Die Qualität unserer Sehnsucht Bibel und Bild

Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, der Herr, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören. (Amos 8,11)

Wie wäre es, wenn wir die Größe eines Menschen an seinen Träumen messen würden, an deren Größe, Tiefe, Qualität? Es scheint ein kulturgeschichtliches Faktum zu sein, dass inzwischen ein neuer Menschentypus die Bühne der Weltgeschichte betreten hat, dessen Agieren das bisher geltende Menschenbild auf nie gewesene Art radikal in Frage stellt. Dieser neue Mensch, der langsam aber sicher die Erde bevölkert, zeichnet sich allen voran durch die Eigenmächtigkeit aus. Das flexible, leistungsfähige Individuum der Postmoderne schöpft aus eigenen Potentialen mit dem Ziel der Selbstoptimierung und der souveränen Gestaltung der Welt. Dieser Mensch – so der moderne Mythos Nietzsches – bedarf keines Gottes, weil er sich dieses himmlischen Vormunds heroisch entledigte und selbst seine Stellung einnahm. Abgeklärtheit und Coolness sind seine Markenzeichen. Hinzu kommt das geradezu vollständige Ausbleiben von Staunen, Fragen, Zweifeln, Suchen und – Träumen. Diese dürfen als Zeichen der Schwäche innerhalb dieses neuen Menschenbildes nicht vorkommen.

Eben weil es diesem gott-los gott-gleichen Menschen scheinbar an nichts mangelt, hat er in meinen Augen etwas beängstigend Unmenschliches. Denn es mangelt ihm doch an etwas: Sein größter tragischer Mangel liegt darin, dass es ihm eben an nichts mangelt. Es mangelt ihm an einer bestimmten Mangelhaftigkeit.

Die Bibel malt uns gerade das Bild eines anderen Menschen vor Augen. Es ist ein Mensch, zu dessen von Gott gewollter und gut geheißener Menschlichkeit eine bestimmte Art von Mangelhaftigkeit unabdingbar und konstitutiv dazu gehört. Er kennt ein transzendentales Vermissen, laut dem ich ohne Gott kein Mensch bin, und so bleiben mein Geist und mein Herz unruhig, solange sie nicht zu ihm zurück finden. Darin besteht die wahre Größe des Menschen: dass wir Gottes bedürfen und den Traum von Gottesnähe in uns tragen.

Dieser Mangelhaftigkeit entspringen die wahren Stärken und Vorzüge. Die Bindung an Gott macht uns frei von anderen Bindungen. Die Sehnsucht nach Gott trägt uns über die Grenzen des Verfügbaren hinaus, so dass wir uns nicht abfinden, nicht zufrieden geben mit dem Vorfindlichen, sondern neue Wege beschreiten.

Die metaphysische Mangelhaftigkeit macht den Menschen zu mehr als einem optimierten Exemplar der Gattung Mensch; sie schafft in uns dadurch einen Abglanz der Ewigkeit im Sinne von schöpferischer Unabgeschlossenheit. Ja, sie macht auch verwundbar und anfällig, aber gerade darin zutiefst menschlich.

Solange die Sehnsucht nach Gott und seinem Wort überwiegt und über die Sattheit siegt, solange unsere Träume über das Endliche hinaus und ins Ewige hinein reichen, sind wir noch nicht verloren, sind wir noch Menschen.

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