Ahnung des Ufers Bibel und Bild

Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; einer Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. (Apostelgeschichte 27,39)

Der Himmel ist in Aufruhr. Sturmböen, Gewitterwolken, Donnergrollen. Der Horizont ist verhangen, gewaltige Schwaden von Dunst nehmen jede Sicht. Vor der Wetterwand liegt ein Schiff. Über ihm ziehen sich die dunklen Wolken wie eine Hand zusammen, als wollten sie es zerschmettern. Ganz im Gegensatz dazu die ruhige See fast ohne Wellengang hinter dem Heck. Aus ihr heraus scheint das Schiff in die ungewisse, weiß gehaltene Lichtung im Zentrum des Bildes fast hineinzuschweben.

Die Künstlerin und evangelische Theologin Julia Johannsen „malt Seelenzustände, Gefühle, Stimmungen“. Bei ihr „füllen transparente Landscapes sich mit explosiven Spuren und Fragmenten, aufgewischt und aufgespritzt“, so Magdalena Grandmontagne in einer Laudatio. Ihre Staatsexamensarbeit schrieb Johannsen zu: „Betrachtung des Lichts in Johannes 8,12 und in der Glasmalerei sakraler Räume von Hermann Juncker, Johannes Schreiter und Gerhard Richter“. Jesu Zusage „Ich bin das Licht der Welt“ kennt sie also ebenso gut wie die Kunst, dieser Botschaft bildhaft Ausdruck zu verleihen. „Am Ende des Tages sehe ich den Himmel lieber dunkel blau als schwarz“, schreibt sie selbst. Ihr Bild zeigt gerade auch die Zwischentöne dieser Farben. Trotz der bedrohlichen Szenerie ist es insgesamt in hellen Tönen gehalten. Es ist bei allem Ausdruck der Bedrohung kein Bild des Untergangs, sondern der Bewahrung.

Das im Sturm bedrohte und bewahrte Schiff ist ein biblisches Motiv. Angefangen von der Rettung Noahs und seiner Familie in der Arche (1. Mose 7–9) über das Unwetter bei der Überfahrt des Propheten Jona nach Tarsis (Jona 1) bis zur Stillung des Sturms durch Jesus auf dem See Genezareth (Markus 4,35-41) und zum abenteuerlichen Schiffbruch von Paulus am Ende der Apostelgeschichte. Julia Johannsen malt keine Szene aus diesen Geschichten und malt sie doch alle, indem sie die verbindende Erfahrung von Angst einerseits und Hoffnung auf Rettung andererseits in Farbe und Form fasst. Sind da noch mehr blaue Segel im Nebel, vielleicht vom Sturm schon zerfetzt? Oder ist dort schon die Küste, das bergende Ufer?

Wie es sich anfühlt, auf hoher See in einen Sturm zu geraten und im Tosen der Elemente um das eigene Leben fürchten zu müssen, davon können heute Menschen erzählen, die über das Mittelmeer geflüchtet sind. Die UN-Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass seit 2014 mehr als 20.000 Frauen, Männer und Kinder dabei ihr Leben verloren haben. Auch wenn dafür nicht mehr wie in biblischer Zeit hölzerne Segelboote, sondern motorisierte Schlauchboote zum Einsatz kommen, ist die existentielle Erfahrung vergleichbar. „Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin“ (Apg 27,20).

Julia Johannsens Bild macht keine Versprechungen, noch verkündigt es Verheißungen. Aber es lässt eine Erfahrung spürbar werden: Auch im Auge des Sturms gibt es Hoffnung auf eine Rettung, die nicht in unserer Hand liegt, die Ahnung eines bergenden Ufers. „Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre.“

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