Respekt – eine Alltagserkundung

Für viele ist Respekt ein System voller Regeln und Rituale. Im Kern geht es aber um eine innere Haltung, bei der sich Rücksicht mit Empathie paart – und in der auch einmal eine kalkulierte Respektlosigkeit ihren Platz haben kann.

Ich war neun oder zehn Jahre und mit meiner Klasse auf einem Wandertag. Wir waren im Pfälzer Wald unterwegs und an einer Burg angekommen, deren steinernes Gerippe noch so gut erhalten war, dass einige wenige Gebäudeteile ihre ehemalige Funktion erkennen ließen. Der Raum, in dem zum Beispiel die Mahlzeiten zubereitet wurden – und der Raum, der einmal der Ritterschaft und dem Gesinde als Kapelle diente. So erklärte es uns unsere Lehrerin, die beliebt war bei uns. Keine von der strengen Sorte. Die kleine, zum Teil in den Fels gehauene ehemalige Burgkapelle nahmen wir Kinder nun in Augenschein, und auch ich stürmte ausgelassen und lautstark hinein und lauschte dem Klang der eigenen Stimme und quasselte drauflos. Und zu meiner Überraschung setzte es jetzt eine Ohrfeige! Stille. Es hatten alle mitgekriegt. „Fräulein Müller“, so waren wir gewohnt, sie zu nennen, hatte dem Raum, der Ruine, Respekt verschafft. Man lärmt nicht herum in Andachtsräumen, man benimmt sich in ihnen, dem Geist angemessen, dem die einst hier Versammelten dienten, von dem sie sich ergreifen ließen und dabei Stille hielten.

Denk mal, sagt der Respekt

Ich hatte die Lektion gelernt. „Bitte halten Sie Ruhe.“ „Bitte kleiden Sie sich angemessen.“ Als Tourist*innen lesen wir das beim Betreten von Kirchen. Respekt, vom lateinischen respectus, bedeutet Zurückblicken und Rücksicht nehmen. Der Besuch historischer Orte, z.B. der Gedächtnisstätten der Konzentrationslager Nazi-Deutschlands, dient dem Rückblick und dem Respekt vor dem Leiden des jüdischen Volkes und aller vom Regime Entwürdigten. Deswegen wurde Willy Brandts Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos 1970 als eine Geste tiefempfundenen Respekts verstanden. Die so augenfällige Rück-Sicht auf das eigene nationale Verschulden ist die Brücke, über die die Nachkommen der Opfer auf einen zugehen können. Respekt- und Versöhnungsbereitschaft korrespondieren miteinander. Denk mal, sagt der Respekt. Amin Younes, Fußballprofi bei Eintracht Frankfurt, hatte am 20. Februar gerade das 2:0 gegen Bayern München geschossen, als er auf dem Rasen seine Arme hochriss – um (auch) ein Shirt mit dem Portrait und Namen von Fatih Saracoglu in die Kamera zu halten. Dieser ist einer der neun Ermordeten des rassistischen Anschlags in Hanau (20.2.2019). Denkt mal darüber nach, sagt diese respektvolle Geste, die das eigene Glück und das fremde Leid zusammenführt.

Was aber Respekt oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer ist, lässt sich mit Blick auf die bevorstehende Fußball-WM in Katar wohl nicht eindeutig beantworten.  Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Bau der dortigen Stadien führen gerade viele gesellschaftliche Akteur*innen mit dem Anliegen zusammen, Nationen zum WM-Boykott zu bewegen. Die Juristin, ehemalige Leichtathletin und Menschenrechtlerin Sylvia Schenk hält dagegen: „Wer leugnet, dass sich… (in Katar) etwas bewegt hat, der verkennt, was die Gewerkschaften dort geleistet haben“, und den Stolz der Arbeiter auf die Stadien (Frankfurter Rundschau, 24.3.2021). Respekt ist konkret, Entscheidungen „aus Respekt vor…“ bedürfen einer differenzierten Abwägung.

Fremdes respektieren

Ein Raum dient einem bestimmten Zweck, das sollte man eben berücksichtigen. Man betritt den sakralen Ort angemessen, wenn man ihn mit eigenen Augen erkunden möchte. Diese Angemessenheit ist sozusagen der Eintrittspreis, den die Verwalter des Sakralen von mir erwarten, und unabhängig davon, ob ich diese Erwartung als befremdlich empfinde, als für mein Denken überholt, sollte ich es respektieren. Denn gerade dort findet Respekt seinen eigentlichen Ausdruck, wo ich das Fremde fremd sein lasse, ohne es ändern und nach meinem Maß zurechtstutzen zu wollen. Wenn ich es nur verstehe, vertraut muss es mir nicht sein. Auch wenn es heute für mich unverständlich wäre, Ohrfeigen als Mittel zum Zweck einer respektvollen Haltung von „Zöglingen“ einzusetzen, hat mir Fräulein Müller, meine erfahrene Lehrerin mittleren Alters, als Kind eine Ahnung von Respekt vermittelt. (Weil das „Setting“ ihres Unterrichts meinem noch unreflektierten kindlichen Empfinden nach danach war, die Ohrfeige bleibt als Ausnahme in Erinnerung.) Sprengte es nicht den Rahmen der vorliegenden kleinen Erkundung, könnte man hier auch den Respekt entfalten, den die eigenen vier Wände (die Unverletzlichkeit der Wohnung, der „Raum“ der Privatsphäre) genießen, über den Schutz, den das Gastrecht bietet, bis hin zum Asyl-Ort.

Aus der Perspektive eines Anderen

Vieles ist nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. In einer Anekdote aus dem klassischen Athen wird von Diagoras von Melos erzählt, einem Atheisten, der wegen seiner Ansichten nicht viele Freunde hatte. Und als ein Philosoph ihn doch einmal zum Essen einlud, beging Diagoras einen unverzeihlichen Fauxpas. Von seinem Gastgeber gebeten, das Herdfeuer am Brennen zu halten, nahm er mangels Brennholz eine Herkules-Statue, hieb sie in Stücke und warf sie in die Flammen. Sie war doch „nur“ ein großes Stück Holz. Für den Philosophen allerdings ein Zeichen seiner Verehrung eines Halbgottes. Dem Nachdenken, dem zweiten Blick, hätte sich dieser Sachverhalt erschließen können. Aber man sieht eben nur, was man sehen will. Der erforderliche wirkliche Einblick beruht auf Empathievermögen; und somit Respekt auf der Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen.

Respekt vor religiösen Gefühlen

Ich weiß, das Thema Respekt vor religiösen Gefühlen ist ein heikles, weil ihm der Wert der Meinungsfreiheit entgegensteht. Denken wir an die Satanischen Verse von Salman Rushdie, die in der Provokation gipfelten, der Koran sei dem Teufel zu verdanken, und die zu Morddrohungen gegen den Autor geführt haben. Oder der Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo Anfang 2015, die in den Augen der Terroristen den Propheten Mohammed verunglimpfte. Glaubensinhalte in einer Art unflätigem l‘art pour l‘art verächtlich machen oder ins Lächerliche ziehen, ist auf jeden Fall etwas anderes, als Glaubensinhalte (öffentlich) sachlich-kritisch zu hinterfragen und sie argumentativ zu bekämpfen. Glaubensinhalte unmissverständlich zurückzuweisen, wenn sie darauf angelegt sind, übergriffig zu sein, das Leben der Einzelnen in Totalität regeln zu wollen, halte ich für ebenso berechtigt, gerade wenn ihre Befürworter*innen mit diesem totalitären Anspruch auftreten. Übergriffige religiöse Gefühle rufen in mir strikte Respektverweigerung hervor.

Gezielte Respektlosigkeit mit Maß

Es ist aber unmöglich, ganz allgemein eine objektive Grenzlinie zu ziehen, jenseits derer diese Glaubensablehnung in die Schmähung des Glaubens anderer übergeht und sie „verletzt“. Oft wird in diesem Zusammenhang Tucholsky zitiert: „Was darf die Satire? Alles“. Doch sollten Satiriker das Zitat besser nicht wie einen Schirm vor sich aufspannen, um sich ein differenzierendes Feedback vom Leib zu halten. Der Journalist Deniz Yücel (einige Zeit in türkischer Haft wegen angeblicher terroristischer Umtriebe) meinte im Anschluss an den ganzen Tucholsky im Berliner Tageblatt, Satire nehme die Mächtigen, nicht die Schwachen aufs Korn, stelle gegebenenfalls Institutionen, nicht Einzelne bloß. Warum nicht – als kritische Sonde – Paulus‘ Sentenz beherzigen: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“ (1. Kor 6,12). Auch (kalkulierte) Despektierlichkeit kann sein – aber von der Verantwortung, eine Risikofolgeabschätzung vorzunehmen, sollte man die Satiriker*innen nicht entbinden.

Es gibt das Sprichwort: „Der Ton macht die Musik.“ Es ist sehr oft weniger das Ungewohnte, Fremde, Herausfordernde an sich, das irritiert und dazu führt, „zuzumachen“ oder gar wütend zu werden. Es ist mehr das Nicht-Vertraute, in Anmaßung und Arroganz vorgetragen. Respekt ist auch eine Frage der Tonalität.

Respekt und Unterwerfung

Als ich mit knapp 12 Jahren aufs Gymnasium kam, mussten die Studienräte mit „Herr Professor“ (! –  1961 unterrichtete in diesem Gymnasium nicht eine Frau) angesprochen werden. Auch sie schlugen noch, um sich den „nötigen Respekt“ zu verschaffen. Aber diese Respektspersonen, die sie sein wollten, flößten mir eher Angst als „müllerschen“ Respekt ein. (Das „Setting“ und die „Tonalität“ des Gymnasiums waren anders als in meiner dörflichen Grundschule, elitärer…) Die Respektforderung korrespondierte hier mit einer viel stärker gefühlten Gehorsamserwartung, dabei wurden Respekt und Unterwerfung in ein enges Verhältnis zueinander gesetzt. Dass jedoch nur diejenigen Respekt verdienen, die bereit sind zur Zurücknahme des eigenen Anspruchs, die eine titel- und statusgestützte Dominanz drangeben und sich als Menschen und Lehrer*innen im offenen Dialog mit den Schüler*innen bewähren, diese Sicht der Dinge mussten sich Lehrende und Lernende gemeinsam – immerhin noch vor meinem Abitur und Abgang von der Schule – erarbeiten.

Regeln des Respekts

Wenn ich an Vater und Mutter und meine Kindheit denke, fallen mir viele Aufforderungen ein, mich respektvoll zu verhalten bzw. zu erweisen. Wir fuhren mit dem Linienbus vom Dorf in die Kreisstadt mit meinem Gymnasium. „Steh auf, wenn du siehst, dass eine ältere Person stehen muss, und biete ihr deinen Platz an.“ Eine Selbstverständlichkeit. Auf der Dorfstraße grüße man als Kind oder Jugendlicher zuerst, wenn man einem „Erwachsenen“ begegnet. Überhaupt der Respekt vor „den Alten“. Mein Vater kannte sich mit Formularen aus, mit „Bürokram“, mit dem, was man beachten muss, wenn man mit einem Antrag „auf dem Amt“ vorstellig wird. Deswegen baten ihn viele um Rat. Und er wusste Rat oder half beim Ausfüllen. So war ich im Heimatdorf sehr bekannt, wie ich umgekehrt mehr als das halbe Dorf mit Namen kannte. Übrigens: sich den Namen eines anderen, mit dem man in Kontakt war, zu merken, wird von demjenigen bis heute als ein Zeichen von Respekt / Wertschätzung empfunden – „… dass Sie sich meinen Namen gemerkt haben.“

Mein Vater genoss Respekt für seine Hilfsbereitschaft, die niemals herablassend war. Die (bittenden) „Alten“ verdienten (in der Perspektive meines Vaters) Respekt, eben weil sie um Hilfe baten. Einfach weil sie solcher bedürftig waren. Respekt – Rück-Sicht, Perspektivwechsel, Empathie: Die anderen, die nicht in meiner Lage sind, nicht meine Möglichkeiten haben, sehen – ich habe früh gelernt und beherzigt, dass dies die Grundlage dessen war, was im besten Sinne als (Dorf-)Gemeinschaft der unterschiedlich Begabten, der Ungleichen gedieh. Klar, man sah sich angewiesen: auf den Der Arzt im Dorf, der Pfarrer, die Lehrer, sie gehörten zu den „Respektspersonen“. Eine andere Konnotation enthielt das Wort „anständig“. Im Ruf „anständiger Leute“ standen in meiner Erinnerung Männer, die mit ihrem Lohn ihre Familie ernährten, und Frauen, die damit zu haushalten wussten und „ordentlich“ für ihre Kinder sorgten. Wer es nicht immer leicht hatte, sich in seinen Umständen einzurichten, wer Sein und Schein in Übereinstimmung zu bringen wusste, war angesehen. Die ungeschriebenen Regeln des Respekts.

Respekt zwischen den Generationen

Mein Sohn wohnt mit Schwiegertochter und dem eineinhalbjährigen Sohn in einem Mehrfamilienhaus. Der Kleine ist ein Frühaufsteher und beginnt durch die Räume zu laufen und zu lärmen. In der Wohnung darunter lebt eine ältere Frau, in der daneben eine berufstätige, die den ganzen Tag „Kinderlärm“ in der Kindertagesstätte erlebt. Respekt für ihre unterschiedlichen Bedürfnisse benötigen alle. Der Kampf um Respekt ist Alltag, angewiesen auf Austausch und Abwägung, etwa: Was ist vorübergehend, einem Schritt in der Entwicklung geschuldet, und verdient deswegen Duldung? In einem tieferen, grundsätzlichen Sinn hat der libanesisch-US-amerikanische Dichter Khalil Gibran (†1931) die Eltern-Generationen Respekt vor ihren Nachkommen gelehrt: „Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht. Du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken…“.

Dieser Beitrag erschien in der gedruckten Ausgabe in einer gekürzten Fassung.

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