Stichwort Erntedank Immer genug ist nicht selbstverständlich

Ein Artikel zu Erntedank im Frühling? Hat sich da jemand im Kalender geirrt? – Keineswegs, denn dass Erntedank in den Herbst gehört, versteht sich durchaus nicht von selbst.

So gibt es im Christentum keine einheitliche Regelung, wann dieses Fest gefeiert wird. Wenn christliche Gemeinden auf der Nordhalbkugel es im Herbst begehen, begrüßen die Gemeinden auf der Südhalbkugel gerade den Frühling! Konsequenterweise richtet sich der Zeitpunkt des Festes nach den klimatischen Bedingungen der jeweiligen Region.

So kann es auch sein, dass in einem Land mehrere Male im Jahr eine Ernte mit einem Erntefest gefeiert wird, wie in der jüdischen Tradition, in der man zwei Erntefeiern jährlich kennt. Das jüdische Pfingstfest (Schawuot) feiert die Ernte des ersten Getreides und läutet den Beginn des Sommers ein. Im Herbst erinnert das Laubhüttenfest (Sukkot) an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und feiert den Ernteertrag des Jahres im Ganzen.

Auch in allen anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften ist ein Ernte(dank)fest bekannt. Und so unterschiedlich das Brauchtum in den verschiedenen Regionen und Ländern ist, so sehr gleichen sie sich alle in einem Punkt: Die Menschen bedanken sich für die Ernte, für die Fülle an Früchten und Nahrungsmitteln. Der Dank der Menschen gilt Gott dem Schöpfer, den für Ernte und Fruchtbarkeit zuständigen Göttern oder der Natur selbst.

Wir feiern Erntedank nur einmal im Jahr und zwar zu einem Zeitpunkt, der seinen Ursprung schon in vorchristlicher Zeit hat: die Tagundnachtgleiche im Herbst, also der 23. September. Im Mittelpunkt des heidnischen Festes stand der Dank an die Götter und die verschiedenen Feld- und Fruchtbarkeitsgeister, was mit allerlei Opfergaben verbunden war. Diese Opfergaben sollten das Wohlwollen der höheren Mächte sichern, indem man ihnen etwas von dem zurückgab, was sie einst gegeben hatten. Ein regelmäßiger kirchlicher Erntedanktag wurde erst 1773 in Preußen eingeführt, gefeiert am Michaelistag (29. September) oder einem der benachbarten Sonntage (in katholischen Kirchen in Deutschland in der Regel am ersten Sonntag im Oktober).

Was Erntedank aus christlicher Sicht besonders macht, zeigt das Symbol der Erntekrone, die aus verschiedenen Getreidesorten gebunden wird. Sie besteht aus zwei sich kreuzenden Bögen, die auf einem Kranz stehen. Dieser Kranz, ein Ring ohne Anfang und Ende, ist das Symbol für die Unendlichkeit, also Ewigkeit. Er erinnert an die Zusagen Gottes beim ersten Bundesschluss unter dem Regenbogen „…es soll nicht aufhören Frost und Hitze, Saat und Ernte…“. Auf dem Kranz steht die Krone, das Symbol königlicher Macht. Sie weist auf die Gottesherrschaft hin und weg von der weltlichen Macht. Die Krone wird damit zum Symbol für Hoffnung und Auferstehung und für das Eingebunden-Sein in Gottes Schöpfung.

Die gute Ernte ging die gesamte Gesellschaft etwas an, ihr Leben und Überleben war und ist davon abhängig. Das haben wir in unserem reichen Land mit den immer vollen Regalen im Supermarkt fast vergessen. Aber Missernten wie in den letzten beiden Jahren erinnern uns daran, dass es nicht selbstverständlich ist, immer genug zu haben. Darum beten wir im Vater Unser um das tägliche Brot. Bis heute. Und haben allen Grund, dafür zu danken. Bis heute.

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