointe enthalten, die eine Neusetzung, Erweiterung oder zumindest Verdeutlichung zu einer davor mehrdeutigen Situation bedeutet. Drittens wird dies durch eine offensichtlich erfundene und inszenierte Gleichnis-Konstellation erreicht.

Was ist das: die Gleichnisse Jesu?

Zu den bekanntesten Gleichnissen zählen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25ff) und das vom verlorenen Sohn (Lk 15,11ff). Sie haben in der Kunstgeschichte eindrückliche Spuren hinterlassen, von Rembrandt bis Ernst Barlach. Neben Gemälden finden sich Skulpturen und weitere Kunstobjekte. Die Gleichnisse der Evangelien sind in sich selbst schon kleine literarische Kunstwerke. Es sind „poetische Diamanten“.

Wir wollen auf diese poetische Dimension achten, indem wir das produktive Sprachgeschehen beachten, das in ihnen arbeitet. Denn die Gleichnisse mögen vieles sein, aber neben, in und mit diesem allem stellen sie in jedem Fall eine ausgesuchte kommunikative Sprachform dar. Die Gleichnisse Jesu sind schöpferische Sprachhandlungen. Eine bewusste Rede in Bildern, oder besser: eine Rede und Bilder, die Altbekanntes und Neues auf kommunikative Weise zusammenbringen. Sie bringen in eine gegebene Situation etwas Schwebendes über das Gesagte hinaus. Eben: Poesie.

Die Poesie der Gleichnisse

Gleichnisse gehören daher zuerst zum Bereich der Poetik. Folgen die Gleichnisse einer festgelegten Regel? Oder macht gerade der Übergang von der vorgefundenen Regel zur neugefundenen den jeweiligen Kern der Gleichnisse erst aus?

Die Gleichnisse Jesu sind „poetische Diamanten“.

Für Paul Ricoeur ist der „Zusammenhang zwischen dem Schöpferischen und der Regel“ der springende Punkt (vgl. Die lebendige Metapher, Wilhelm Fink Verlag 1986, Vorwort zur deutschen Ausgabe). Vielleicht lassen sich einzelne Facetten der sprachschöpferischen Poesie der Gleichnisse bei einem Durchgang durch einige ihrer typischen Motive entdecken.

Typische Gleichnismotive

Die Gleichnisse lassen sich nach mehreren Gesichtspunkten betrachten. Neben ihrer Form natürlich nach der Thematik oder nach der Situation für die sie gelten, etwa in einem bestimmten Streitgespräch. Viele Gleichnisreden sind Mischformen. Unterschiedliche Momente und Motive überschneiden und verschränken sich. Vier Motive wollen wir kurz durchgehen:

1 NATURGLEICHNISSE – Vom Werden
2 ALLTAGSGLEICHNISSE – Vom Grundlegenden
3 SPRUCHGLEICHNISSE – Alt und neu
4 ERZÄHLGLEICHNISSE – Verloren und Gefunden

Motiv 1 – Vom Wachsen und Werden

Etliche Gleichnisse haben einen Naturvorgang zur Grundlage. „Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Mk 4,31-32) Saat und Wachstum sind häufige Motive. So beim Gleichnis von der aufwachsenden Saat. Das bekannte Gleichnis vom Sämann ist in zahlreichen Kirchen als Wandbild zu sehen. Gleichnis-Poesie, die in benachbarte Künste und Architektur ausgewandert und übergesprungen ist.

Allerdings: Dass aus einem kleinen Samenkorn ein großer Baum entsteht, ist für sich genommen ja nichts als bloße Naturbeobachtung. Zum Gleichnis wird es, wenn es sprachlich inszeniert zu Anderem in einen kommunikativen Zusammenhang gestellt wird.

Motiv 2 – Vom Hausbau (Vom Grundlegen)

Nicht alle, aber viele Gleichnisse werden ausdrücklich als Reich-Gottes-Gleichnisse erzählt. Einige haben Alltägliches zum Ausgangspunkt und Inhalt. Neben der Natur kommt der Mensch ins Blickfeld. Zum Beispiel das Vorgehen beim Hausbau. „Wer diese meine Rede hört und tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stieẞen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Mt 7,24-27)

Weitere Alltagsbeispiele handeln vom Ausrichten einer Hochzeit. Oder vom Feiern eines großen Gastmahles. Allerdings: Sind das wirklich häufige Alltagssituationen? Oder nicht doch einzelne Ausnahme-Beschreibungen? So liegt die Poesie dieses Momentes hier im Nennen einer allen vertrauten Situation, die aber doch eine (grundlegende) Besonderheit aufweist – worauf die Gleichnisrede nun aufmerksam machen möchte.

Motiv 3 – Alt und neu

Manchmal besteht eine Gleichnisrede nur aus einem Satz. „Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.“ (Mk 2,21) Ähnliche dieser Miniatur- und „Mini“-Gleichnisse sind: „Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche…, sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche“. Auch das Licht unter dem Scheffel (Lk 8,16) oder „Wenn Blinde Blinde führen“ (Lk 6,39) gehören hierher. Solche kurzen „Spruchgleichnisse“ bestehen gleichsam nur aus einer Kernsequenz. Wie in diesem vorfindlichen Beispiel: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Spr 26,27).

Andererseits: Ist das „schon“ ein Gleichnis? Oder ist es wiederum nur eine in bestimmter Weise zugespitzte Alltags-Regelbeschreibung? Das Alte Testament kennt ja unzählige solcher kurzen gesammelten Spruchweisheiten (vgl. das Buch der Sprüche/Proverbia). Doch es ist hier wie bei den Naturbeschreibungen, die ebenfalls isoliert stehen könnten: Zur poetischen Sprachhandlung wird das Spruchgleichnis, wenn es in einer bestimmten Streitsituation angewendet wird. Eine alte, vielleicht ganz allgemeine Regel-„Weisheit“ spricht im konkreten Kontext neu.

Motiv 4 – Verloren und gefunden werden

Erzählgleichnisse verraten ihren poetisch-literarischen Charakter besonders klar, weil sie von einer kleinen Begebenheit ausschmückend berichten. „Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.“ (Mt 18,12-13) Ähnliche Erzählgleichnisse mal kurz, mal ausführlich, sind Der verlorene Groschen und Der verlorene Sohn (s.o.).

Teilweise werden Kommentare eingestreut. Figuren sprechen mit sich selbst. Gut, das ich nicht so bin wie jener, sagt der Pharisäer. Bei meinem Vater hätte ich es besser, der verlorene Sohn. So werden Deutungsangebote unterbreitet, in denen sich der Hörer selber wiederfinden kann.

Gleichnisse als schöpferische Sprachhandlung

Würde jemand ganz banal in gewöhnlicher Alltagssprache (ordinary language) fragen: „Papa, kann ich eine Taschengelderhöhung haben?“ Oder: „Chef, wäre eine Gehaltserhöhung möglich?“, und das Gegenüber würde darauf antworten: „Ein König hatte zwei Söhne. Er ging zu dem ersten hin und sagte: usw…“, so kann man sich leicht vor Augen führen, welche Wirkung von einer Gleichniserzählung in einer konkreten Gesprächssituation ausgeht. Sie schafft zunächst Distanz, lässt einen Schritt zurücktreten. Sie setzt ein Gedankenspiel in Gang.

Gleichnisse setzen eine Gedankenspiel in Gang.

Selten nimmt in den Evangelien der Gleichniserzähler dem Hörer die direkte Übertragung oder „Konklusion“ des Gesagten einfach ab. In gewisser Weise muss und soll der Adressat jeweils „seine“ Auflösung des einzelnen Gleichnisses im konkreten Sprachgeschehen selbst geben und verantworten. „Zeit und Erzählung“ kommen dabei je ganz situationsbezogen auf eher ephemer-kontingente Art und Weise in „Dissonanz“ oder in „Zusammenklang“ (vgl. P. Ricoeur: Temps et Récit. dt.: 1988ff). Der kommunikative Sprechakt des Gleichniserzählers besteht in erster Linie dann darin, dass er diesen poetisch-schöpferischen Prozess zuallererst auslöst und durch seine Intervention in Szene setzt. Vielleicht macht die Intervention dabei auch „nur“ eine bereits feststehende Position beim Hörer offenbar und sichtbar.

Die Poesie der Gleichnisse bietet Identifikationsmöglichkeiten, z.B.: Kleriker, Levit, barmherziger Samariter, Lk 10,25ff, oder: einer der beiden Söhne im eingangs zitierten Gleichnis. Das letztere kann nebenbei als Beispiel genommen werden, dass gelegentlich Reden und Tun gar nicht übereinstimmen. Und dass manchmal selbst dann „Hoffnung“ besteht, wenn Leute in einer Angelegenheit etwas Gegenteiliges sagen, lehren oder (von sich) behaupten, als was richtig wäre… Die poetischen Interventionen der Gleichnisse bieten insofern auch die Möglichkeit zu verallgemeinern. Sie lassen Gelegenheit zum Einstimmen und Nachdenken, zum Nachsinnen und Weiterspinnen, zum Widerspruch und Reklamieren. Und wohlgemerkt: Auch die Katachrese, der inszenierte Bruch in einer Bildrede (bsp „welkes Licht“)hlt zum Repertoire literarisch-poetischer Stilmittel.

Als offenes und gut gefülltes „Memorandum der Poesie“ (Teil 3) runden die Gleichnisse daher die beiden vorhergehenden Teile der Serie (Memorandum der Ethik: Teil 2; Memorandum der Gottesrede und -lehre allgemein: Teil 1) auf sinnige Weise ab. Dass es hierbei Doppelungen gibt und sich einzelne Themen verschränken, versteht sich da jetzt beinahe von selbst.

Exkurs: Gottesrede und Gottesbild im Matthäusevangelium

Die dreiteilige Serie kann zugleich als eine Heranführung zu einer vertiefenden Lektüre des Matthäusevangeliums gelesen werden. Ausleger heben hervor, dass Matthäus der in sich geschlossenste, am strengsten durchgeführte, und schließlich auch am striktesten „gesetzliche“ Evangelienbericht im Neuen Testament sei. Demgegenüber haben unsere drei Anläufe zur Ethik, zur Poetik und zur Reich-Gottes-Rede (evangelische aspekte 4/2018; 1/2019; 2/2019) eine andere Spur gefunden. Matthäus stellt zwar einerseits tatsächlich scharf wie kaum ein zweiter die hohen Forderungen der „Gottesherrschaft“ heraus. Andererseits haben wir in der Bergpredigt und in den Reich-Gottes-Gleichnissen auch andere Töne gehört.

Gleichnisse als sprachliche Intervention

Das lässt sich noch durch zwei weitere „Linien“ innerhalb des Matthäusevangeliums untermauern und belegen. Denn summarisch wird gleich zu Beginn des Evangeliums die Intention des gesamten Auftretens Jesu eben darin angegeben: aus Verlorengehen, Vergehen, Verfehlungen zu retten (Mt 1,21). Und über den im ganzen Evangelium strengsten und vorbildlichsten Nachfolger und Jünger Petrus wird gegen Ende berichtet, dass er seinen Meister gleich dreimal explizit verleugnet und verrät (Mt 26,69ff). Gemäß den rigoros formulierten Anforderungen (z.B. Mt 10,32f) müsste dies seinen kategorischen Ausschluss zur Folge haben. Und dennoch bleibt im Matthäusevangelium der hervorgehobene Auftrag an den Petrus(-dienst) bestehen.

Wirkungsgeschichte

In der neutestamentlichen Auslegungsgeschichte gibt es einen Diskussionsstrang, in dem gefragt wird, ob der Gleichniserzähler Jesus eher in den weisheitlichen Traditionen oder eher in den apokalyptischen Traditionen der Antike zu sehen ist. Typisch weisheitliches Denken ist das Einordnen in Regelabläufe, wiederkehrende Einzelfälle, Regelmäßigkeiten etwa der Natur (vgl. orientalische Listenwissenschaften) oder der menschlichen Geschichte (Tun-Ergehenszusammenhang; gegenläufig: Kohelet 8,14ff; 9,7ff). Vielleicht kann man aber auch sagen, dass die Gleichnisse Jesu beide Traditionen aufbrechen und zu einer neuen Form sui generis, einer Form seiner eigenen Art erweitern. Es steht dabei jeweils auch in Frage, worin die eigentliche Funktion apokalyptischer oder weisheitlicher Rede zu sehen ist.

Dass durch Jesus in neutestamentlicher Zeit die Gleichnisform nicht erfunden wurde, zeigt schon seine produktive Aufnahme und Weiterführung alttestamentlicher Gleichnisse (vgl. 1. Kön 20, 35-43; 2. Sam 12,1-4; Jes 5,1-7; Ezechiel 17). Doch dass er als Meistererzähler von Gleichnissen zu gelten hat, kann jeder in den über 40 Gleichnissen der Evangelien selbst nachlesen und hören. Auch zahllose Glasfenster in Kirchen sind von den Gleichnissen Jesu angeregt. Manche Betrachter schrecken heute allerdings bei vorkommenden apokalyptischen Bildern und Szenen zurück. Freilich ist es so, dass viele Zeitgenossen von Atom- bis Klimakatastrophe auch heute in ganz ähnlichen Kategorien denken bis hin zu Weltuntergangs-Szenarien.

Fasst man hier die Gleichnisse Jesu vor allem in ihrem sprachschöpferisch-poetischen Charakter auf, kann auch deren entängstigender und „heilsam-heilender“ Aspekt ins Blickfeld kommen, vergleiche nur den Titel: Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie von Christoph Kähler (Tübingen 1995). In ihrer konkreten Form als poetische Interventionen können sie ebenso den Ansatz eines poetologisch konzipierten Theologieverständnisses (vgl. Oswald Bayer: Gott als Autor. Zu einer poietologischen Theologie. Verlag Mohr-Siebeck ²2018) bereichern und inspirieren.

Leseempfehlung

Die Gleichnisse Jesu sind Kunstwerke, echte Poesie. Sie könnten, sollen und wollen auch als solche aufgenommen werden.

Mit diesem Beitrag endet die dreiteilige Werkstattserie.

 

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