Radikale Hoffnung Kolumne

Nach der Bundestagswahl wird immer deutlicher, dass sich viel ändern muss, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen.

Wir durchleben eine Zeit der Unsicherheit. Was kann bleiben von unserer Lebensweise, was muss sich ändern? Es ist nicht von ungefähr, dass in der letzten Phase des Wahlkampfes das Thema der sozialen Sicherheit nach oben schnellte. In Zeiten der Unsicherheit ist Zuversicht vonnöten, die Handeln ermöglicht.

Ungewöhnliche Zeiten brauchen ungewöhnliche Vorbilder. Manchmal kann man von Extremen lernen. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear hat sich in einem Buch intensiv mit dem Schicksal und der Geschichte des nordamerikanischen indigenen Volkes der Crow auseinandergesetzt. Das Buch von Lear hat den Titel Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung. Es schildert die Erfahrung eines extremen kulturellen Wandels, der dem Volk der Crow im 19. Jahrhundert aufgezwungen wurde.

Häuptling Plenty Coups (Foto: Edward S. Curtis, Wikimedia Commons)

Über mehrere Stufen wurde unter dem Druck der US-amerikanische Administration das Land, in dem sich die Crow bewegen konnten, immer mehr verkleinert, schließlich zogen sie in den 80er Jahren in ein Reservat. Der Häuptling, der sie dabei geleitet hat, hieß Plenty Coups. Er steht im Mittelpunkt der Beschreibungen von Jonathan Lear. In dessen Memoiren findet sich der zentrale Satz: „Danach ist nichts mehr geschehen“. Es meint den Moment des Einzugs der Crow in ein Reservat. Im Kontext ihrer eigenen Erzählungen, ihrer kulturellen Deutung, gab es nämlich keine Ausdrucksmöglichkeiten für ein sesshaftes Leben.

Solch ein radikaler kultureller Wandel führt nicht einfach zu dem Beginn von etwas Neuem, sondern zunächst einmal zu tiefgreifenden Orientierungsschwierigkeiten. Lear zieht auch einen Vergleich zu den Naturkatastrophen im Klimawandel unserer Zeit. Das wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen in unseren Zeiten. Wir leben in einer scheinbar stabilen Kultur, doch sind die Herausforderungen des Klimawandels radikal, sie sind von der Ahnung begleitet, dass sich unsere Kultur gravierend wandeln muss.

Menschen können sich ihre Handlungsfähigkeit und Zuversicht auch dann bewahren, wenn die Zukunft deutlich anders sein wird als das Gewohnte. Diese Haltung nennt Lear radikale Hoffnung. Sie ist eine Antwort auf einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Sie bezeichnet die Fähigkeit, sich auf das Unbekannte einzulassen.

Es geht aber nicht allein um die Zukunft, es geht bei der radikalen Hoffnung vor allem um die Gestaltung der Gegenwart. Wie werden wir uns zu einer klimaneutralen Gesellschaft weiter entwickeln? Wie werden wir reisen, was werden wir konsumieren, wie werden wir mobil sein? Alle Lebensvollzüge werden von der Klimapolitik betroffen sein. Deshalb ist auch heute eine radikale Hoffnung gefragt, die nicht einfach an dem Bestehenden ansetzt und es fortschreibt. Wir stehen vor einem kulturellen Wandel, vor einer Aufgabe, die weit über die Politik hinaus geht. Dieser Wandel fordert den Veränderungswillen und die radikale Hoffnung aller Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft.

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