Warum uns mehr Respekt vor der Natur stärken würde Über die Bedeutung der Empathie in Krisenzeiten

Der Begriff Anthropozän steht für unser Zeitalter, weil vom menschlichen Handeln das Wohl des Planeten abhängt. Wenn uns der Respekt vor der Natur vergeht, vergehen wir selbst. Mit mehr Naturliebe und zwischenmenschlicher Empathie dienten wir unserer Selbst- und Welterhaltung.

Die derzeitige Pandemie bedeutete für Menschen weltweit eine enorme Belastung: Der eine Aspekt betrifft das pathogene Potential des Virus selbst, der andere die reaktiven Maßnahmen, die zur Verhinderung der Ausbreitung der Infektion getroffen werden und unser Leben seit nunmehr über einem Jahr in massiver Weise einschränken. Der Virus hält uns unsere Verletzlichkeit und Sterblichkeit vor Augen. Nicht weniger schwerwiegend sind die einschränkenden Maßnahmen. Dass viele Betriebe, Kindergärten, Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen schließen mussten, dass alte Menschen nicht mehr besucht werden konnten und in Seniorenheimen wiederholt wochenlang komplett isoliert waren – das alles sind sehr schwere Belastungen. Der Anteil der Menschen, die von verschiedenen Formen einer Depression betroffen sind, hat sich in den letzten Monaten mehr als verdoppelt, nach einigen Untersuchungen sogar vervielfacht.

Eine Krise ist auch eine Chance

Die gegenwärtigen Belastungen gehen an den Kern unseres Lebensgefühls, sie betreffen das menschliche „Selbst“. Menschen, die von Symptomen wie ständiger Angst und Depressivität betroffen sind, erleben eine Gefährdung, und oft dann eine tatsächliche Schwächung des Selbst. Doch können Belastungen nicht nur zu einer Schwächung führen, sie können auch eine Stärkung des Selbst zur Folge haben. Wenn Menschen mit Krisen oder schwierigen Situationen konfrontiert sind, liegt es nahe, sich umzusehen, wie Menschen sich zu anderen Zeiten in Belastungssituationen verhalten haben. Ich denke hier an den österreichischen Arzt und Psychotherapeuten Viktor Frankl. Frankl lebte zwischen 1943 und 1945 in mehreren nationalsozialistischen Konzentrationslagern, wo er beide Eltern, seine noch junge Frau und seinen Bruder verlor. Seine Erfahrungen im Konzentrationslager sind mit dem, was wir heute an Belastungen erleben, nicht vergleichbar. Doch es war Frankl selbst, der die Erkenntnisse und Lehren, die er aus seiner Erfahrung im Konzentrationslager gezogen hatte, auf das Leben außerhalb des Konzentrationslagers übertrug und uns aufforderte, die Lehren, die er für sich gezogen hatte, für uns fruchtbar zu machen.

Viktor Frankl, 1965 (Foto: Prof. Dr. Franz Vesely, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)

Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus hielt Viktor Frankl im Herbst 1945 im Wiener Arbeiterviertel Ottakring drei Vorträge, die in komprimierter Form bereits alles enthalten, was er in den darauffolgenden Jahrzehnten zur sogenannten Logotherapie entwickeln sollte (einer kürzlich im Beltz Verlag erschienenen Neu-Herausgabe durfte ich ein Vorwort mitgeben – V. Frankl: Vom Sinn des Lebens). Viktor Frankls sogenannte Logotherapie sollte ein eigenständiger, heute weltweit anerkannter Beitrag zur Seelenheilkunde werden. Eine zentrale Erfahrung für Frankl im Konzentrationslager war: „Der Mensch schmolz zusammen auf sein Selbst“, er wurde „auf die Nacktheit und Blöße seiner Existenz zurückgeführt“. Wenn alles jenseits des persönlichen Selbst-Kerns – wie es Frankl ausdrückte – „eingeschmolzen“ wird, dann ist der Mensch sich selbst ausgesetzt. Werfen wir einen Blick auf dieses innere „Selbst“, das wir alle in uns tragen.

Das isolierte und das Widerhall findende innere Selbst

In nicht belasteten Zeiten ist unser Selbst kein „nacktes“ Selbst. Durch die Beziehung mit anderen Menschen und durch das, was wir tun und erleben, können wir unser Selbst zu einem „Extended Self“ erweitern. Wichtige Möglichkeiten der Selbst-Erweiterung sind der Erwerb von Bildung, die Arbeit, der Sport oder kulturelle Betätigungen. Wo das Selbst die Chance wahrnimmt, sich zu erweitern, tritt der Mensch mit der Welt in Resonanz. Umgekehrt hat die Resonanz, die wir zwischen uns und der Welt erleben, eine Stärkung unseres inneren Selbst zur Folge (Ausführlich in: J. Bauer: Wie wir werden, wer wir sind). Krisensituationen, Unfälle, Krankheiten, Trennungen, soziale Isolation, der Tod naher Angehöriger beeinträchtigen die Möglichkeiten der Selbsterweiterung. Die derzeitige Pandemie nimmt vielen Menschen die Arbeit; sie reduziert die Möglichkeit zum persönlichen Austausch, zu zwischenmenschlicher Resonanz; sie hat das kulturelle Leben zum Erliegen gebracht; auch der Sport war und ist nur noch eingeschränkt möglich.

Sinn in der scheinbaren Sinnlosigkeit.

Wie können Menschen mit einer Krisensituation umgehen? Die entscheidende Frage für Viktor Frankl war, ob wir, anstatt in einer Krise zu resignieren, unser Selbst erhalten – ja ob wir es vielleicht sogar stärken können. Frankl folgend, kommt es dabei wiederum darauf an, ob der Mensch der scheinbaren Sinnlosigkeit einen neuen, eigenen Sinn entgegenstellen kann. Als wichtigste Sinnquellen nennt Frankl das Lieben und Geliebt-Werden; das Handeln, das Tätigsein; die trotz Krise verbliebene Möglichkeiten des Genießens; das Naturerleben; und die Erkenntnis, dass auch Leiderfahrungen etwas Wertvolles sein und Sinn ergeben können.

Unsere wichtigsten Ressourcen: Liebe und Natur

Zwei der genannten Sinn-Quellen möchte ich hier besonders hervorheben: zum einen den Bereich „Lieben und Geliebt-Werden“ zusammen mit dessen wichtigster Komponente Empathie; zum anderen den Bereich des Naturerlebens. Warum gerade diese beiden Bereiche? Neuere Forschungsarbeiten zeigen, dass zwischenmenschliche Empathie und die Liebe zur Natur zusammenhängen. Einerseits zeigen Menschen, die häufiger als andere Zeit in der Natur verbringen, mehr zwischenmenschliche Empathie. Umgekehrt zeigen Menschen mit stark ausgeprägter zwischenmenschlicher Empathie eine größere Liebe zur und eine höhere Rücksichtnahme gegenüber der Natur. Da sich sowohl zwischenmenschliche Empathie als auch Naturliebe günstig auf die seelische und körperliche Gesundheit des Menschen auswirken, stehen Empathie, Naturliebe und menschliche Gesundheit in einem Dreiecksverhältnis der Wechselseitigkeit.

Depressionen haben in der gegenwärtigen Krise weltweit zugenommen. Ihr Kennzeichen ist ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Sinn in einer schwierigen Lage finden wir, so Frankl, wenn wir uns in einer gegebenen Situation fragen „Was erwartet das Leben von mir? Welche Aufgabe im Leben wartet auf mich?“. Wir sind also aufgerufen, auch in der jetzigen Krise die Fragen zu hören, die das Leben an uns stellt: Wo können wir Liebe geben, und wo sind Menschen, die uns ihre Hilfe, vielleicht sogar ihre Liebe anbieten? Wo können wir handeln oder tätig werden? Wo finden sich verborgene Möglichkeiten, trotz allem etwas Schönes zu genießen? Wo und wie finden wir Wege in die Natur, um dort aufzutanken und zu spüren, dass wir Teil von etwas Größerem sind? Und ein Letztes, das uns Viktor Frankl ausdrücklich mitgegeben hat: Verzicht und uns auferlegtes Leiden sollten wir nicht schönreden oder verdrängen, sondern es als das gelten lassen, was es ist; Frankl schlägt vor, auch Leiden als eine wertvolle Erfahrung zu sehen und es bewusst zu ertragen.

Gemeinschaft – der Resonanzkörper des Individuums

Es ist erst wenige Jahre her, dass das Selbst des Menschen auch in den Fokus der Neurowissenschaften geriet. Die Entstehung des menschlichen Selbst und seiner neuronalen Korrelate beruht auf spiegelnden, empathischen Interaktionen zwischen dem Säugling und seinen Bezugspersonen im Verlauf der ersten Lebensmonate. Nicht nur die Entstehung des Selbst, auch seine Aufrechterhaltung braucht den anderen Menschen. Der Sinngehalt von Worten versetzt die neuronalen Selbst-Systeme unseres Gegenübers in Resonanz und kann den anderen Menschen stärken oder schwächen. Was wir uns gegenseitig sagen, verändert die Biologie des jeweiligen Gegenübers. Der Sinn der Worte, die wir uns sagen, kann neurobiologische Veränderungen im anderen Menschen veranlassen. Hier trifft sich die moderne Neurowissenschaft mit Viktor Frankl.

Die Pandemie hat viele Menschen in eine Krise gestoßen. Niemand kann sich selbst „erlösen“. Wir brauchen einander, wir brauchen die Zuwendung, die Empathie des Anderen, um unser Selbst zu erhalten. Daher ist es von überragender Bedeutung, dass wir während dieser Epidemie nicht alleine stehen müssen, sondern uns gegenseitig begleiten, halten, stützen und das Leid gemeinsam tragen. Dass wir gestützt auf empathischen Zusammenhalt durch diese Krisen kommen, vielleicht sogar gestärkt aus ihnen hervorgehen können, ist ein Versprechen, auf das wir auch als Christen vertrauen dürfen.

Zum Weiterlesen

Joachim Bauer: Fühlen, was die Welt fühlt. Die Bedeutung der Empathie für das Überleben von Menschheit und Natur. Blessing Verlag 2020; Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing Verlag 2018.

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