Das Geschaffene auf das Ewige hin transparent machen Die mittelalterliche Allegorese als Prinzip der Kunst

Das mittelalterliche Denken sucht hinter der Welt der Dinge das Geistige. Aus dieser allegorischen Sichtweise heraus eröffnet der Philologe Friedrich Ohly eine faszinierende Bedeutungsvielfalt. Am Beispiel des Doms von Siena zeigt er die Kathedrale als Zeitenraum.

Reisen ist wieder möglich. Nachdem das Virus monatelang den Tourismus zum Erliegen gebracht hat, weitet sich für die Menschen wieder der Horizont. Zu den beliebten Formen des Reisens gehört seit jeher die Bildungsreise. Schon Goethe ist über die Alpen nach Italien gepilgert. Und dorthin zieht es immer noch viele Deutsche auf den Spuren des großen deutschen Dichters.

Goethe war auf der Suche nach der Kunst der Antike, die für ihn ein Ideal darstellte. Heute sind es auch historische Schätze, die die Menschen anziehen. So ist zum Beispiel die Toskana damit reich gesegnet. Besucherinnen und Besucher zieht die einzigartige Mischung von pittoresken Dörfern, malerischen Landschaften und Städten mit unermesslichen Kunstschätzen an.

In der Toskana ist Florenz der größte Besuchermagnet, wo die schiere Masse an historischen Bauten die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann schlägt. Angepriesen wird die Region in den Reiseführern besonders wegen ihres riesigen Kulturerbes.

Sienas Kathedrale – ein Gesamtkunstwerk

Mit Florenz, das als Paradebeispiel einer Renaissance-Stadt gepriesen wird, liegt seit jeher Siena im Wettstreit um die Führungsrolle auf politischer, wirtschaftlicher oder auch künstlerischer Ebene. Auf jeden Fall gilt Siena als eine der schönsten Städte der Toskana. Und wer einmal das Ensemble der historischen Gebäude erlebt hat, wird von dem faszinierenden Eindruck unweigerlich in den Bann geschlagen. „Wenn man in Siena ist: Atemberaubend und erschlagen von Prunk, Kirche, Geschichte, Faszination und Schönheit“, schreibt ein Besucher begeistert im Netz. Nicht umsonst gehört die historische Altstadt seit 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Universität Siena ist eine der ältesten Italiens.

Das Wahrzeichen der Stadt ist der mächtige Dom mit seiner mit schwarzen und weißen Streifen gestalteten Außenfassade. Die Bauphase dauerte insgesamt 200 Jahre. Als eine der Besonderheiten des Doms wird der Boden beschrieben. Er besteht aus Tafeln mit Intarsien aus Marmor. Sie zeigen Figuren und Szenen aus dem Alten Testament. Die Fertigstellung dieses weltweit einmaligen Prunkstücks dauerte sechs Jahrhunderte vom 14. bis zum 19. Jahrhundert.

Die prunkvolle Ausstattung bei einem Besuch zu erfassen, ist nahezu unmöglich, selbst im Falle einer kundigen Führung. Die Kathedrale ist ein Gesamtkunstwerk. Dessen Bedeutungshorizont hat der Philologe Friedrich Ohly ausgeleuchtet. In beeindruckender Weise zeigt er auf, dass jedes Detail in der Kathedrale seinen festen Ort hat. Es würde an anderer Stelle seinen Sinn verlieren.

Signifikanz der Dinge in Welt und Schrift

Das Verdienst des 1996 verstorbenen Wissenschaftlers ist es, die mittelalterliche Lehre von der Signifikanz der Dinge in Welt und Schrift, die Allegorese, als einen zentralen Ansatz der Interpretation und als Gegenstand interdisziplinärer Grundlagenforschung an der Universität etabliert zu haben. Nach seiner Rückkehr aus neunjähriger russischer Kriegsgefangenschaft verfolgte Ohly ab 1953 konsequent diese Forschungsrichtung. Nach seinem Ruf an die Universität Münster 1964 bildete er dort seinen eigenen Forschungsschwerpunkt aus, die mittelalterliche Bedeutungsforschung.

Wenn auch nicht alle Ergebnisse dieser Bedeutungsforschung auf Zustimmung bei den Fachkollegen stoßen, lohnt die Beschäftigung mit Ohlys Interpretation der Gestaltung der Kathedrale von Siena allemal, weil er einen theologischen Horizont eröffnet, der die Weite mittelalterlichen Denkens zeigt, die uns auch heute noch vielfache Anregung geben kann. Seiner Interpretation liegen die Grundzüge der mittelalterlichen Bedeutungslehre zugrunde.

Theologisch-spirituelle Ordnung statt museales Durcheinander

„Das vermeintlich perspektivlose Mittelalter hat die eigene, ihm gemäße Art der Perspektive in der Transparenz des Seienden“, schreibt Ohly. Sie leite vom Fundament zum Gewölbe, vom Irdischen zum Himmlischen. „Ihr Wesen ist nicht Verkürzung, sondern Weitung ins Erhabene. Sie relativiert nicht durch einen irdischen Blickpunkt, sondern richtet auf das Absolute aus, macht das Geschaffene auf das Ewige hin transparent. Sie ist nicht physiologisch-visueller, sondern theologisch-spiritueller Art und bestimmt als solche die Kunst der Erhabenheit“ (alle Zitate aus: F.O.: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung. Darmstadt 1977).

Aus diesen Grundsätzen heraus erschließt Ohly die Kathedrale. „Die Kathedrale von Siena zeigt … die Unvertauschbarkeit des Ortes der Befindlichkeit der Kunstwerke im Raum, wo sie nicht Ornament, sondern Ordnungsglieder einer geistigen Welt sind. Ihr Kosmos würde ein Chaos, dächte man sie umzustellen und umzuhängen wie im Museum“.

Raum und Geschichte

Vor diesem Hintergrund ordnet Ohly die Bedeutung des Fußbodens ein. „Wer über den Boden geht, wandert über den Zeitraum der bekannten geschichtlichen und räumlichen Welt der Alten, so Ohly. Und er fügt hinzu: „Der Fußboden bis zur Schwelle des Altares ist das aufgeschlagene Buch der Vorgeschichte Christi als des tragenden Grunds und Fundaments der Kirche.“

Löwen stützen die Säulen der achteckigen Kanzel. (Foto: JoJan, commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der Fußboden als der Boden des Gesetzes sei der Boden auch des Buchstabens, des tötenden, über den die Kirche im Raum des lebendig machenden Geistes sich zu erheben hat, auch als Gebäude, so Ohly. Mit dem Übergang vom „heidnischen“ Langhaus zum „jüdischen“ Vorraum des Altars werden die Wortprophetien des Hermes und der Sybillen abgelöst durch die typologischen Realprophetien aus der jüdischen Geschichte des Alten Testaments. Elias, Moses, David, Abraham sind handelnde, nicht redende Propheten, deren Taten – Kämpfe, Wunder und Gottesdienst im Opfer – das Leben der Kirche präfigurieren konnten.“

Bedeutung im Detail

Jedes Detail erschließt sich Ohly aus der Perspektive der Bedeutungsforschung. Über den Säulenkapitellen, in einem höheren Rang, getragen von den Kardinaltugenden, den theologischen Tugenden, Propheten und einer Sybille, vertritt der Kanzelkörper die heilsgeschichtliche Zeit der Kirche von Christi Geburt bis zum Jüngsten Gericht“, erläutert der Wissenschaftler.

Auch die Wahl der Zahlen ist laut Ohly nicht zufällig. „Die Zahl 172 der hier zu sehenden Päpste ist idealtypisch. Hundert ist die Zahl der Vollkommenheit, zweiundsiebzig die Zahl der Völker auf der Erde. Es kann kein Zufall sein, dass auch die Pfeiler des Langhauses zwischen Basis und Kapitell in der Regel 72 schwarze und weiße Marmorstreifen haben und die gleiche Streifenzahl in Weiß und Grün am Campanile wiederkehrt“. So erschließt sich Ohly Zug um Zug die Kathedrale und nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine faszinierende Welt der Bedeutungen und Sinnzusammenhänge.

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