Sich-Festmachen an Gott Bibel und Bild

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich. (Ps 63,9)

Wer klettert, weiß, wie herausfordernd es sein kann, sich an einer steilen Felswand nach oben zu bewegen. Der Blick nach unten kann Angst machen. Der Weg nach oben verlangt Mut, Kraft und Vertrauen. Halt ist nicht immer sofort sichtbar und ebenso wenig spürbar. Man tastet sich langsam voran, sucht nach kleinen Vorsprüngen in der Felswand, an denen man sich festhalten und hochziehen oder auf die man sich stützen und hochdrücken kann. Jeder Tritt, jeder Griff ist ein Wagnis. Doch an bestimmten Punkten auf der Kletterroute gibt es Sicherungen. Es sind kleine Metallringe, an denen man einen Karabinerhaken befestigen kann. Und wer sich dort mit einem Karabinerhaken eingehängt hat, weiß: „Jetzt bin ich sicher. Auch wenn ich stürze, stürze ich nicht ab, sondern bin gehalten.“ Diese Gewissheit schenkt neue Zuversicht und neuen Mut, weiter zu klettern, nach oben zu schauen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Dieses Bild vom Karabinerhaken beim Klettern lässt sich auch auf den Glauben übertragen. Auch der Glaube schenkt Halt – manchmal gerade dann, wenn der Boden unter unseren Füßen brüchig wird und wir zu fallen drohen. Wenn Lebenswege steil und unübersichtlich werden, wenn wir uns in Unsicherheit verlieren oder keinen festen Griff mehr finden, gerade dann kann der Glaube Halt geben. Der Glaube trägt durch Zeiten der Angst, durch Täler der Erschöpfung und durch Phasen, in denen wir nicht weiterwissen. Der Glaube trägt aber auch in Zeiten der Freude und des Gelingens. Im Glauben mache ich mich fest an Gott: nicht nur in einem bestimmten Aspekt, sondern in meinem ganzen Dasein. Ich verlasse mich darauf, dass Gottes Hand hält. In dieser Verbindung liegt eine Kraft, die trägt, auch wenn eigene Kräfte schwinden. Es ist ein Gehaltensein, das nicht von meiner eigenen Stärke oder Schwäche abhängt.

In Psalm 63 heißt es: „Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich“ (Ps 63,9). Glaube ist nicht nur ein Fürwahrhalten, sondern ein Sich-Festmachen. Glauben heißt, Gott vertrauen und auf ihn seine Zuversicht setzen. Martin Luther hat es so ausgedrückt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Im Vertrauen gleicht das Herz einem Karabinerhaken, das sich fest an Gott macht. Dieses extra nos des Glaubens, das Sich-Herauswagen aus sich selbst hin zu Gott, verhilft dazu, sich selbst neu zu spüren und neue Kraft zu erfahren.

Glauben bedeutet aber nicht, dass es keine Zweifel oder Sorgen mehr gibt. Oft genug scheint die eigene Lebenserfahrung der Zuversicht des Glaubens zu widersprechen. Immer wieder gibt es Situationen, in denen wir nach Orientierung und Halt suchen, in denen wir nicht weiterwissen oder ins Leere greifen. Der Glaube ist dann nicht die Abwesenheit von Zweifeln, sondern das Vertrauen darauf, dass Gott trotz allem bei mir ist. Auch wenn ich kraftlos bin, trägt mich seine starke Hand: „Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich“ (Ps 63,9).

Zum Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar