Geschlechtergerechtigkeit im Islam

Im Zusammenhang mit Geschlechtergerechtigkeit ist der Islam seit Jahren im Blickfeld der Debatten und der Kritik. Die Autorin stellt das Thema aus der Sicht moderner muslimischer Frauen dar – eine Sichtweise, die oft zu kurz kommt.

Eine verbreitete Meinung schreibt dem Islam Unzulänglichkeit zu, sich für die Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen, weil die Frauen im Islam eine untergeordnete Stellung haben, die im göttlichen Plan für die Schöpfung verankert und damit unbestreitbar ist. Dabei findet die Stimme des Koran und der muslimischen Frauen, die sich für die Frauenrechte und Gleichberechtigung aus dem Glauben heraus einsetzen, wenig Beachtung.

Der Koran ist ein prophetisches Zeugnis, verankert in der göttlichen Ankündigung aus dem siebten Jahrhundert. Eine aus mündlicher Überlieferung entstandene Schrift, die in den Weltbildern der Spätantike und gesellschaftlichen Strukturen einer Stammesgesellschaft eingebettet ist. Der Koran ist in einer Zeit entstanden, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Geschlechtergerechtigkeit kaum eine Rolle spielten und diese kein Schlüsselthema für die Gesellschaften war. Patriarchale Strukturen waren nicht nur auf der arabischen Halbinsel, sondern auch in anderen Gebieten der Welt vorherrschend.

Die Botschaft des Koran

Es gibt eine große Bandbreite unterschiedlicher Koraninterpretationen und Deutungen, die über Jahrhunderte entwickelte Auslegungsmethoden, philosophische und juristische Anfragen sowie unterschiedliche Machtkonstellationen widerspiegeln.

In Arabisch, der Originalsprache des Koran, gibt es grammatikalisch die Maskulin- und Feminin-Form. Wenn es um Kollektive mit mindestens einem männlichen Mitglied geht, wird die Maskulin-Form verwendet. Demnach sind alle Menschen angesprochen, wenn die männliche Form im Koran verwendet wird. Bezeichnend ist, dass in einigen Stellen im Koran beide Formen nebeneinander benannt werden: „Gott hält Vergebung und reichen Lohn bereit für: gottergebene Männer und Frauen, gläubige Männer und Frauen, fromme Männer und Frauen, rechtschaffene Männer und Frauen, geduldige Männer und Frauen, demütige Männer und Frauen, wohltätige Männer und Frauen, fastende Männer und Frauen, treue Männer und Frauen, und Gottes oft gedenkende Männer und Frauen“ (Koran, 33:34). Nach einigen Überlieferungen ist dieser Vers infolge von kritischen Fragen der Frauen offenbart. Sie fühlten sich ausgeschlossen und fragten den Propheten Muhammad, warum Gott sie in seiner Offenbarung nicht explizit benennt. In einer Überlieferung war Umm Salama, einer der Ehefrauen des Propheten Muhammad, die sich beschwerte und Gerechtigkeit von Gott erwartete. Der Vers 33:34 stellt Männer und Frauen auf eine Stufe und zeichnet auf, dass alle Menschen die Verantwortung für die Schöpfung und für ihre individuelle Handlungsweise tragen.

Der Koran stellt Männer und Frauen auf eine Stufe.

Der Ursprung aller Menschen ist im Koran eine Seele (nafs), die sich evolutionär zu Männern und Frauen entwickelt hat (Koran, 4:1). Die Ansicht, dass der erste Mensch ein Mann und aus seiner Rippe die Frau erschaffen ist, ist nicht mit dem Koran zu begründen. Der gleiche Ursprung – eine Seele, eine nafs – charakterisiert die Gleichheit der Nachkommen aus dieser einen Seele.

Im Vers 9:71 heißt es, dass gläubige Männer und gläubige Frauen sich einander Vertraute sind und gemeinsam zu gutem Wirken aufrufen und vom schlechten Wirken abmahnen. Die Beziehung zwischen gläubigen Männern und gläubigen Frauen in diesem Vers besteht in Vertrauen zueinander und im paritätischen Wirken in der Gesellschaft.

Nach koranischer Mitteilung sind Verschiedenheit und Vielfalt der Geschlechter, Ethnien, Hautfarben, Völker und Traditionen die Zeichen, die auf Gott hinweisen (Koran, 30:20-25). Bei den Geschlechtern heißt es, dass Gott sie aus einer Wesensart erschaffen hat, damit sie beieinander Ruhe finden und die Grundlage ihrer Beziehung Liebe und Barmherzigkeit sind (Koran, 30:21). Wie in zahlreichen Versen im Koran enden die Verse, die auf Vielfalt hinweisen, mit dem Appell „Hören, Nachdenken und Vernunft einsetzen“. In Verbindung mit anderen Stellen im Koran wird geschlussfolgert, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und dass Gott von niemandem mehr erwartet als diese Person leisten kann (Koran, 2:286).

Koranische Prinzipien und ihre Anwendung

Auch wenn im Koran keine direkte Rede von Gleichberechtigung vorhanden ist, was nicht von einer Lektüre des siebten Jahrhunderts zu erwarten ist, sind in ihm die Fundamente für Gerechtigkeit allgemein fest verankert. Der Einsatz für eine gerechte Gesellschaftsordnung gehört zum Hauptverantwortungsbereich der Menschen. Die Veränderungen, die der Koran und Prophet Muhammad für die Frauen auf der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts bewirkt haben, sind Wegweiser für notwendige Änderungen, wenn Ungerechtigkeit herrscht.

Muslimische Frauen wollen ein selbstbestimmtes Leben, mit oder ohne Hijab. (Foto: mentatdgt, Pexels.com, CC0)

Gerechtigkeit als Rechtsprinzip setzt die Verschiedenheit der Menschen voraus. Rechtliche Gleichheit meint nicht „Gleichheit der Identitäten“, vielmehr fordert sie Selbstbestimmung und gleiche Rechte für alle Menschen. Trotz allgemeiner Erklärung der Menschenrechte (1948) und Gleichstellung der Männer und Frauen in den Verfassungen der westlichen Staaten ist die Geschlechtergerechtigkeit auch in diesen Staaten ein Recht, das weiterhin und immer wieder erstritten werden muss.

In den meisten muslimisch geprägten Gesellschaften herrschen patriarchale Gesinnungen, die die Gesellschaftsordnung bestimmen. Die koranische rechtlich-materielle Ungleichheit zwischen Mann und Frau (Erbrecht, Zeugenaussage und angebliche Überlegenheit des Mannes in der Verantwortung für die Familie) – wenn sie nicht im Kontext der Offenbarungszeit gedeutet werden – bieten die Grundlage für eine von Gott bestimmte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Das Bemühen um eine zeitgemäße Geschlechtergerechtigkeit aus islamischer Perspektive verlangt eine Hermeneutik, die den Koran als historisches Zeugnis versteht, das seiner Universalität kontinuierliches Verstehen und Auslegen abverlangt.

Loyalität zum Koran bedeutet nicht, alte Denkmuster unreflektiert zu übernehmen.

Hierfür setzen sich muslimische Frauen ein, die davon überzeugt sind, dass Gott sie als gleichwertige Geschöpfe erschaffen hat. Die Loyalität zum Koran und zur Tradition bedeutet nicht, die alten Denkmuster und Riten unreflektiert zu übernehmen. Die Treue zur Tradition verlangt, die koranischen Bestimmungen vernünftig und entwicklungsoffen zu deuten, wie der Koran selbst stets an Nachdenken und Einsatz der Vernunft appelliert.

Die religiös geprägten Frauenbewegungen verstehen den Glauben als wichtige Komponente der Identitätsbildung; für sie ist die Vereinbarkeit des Glaubens mit der Partizipation in der modernen Welt eine Selbstverständlichkeit. Es wäre wünschenswert, die Stimme dieser Frauen zu hören, die beides miteinander verbinden können und dafür eigene Wege und Möglichkeiten entdecken. Ma`sume Ebtekar, die frühere Leiterin der Frauen NGOs und die Beraterin des Präsidenten Khatami sagte einst in einem Interview über das Thema „Die Frauen im Aufbruch – Die Erfahrungen in Vergangenheit und Visionen von Morgen“ folgendermaßen: „Heute gibt es zahlreiche gebildete muslimische Frauen, die sich der Tradition verbunden fühlen, sich aber von strengen und engen Sichtweisen distanzieren. Es ist nicht mehr möglich, dass die Frauen sich mit den Jahrhunderte alten Traditionen zufriedengeben, die auf ihre Wünsche und Bedürfnisse entsprechend der Realitäten der Zeit keine Rücksicht nehmen. Die religiösen und moralischen Werte sind wichtig, aber mit Stagnation kann man die Werte nicht schützen. Stillstand im Namen der Bewahrung der religiösen Werte steht in Widerspruch zum Islam, der die Entwicklung und Bewegung als Wesen des Daseins versteht. Es ist nicht möglich aus Sicht des <Gestern> den Herausforderungen des <Morgen> gerecht zu werden“ (Zeitschrift payame zan, Die Botschaft der Frau, Sonderausgabe, Nr. 11, 2004, S. 69).

Im Koran heißt es, dass Gott die Situation eines Volkes nicht ändert, bevor es seine Gesinnung und seinen Zustand selbst ändert (Koran, 13:11). Die Verantwortung liegt in den Händen der Menschen, die sich mit bestem Wissen und Gewissen den Herausforderungen stellen und bedacht und vernünftig nach Lösungen und Auswegen suchen.

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