Katholische Lösungen Stilfragen der Weltkirche

Ausgehend von der biblischen Friedensbotschaft stellt sich immer neu die Frage, wie das Verhältnis von Politik und Kirche sich gestalten soll. Auf Weltebene und in weltkirchlicher Perspektive tun sich interessante Möglichkeiten auf. 

Der Friede sei mit euch!“ Was für ein schöner Gruß. Und was für ein sprechendes Motto. Ein Wort wie ein Programm. Eine Ansage, die wie eine Überschrift über dem Folgenden steht. Die ihm eine inhaltliche Kontur gibt, es von Beginn an prägt.

Immer wieder hat es in der Geschichte solche programmatischen Worte gegeben, die Generationen geprägt haben: Eine bestimmte Losung wird ausgegeben, an der sich das Weitere orientiert. Erkennungsformeln, kurze Parolen, mit denen sich Inhalte verbinden, mit denen Anhänger sich identifizieren: die stilbildend wirken.

Der Friede Gottes als Leitkategorie

Dass es der Friede Gottes ist, der in der Kirche die erste Stelle einnimmt, leuchtet sicher ein. Wer das Wort Friede hört, wird an vieles denken – im Kirchenraum ist der Frieden von und mit Gott immer mit gedacht. Äußerlich Frieden halten kann letztlich nur, wer innerlich mit sich „im Reinen“ ist.

Die beste Friedensarbeit hat daher immer Menschen zum Ausgangspunkt und als Ziel, die in sich solchen Frieden haben. Mit dem Menschen innerer Unruhe und inneren Streits ist es auf Dauer schwierig, in Frieden zu leben und zu sein. Es muss dann äußere Barrieren geben, Grenzsetzungen und Gesetze, die die Streitsucht dämmen und verhindern. Ein wirklicher Friedenszustand sieht anders aus.

Einheit ist daher weder Aufgabe noch fernes Ziel: Sie liegt schon vor.

Genauer betrachtet, lautet das Leitwort daher im kirchlichen Raum: Der Frieden Christi. Denn es ist der Frieden gemeint, der den Menschen von innen heraus zufrieden stellt, die wabernde Unruhe nimmt und echte Ruhe schenkt. Der Friede, der dem Menschen zeigt, dass er in Gott schon alles hat und haben könnte. Unser Herz ist unruhig, oh Gott, bis es ruht in dir.

In illo uno unum – in diesem einen: Einigkeit

Gerade in weltkirchlicher Sicht kann und dürfte es daher kaum einen schöneren und besseren Leitspruch geben als in illo uno unum: In diesem sind die (vielleicht äußerlich verstreuten und zerstreuten) Kinder Gottes schon jetzt ganz eins. Scheinen auch äußere Hindernisse und Einwände dagegen zu sprechen, der wahre Hirte kennt doch seine Schäflein, und die Schäflein kennen ihn. Einheit in diesem Sinne ist daher weder Aufgabe noch fernes Ziel: Sie liegt schon vor. Sie muss auch nicht erst deklariert werden, weil ihr Grund und ihre Begründung in ihrem Stifter liegt, nicht umgekehrt.

Was nun genauer heißt: In illo uno unum? Die prägnante, kurze Formel stammt von Augustin, aus einer Auslegung zu Psalm 127, in der der afrikanische Kirchenvater formuliert: Selbst wenn es viele sind, sie sind in diesem einen eins.

Wer ist Jesus Christus für uns heute?

Wenn somit stimmt, dass in diesem eine Einheit und Gemeinsamkeit bereits gegeben ist, ergibt sich umso dringlicher die Frage: Wer war und ist denn dieser? Wer ist Jesus Christus für uns heute? – Das ist gut gefragt.

Wenn die Kirche nach ihrer Sache fragt, wird es daher selten an erster Stelle um politische Programme gehen, um die berühmte Tagespolitik. Für die Politik gibt es (ja) die Politiker. Die großen Staatsmänner und -frauen. Die großen Staatenlenker. Für die Kirche aber gibt es die Kirchenleute, das berühmte „göttliche“ Bodenpersonal.

Exegese! Frische Paulusauslegung hilft

Gut gefragt also. Und wo ließen sich die Antworten darauf besser und ursprünglicher finden als in einer frischen, gegenwartsbezogenen Paulusexegese! Schon für einen Denker wie Augustin war die Auslegung der Paulusbriefe eine wichtige Inspiration. Und natürlich auch – wie schon gesehen – die Auslegung der Psalmen, wie insgesamt die Schriften des alten und des neuen Testaments.

Ansatzpunkte dafür gibt es viele. Paulusleser und -experten werden vielleicht an die kräftige Betonung und den starken Einsatz des Apostels mit „So haben wir also Frieden mit Gott!“ denken (im Römerbrief). Was der Frieden alles bedeutet und bedeuten kann, zieht sich durch viele Kapitel des Neuen Testaments. Und schon von Beginn an, von den Tagen der Urgeschichte und der Erzeltern her ist er vielfach ausgesprochen, abgeschritten, ausgedeutet. Um nicht zu sagen: bereits vollumfänglich anwesend und existent. Jedenfalls angekündigt, anklingend, in Grundzügen erkennbar, wenigstens graduell angedeutet („prae-existent“). Man wird vielleicht schwanken und manchmal sagen: Hier oder da ist er mehr geheimnisvoll ahnend versprochen oder angekündigt. Und manchmal: Hier ist er schon ganz da.

Das Charisma der Kirchen

Und von da aus ergibt sich dann auch vieles für die unterschiedlichen Lebens-, Existenz-, und Sinnfragen des Menschen. Dass die menschliche Existenz nicht anonymes Zufallsprodukt ist, gehört gewiss zum Grundbestand der Theologie im Kirchenraum. Der Mensch ist (von Gott) so geschaffen, dass er eine Aufgabe und einen Platz im weiten Erdenrund hat und für sich finden kann. Das Verständnis und die Auslegung der überlieferten Glaubenswelten und Schrifttraditionen wollen dabei eine Hilfe sein.

Die Unterscheidung von Geist und Buchstaben

Einen instruktiven und sachdienlichen Einstieg stellt dabei die einflussreiche und wirkmächtige Distinktion von Geist und Buchstabe dar, wie sie der Gamaliel-Schüler Paulus präsentiert, bzw. die von schriftlich vorliegender Überlieferung und der diese begleitenden, erläuternden mündlichen Tradition. De spiritu et littera („Von Geist und Buchstabe“) wird schließlich dann auch Augustinus eines seiner besonders weitläufig rezipierten Werke nennen. Hier gibt es noch manchen Schatz zu heben! Oder zumindest einige Münzen zu versilbern, d.h. gewinnbringend einzutauschen – im weltkirchlichen Maßstab wie für das ökumenische Gespräch.

Unmittelbare Gegenwartsrelevanz hat die Unterscheidung in der rund um den Globus täglich anstehenden Frage und Herausforderung einer überlieferungsgetreuen Inkulturation der Ausgangsbotschaft. Wozu sich der Bogen zu der Frage, wer Jesus Christus für uns heute ist, bündig fügt. Jede Kultur und jedes Land hat eigene Besonderheiten. Was schon bei der wirtschaftlichen Lage, der Geschichte und der gesellschaftlichen Ordnung beginnt, und bei der heutigen Staatsverfassung noch längst nicht endet.

Liegt hier auch eine Verbindungsstelle zwischen Staat und Kirche, zwischen Gottes Volk und Politik? So kann man fragen, denn beiden Größen geht es ja im letzten Sinne um den konkreten vorfindlichen Menschen, um sein Ergehen oder Wohlergehen im weitesten Verständnis. Wofür sie beide in der einen oder anderen Weise tätig werden, ihre Zuständigkeiten sehen und manchmal auch in Zielkonflikt geraten. Was hat Vorrang? Wer hat das Sagen? Und für die Kirche: Welche Prioritäten gelten in welchen Situationen. Nach außen hin zur Politik, aber zuerst nach innen hin, zum Kirchenvolk?

„Praedicate evangelium“ – nach der guten alten Vulgata-Übersetzung gesagt („Verkündigt das Evangelium“) – heißt innerkirchlich ja nichts anderes als immer und überall eben jenen einen an die Spitze zu stellen, seine Botschaft in den Vordergrund zu rücken und seinen Frieden zuzusprechen.

Sinnstiftung als erstes Charisma der Kirchenrede

Die erste Gabe kirchlicher und biblischer Rede ist daher stets die Sinnstiftung. Also das Erkennen lehren, worin jener Friede liegt und besteht. Wie er sich auswirkt. Wie er das Hier und Heute schon bestimmt und immer mehr bestimmen will. Der Sinn (christlicher) Existenz ist ja nicht immer sofort evident und klar. Darum muss er immer neu ausgelegt, übersetzt, erinnert und in Aktualität gesetzt werden. Das ist das Charisma der Kirchen.

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