Aktuelle Kirchentöne Blick in die Werkstatt kirchenleitenden Handelns

Debatten um die Friedensethik, „Raus aus der Bubble“, WeltKlima und Ökumene. Ein Blick in die theologisch-gesellschaftsdiakonische Themenwerkstatt der Kirchenleitungen zeigt aktuelle Baustellen und was sich in der weltweiten Christenheit so tut.

Annette Kurschus hat das schöne Wort geprägt, Aufgabe der Kirche sei, „einen anderen Ton in die Welt einzutragen“. Bei ihrer Wahl zur neuen Vorsitzenden des Rats der EKD betonte sie: Politische Stellungnahmen der Kirche sind wichtig. Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht noch dringlicher sei für die Kirche, theologisch-geistlich auskunftsfähig zu sein. An welche Töne ist da wohl zuerst zu denken? Welche Kirchentöne sind auf den verschiedenen Ebenen in Deutschland und weltweit besonders zu vernehmen?

Ganz aktuell: Die Melodie der Friedensethik. Traditionell versteht sich die EKD als ein Befürworter aktiver Friedenspolitik. Jetzt ist anlässlich aktueller Krisen die Debatte um das alte Dauerthema wieder voll entbrannt. Auf welche Weise lässt sich Frieden sichern oder herstellen? Während sich die frühere Vorgängerin im Amt, Margot Käßmann, klar für pazifistische Lösungsansätze positioniert, hat sich die aktuelle EKD-Spitze vorsichtig für eine Anpassung der bisherigen Friedensethik eingesetzt. Man sieht sich in einem Dilemma. (Dazu später mehr.)

Dann: „Raus aus der Kirchen-Bubble“. Die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, hat sich von Beginn an darum bemüht, enge Kirchenmauern zu verlassen, und das Gespräch mit Fernstehenden gesucht. Bei ihrer Präsestour im Sommer 2021 zog sie durch ganz Deutschland und ließ sich von verschiedensten Leuten einladen zum Gespräch über Gott und die Welt: Ein Ton des Milieugrenzen und Sprachbarrieren überbrückenden Dialogs.

Und schließlich die EKD-Klimakampagne. Damit soll auch kirchlich das Thema der Klimagerechtigkeit forciert werden. Ein nachhallender Anklang an ökologische Debatten und frühere evangelische und ökumenische Kirchenthemen wie ehemals „Bewahrung der Schöpfung“. Freilich ließe sich fragen, ob mit dem allem nicht doch nur wieder verdoppelt wird, was in der Gesellschaft sowieso schon kursiert? Gibt es hier einen spezifisch kirchlichen Ton? Man wird sehen, wie sich das im Weiteren gestaltet.

Nicht jeden Schuh anziehen, der geworfen wird

Während der gegenwärtige Themen-Mix also einige neue Generaldebatten enthält, hat die Ratsvorsitzende Kurschus auch bereits von mancher Lernerfahrung berichtet, die früheres EKD-Leitungspersonal ganz ähnlich machte: Dass man durchaus „nicht in jedes Mikrofon sprechen muss, das einem hingehalten wird“, sondern jeweils besonnen wählt. Und auch nicht über jedes Stöckchen springen muss, das der Kirche von wohlgesonnener oder weniger wohlgesonnener Seite hingehalten wird…

Die Kirche und die EKD muss sich ja nicht jeden Schuh anziehen, der auf sie geworfen wird! Angesprochen auf sinkende Mitgliederzahlen, weiß Annette Kurschus darauf hinzuweisen, dass bei diesen Zahlen nicht alles über einen Kamm zu scheren ist. Dass also mindestens die Hälfte davon in einem mathematisch-demografischen Effekt besteht. Die Bevölkerung in Deutschland ist dank medizinischen Fortschritts, guter Lebensqualität und anderen erfreulichen Umständen eine „alte“ geworden mit einem hohen Anteil über 70-Jähriger. Die nachwachsende Bevölkerung ist prozentual dazu geringer. Für eine Organisation, die traditionell in allen Bevölkerungsschichten gleichmäßig vertreten ist, bedeutet das logischerweise, dass bei nun prozentual steigenden Sterbezahlen aus Altersgründen, diese Organisation eben auch eine prozentual größere Einbuße zu verzeichnen hat. Das ändert nichts an Problemen, die auch sonst bestehen. Aber es ist statt falschem Alarmismus ein wohltuender Ton an Abgeklärtheit und Rationalität.

Austritt muss nicht Desinteresse heißen

Auch ein Kirchenaustritt von Jüngeren muss übrigens ja keineswegs bedeuten, dass zu Spiritualität und Glaube keine Affinität besteht. Wenn jemand aus einer Partei austritt, hört er deswegen auf, sich für Politik zu interessieren? Wohl kaum – jedenfalls nicht immer. Im Gegenteil ist das oft ein hochpolitischer Akt, weil zu den politischen Zielen oder der politischen Kultur einer Partei nicht länger Übereinstimmung besteht. So muss auch ein Kirchenaustritt längst nicht immer signalisieren, dass sich jemand für Theologie und Kirchenthemen nicht (mehr) interessiert …

Nicht jeder, der aus einer Partei austritt, hört auf, sich für Politik zu interessieren.

Anna-Nicole Heinrich gab sich betont überparteilich bei ihrem Amtsantritt und das wurde von nicht wenigen auch merklich wohlwollend registriert. Bei einem Termin an der katholischen Thomas-Akademie in Linz sprach sie in ihrem Festvortrag denn auch nicht über Tagespolitik, sondern über Zukunftsperspektiven einer menschenzugewandten Kirche und dass sie mit einem bewussten Auftreten als Christin bei vielen Anlässen auch immer wieder Resonanz und Neugierde erlebt.

Aktionsflächen und Debattenkreise

Das führt zu den vielen (vermeintlich) „kleineren“ Projekten, Veranstaltungen und Aktionen, die bei Kirchens stattfinden. Oft ganzjährig oder jedes Jahr aufs Neue. Über die in ihrer Breite jedoch teilweise nur rudimentär berichtet wird. Die in Summe jedoch ein sehr volles, schier überbordendes, jedenfalls sehr vielseitiges, reichhaltiges und vitales kirchliches Leben offenlegen. Zum Beispiel gab es das ganze Jahr 2021 und auch noch 2022 die breit rezipierte Aktion „beziehungsweise“ zum jüdisch-christlichen Gespräch. Jeden Monat ein neues Themenmotto mit dazu passendem Plakat. Viele Kirchengemeinden haben daran partizipiert.

Oder der alljährlich stattfindende Weltgebetstag der Frauen und der neu etablierte Weltgebetstag der Kinder, die in Deutschland und weltumspannend in weit über 100 Ländern mit viel Herzblut und Engagement oft monatelang vorbereitet werden. Rund 800 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer allein in Deutschland auch dieses Jahr, was neben einer dürren epd-Meldung dann in der Berichterstattung und öffentlichen Aufmerksamkeit aber schnell wieder versandet.

Oder die erfolgreiche, viel gefragte und weiterhin anwachsende Vesperkirchenbewegung (vgl. evangelische aspekte 2/2019). Man könnte auch die alljährliche Friedensdekade nennen, und anderes mehr. Eine allgemeine „Schwundlyrik“ muss und sollte man also bei Kirchens nicht unbesehen übernehmen.

Auf dem Buchmarkt wurde in 2021 erfolgreich die neue Übersetzung der „Basisbibel“ platziert. Über 215 000 verkaufte Exemplare können sich sicher sehen lassen. Vergleich: die neue Luther-Bibel 2017 wurde im ersten Vierteljahr rund 320 000 Mal verkauft. Man darf gespannt sein, was sich die EKD zum Jubiläum der Lutherübersetzung 2022 einfallen lässt. Die Übersetzung hatte ja damals zu vielen weiteren volkssprachlichen Bibelübersetzungen angeregt (finnisch, niederländisch, ungarisch…). Sie gab vielen Christenmenschen das Original erstmalig zum Selberlesen in die Hand. Es war die erste Übersetzung aus dem ursprachlichen Text ins Deutsche. Und sie hat durch die Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache für die Verständigungsmöglichkeiten zwischen dem niederdeutschen und süd- und mitteldeutschen Raum eine nicht unwichtige Grundlage gelegt.

Wenn man so will, kann man die Bibel mit ihren beiden Teilen ja generell als das Urdokument schlechthin für die dann sogenannte jüdisch-christliche Tradition bezeichnen (Tanach/Altes Testament: Judentum. Neues Testament: Christentum). Eine Tradition, die – siehe das genannte Projekt „beziehungsweise“ – bis heute und seit über 1700 Jahren einen sehr angeregten gegenseitigen Austausch in Gang halten oder in Gang setzen kann.

Für Schwundlyrik kein Anlass.

Was tut sich in der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland? Als kleiner oder mittelgroßer Player, der sich nicht direkt mit den umfassenden Möglichkeiten des EKD-Kirchenamts vergleichen kann (aber fast!), werden doch ebenfalls zahlreiche interessante, inhaltsreiche und vielversprechende Beiträge gesetzt: Tagungen zu Bonhoeffer oder zur Widerständigkeit christlichen Ethos, Vorträge zu Viktimisierung und Debattenkultur (Aleida Assmann), Inspirationen aus Bibeldialogen, Arbeitskreise zu Themen wie Nachhaltigkeit oder zum Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaft, Bildungsreisen – das alles belegt ein weitgespanntes Tätigkeitsfeld und eine thematische Bandbreite, die sich nicht verstecken muss. Nicht nur mit dem Projekt „Expedition ins jüdische Westfalen“ ist dabei der genannte Gesprächsfaden innerhalb der jüdisch-christlichen Tradition auch innerhalb der Evangelischen Akademikerschaft präsent. (Was lebhafte, energische und klärende Kontroversen nicht ausschließt, sondern ermöglicht!)

Und in der weltweiten Ökumene?

Während in der katholischen Kirche die vom Vatikan initiierte Weltsynode auf die jeweiligen Kontinentalprozesse in der Fläche zusteuert, und während in Deutschland der Synodale Weg eine weitere Etappe nimmt, findet im Kontext ausklingender Pandemiebestimmungen der 102. Katholikentag im Mai in Stuttgart statt. Kaum vorzustellen, dass dabei Fragen der Friedensethik keine Rolle spielen werden. Als Gast wird übrigens Anna-Nicole Heinrich im Programm des Katholikentags vertreten sein. Mit der jüngsten Kurienreform in Rom wurde ja auch katholischerseits Frauen und Laiinnen die Möglichkeit gegeben, Positionen in vorderen Rängen einzunehmen. Vielleicht wird die Einladung zum Katholikentag (da sollten die deutschen Protestanten gut aufpassen) für die EKD-Synodenpräses zu einem Abwerbeversuch?

Beim Thema Friedensethik zeichnet sich jedenfalls in mancher Hinsicht ebenfalls, zumindest teilweise, ökumenischer Gleichklang in etlichen Einschätzungen ab. Denn die EKD scheint sich auf Positionen einer »Komplementären Friedensethik« (vgl. evangelische aspekte 2/2021) zuzubewegen, bei der einerseits um die Notwendigkeit eines staatlichen Gewaltmonopols in einer noch nicht befriedeten Welt gewusst wird, andererseits das ganze Gewicht auf friedenserhaltenden Maßnahmen liegt und Initiativen der Diplomatie stets Vorrang haben. Soldaten „schaffen Raum für politische Verhandlungen, sind aber auf Dauer nur erfolgreich, wenn zivile Friedensarbeit den Frieden stabilisiert.“ Womit die EKD und ihre Vorsitzende Annette Kurschus durchaus an frühere Überzeugungen anknüpfen kann, z.B. die von der Staatsaufgabe, „nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“ (Barmer Theologische Erklärung V), wie das ja auch alten evangelischen Grundüberlegungen entspricht. Dass dabei die Forderung des EKD-Friedensbeauftragten Friedrich Kramer, die Kirche solle laut die Stimme des Friedens erheben, ebenso als ureigener Kirchenton gehört werden muss, wie die sympathische pazifistische Grundstimmung einer Intervention wie der von Margot Käßmann (vgl. auch unsere Heftausgabe zu Pazifismus, evangelische aspekte 4/2014), versteht sich dabei in Kirchenkreisen gewiss von selbst.

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