Vesperkirche – Zuhause auf Zeit Die Idee trägt seit 25 Jahren

Die erste Vesperkirche öffnete 1995 in Stuttgart ihre Türen – neben ihr gibt es heute ähnliche Angebote in ganz Deutschland, die mehr als eine Armenspeisung sein wollen.

Die Idee würde vor einem Vierteljahrhundert in Stuttgart geboren. Inzwischen gibt es unter diesem Namen etwa 50 meist von evangelischen Kirchengemeinden in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen getragene soziale Projekte in den Wintermonaten. Der Name Vesperkirche ist vom schwäbischen Begriff Vesper abgeleitet, der für eine Mahlzeit gebraucht wird. Zentral ist denn auch bei allen Projekten ein warmes Mittagessen zu einem symbolischen Preis. Die Organisatoren halten es aber zugleich für dringender denn je, Armut ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dies zeigt beispielhaft ein Besuch der Stuttgarter Vesperkirche anlässlich des Jubiläums (www.vesperkirche.de).

Nahrung für Leib und Seele

Anfang 2019 konnte die Vesperkirche ihren Gästen zum 25. Mal in der kalten Jahreszeit ein „Zuhause auf Zeit“ bieten. Dafür verwandelt sich die Leonhardskirche Jahr für Jahr in einen Gastraum mit Tischen und Stühlen. Auch beim Jubiläum waren wieder Obdachlose und am Rande der Gesellschaft lebende Menschen über sieben Wochen hinweg sieben Stunden lang an sieben Tagen willkommen, wie es in der Ankündigung der evangelischen Kirche in Stuttgart hieß.

Von Beginn an wollte die Vesperkirche mehr sein als eine Armenspeisung und „Nahrung für Leib und Seele“ bieten, wie die Stuttgarter Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann betont. Dazu gehört warmes Essen genauso wie medizinische Versorgung, Austausch, Gemeinschaft, Seelsorge und Beratung.

Täglich rund 800 Besucher

Was 1995 mit ein paar Dutzend Besuchern begann, ist heute zu einer großen Bewegung geworden. Der zuständige Dekan Eckart Schultz-Berg betont, dass der Impuls aus Stuttgart sich über ganz Deutschland bis in die benachbarte Schweiz ausgebreitet habe. Mit 33 Vesperkirchen kann der Südwesten weiterhin als Kernland der Bewegung bezeichnet werden.

In Stuttgart stehen jedes Jahr insgesamt 850 ehrenamtliche Helfer bereit, um die täglich etwa 800 Besucher der Vesperkirche zu versorgen. Von einer Welle der Hilfsbereitschaft wird die zeitlich begrenzte Einrichtung getragen. Gruppen aus Unternehmen und Verwaltung helfen bereitwillig, der Oberbürgermeister stattet der Vesperkirche einen Besuch ab.

Alle Armutsgruppe der Stadt

Die Erfolgsgeschichte ist für Schultz-Berg jedoch auch ein Armutszeugnis für die Stadt. Das beschäftigt auch Hans-Jürgen Grünefeld, ehrenamtlicher Helfer der ersten Stunde. „Die Armut ist nicht kleiner geworden“, bedauert der 79-Jährige angesichts von Wohnraummangel und knappen Hartz IV-Sätzen.  Schultz-Berg hat beobachtet, dass seit Jahren das gleiche Publikum kommt. Ist anfangs vor allem die Obdachlosenszene gekommen, seien heute „alle Armutsgruppen der Stadt“ vertreten, wie Langzeitarbeitslose, Senioren mit kleiner Rente, Witwen, die nicht genug Geld haben, um ihre Wohnung zu heizen, und zunehmend auch Menschen aus Osteuropa. Flüchtlinge gehören bislang nicht zu den Besuchern.

Ort der Teilhabe und der Gemeinschaft

„Menschen, die sich aufgrund ihrer Armut kaum raustrauen, sollen hier einen Ort der Teilhabe und der Gemeinschaft finden“, sagt Schultz-Berg. Ehrmann liegt am Herzen, dass „die Vesperkirche zum Ort der Begegnung, des Respekts und der Toleranz sowie der Liebe Gottes wird“.

Vieles hat sich in all den Jahren bewährt: warmes Essen, Getränke, Vesperbeutel, Arzt, Friseur, Tierarzt und neuerdings auch Fußpflege. Ebenso Austausch, Gottesdienst, Seelsorge, das politische Format „Politiker hören zu“ und vor allem das Kulturprogramm.

Weiterentwicklung und Vernetzung

Die Verantwortlichen wollen die Vesperkirche auch zu einer Art Marke weiter entwickeln. Dafür wurde jetzt ein eigenes Logo geschaffen. Schon lange gibt es eine Vesperkirchenzeitung.

Wir hören genau hin, was die Gäste nötig haben.

Schultz-Berg sagte im Blick auf die Armutsdiskussion in Stuttgart: „Wir hören sehr genau hin, was die Gäste nötig haben und geben die Themen an die Stadtgesellschaft weiter“. Viele seien krank und belastet, so Ehrmann. Deshalb seien jeden Tag acht Diakone vor Ort als Ansprechpartner. Auch die Zusammenarbeit mit Suchtberatern sei enger geworden. „Die Vernetzung ist wichtig, keiner kann alles alleine schaffen“, sagt Ehrmann.

Von schwierige Anfängen zur breiten Unterstützung

Das war nicht immer so. Als der frühere Diakoniepfarrer Martin Friz, der inzwischen verstorben ist, aufgrund einer Entscheidung des damaligen Stuttgarter Dekans Martin Klumpp im Jahr 1995 die Vesperkirche ins Leben rief, stieß er mit dem Hilfsprojekt auf Zeit nicht nur auf Zustimmung. Allein die Suche nach einer Kirchengemeinde als Gastgeber gestaltete sich nicht einfach. Große kirchliche Sozialeinrichtungen wie die Evangelische Gesellschaft Stuttgart sahen in der neuen Einrichtung eine unangemessene Konkurrenz. Doch aus kritischer Distanz ist längst enge Zusammenarbeit geworden.

Mit den Vesperkirchen ergreifen Kirchengemeinden Partei für Menschen am Rand der Gesellschaft. Der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July sieht die Vesperkirche als wichtiges Signal in der Gegenwart. Sie mahne gleichzeitig politische Reformen zur Verbesserung der Lage der Bedürftigen an. Unterstützer der Vesperkirche, wie die baden-württembergische Grünenpolitikerin und Landessynodale Brigitte Lösch, wollen, dass die kirchliche Hilfe nicht nur sieben Wochen dauert.

Der Einsatz macht Spaß, ist aber nicht immer einfach

Heike Hübl gehört zum Team der ehrenamtlichen Friseure mitgemacht. Das Angebot ist gefragt. „Jeder von uns schneidet an einem Tag etwa 20 Personen die Haare“, sagt Kollege Fritz Stehle. Hübl macht der ehrenamtliche Einsatz Spaß. Es sei aber nicht immer einfach, fügt sie hinzu. Einer ihrer Kunden war nicht einverstanden mit seinem Schnitt.

Solche Momente kennt ihr Kollege Stehle auch. Die meisten seien jedoch glücklicher als vorher, meint der frühere Friseurmeister, dem man seine 79 Jahre nicht ansieht. „Ich habe im Leben Glück gehabt und bin gesund geblieben“, sagt er. „Jetzt will ich etwas zurückgeben“, meint Stehle, der gerade Anton K. eine ordentliche Frisur verpasst.

Man habe ihm ein Bein gestellt und alles gestohlen, erzählt der 58-Jährige, der sich über Stehles Einsatz freut. So wie dem gebürtigen Slowenen ist es vielen in der Vesperkirche ergangen. Sein Leben ist aus den Fugen geraten. Heute sammelt der gelernte Koch, der seit 1994 in Stuttgart lebt, leere Flaschen.

„Zum Menschsein gehört mehr als das Essen“, sagt die Diakoniepfarrerin.  Davon ist auch die Friseurgesellin Ilde Palotta überzeugt. „Gutes tun, tut selber gut“, meint die 42-Jährige.

Das Armutsthema in die Öffentlichkeit bringen

„Wir wollen das Armutsthema in die Öffentlichkeit bringen“, sagt Diakoniepfarrerin Ehrmann. Sie beklagt die wachsende Not in der Stadt, freut sich aber auch „über die zunehmende Tendenz in unserer Gesellschaft, sich solidarisch zu zeigen“, wie die ehrenamtlichen Helfer bei der Vesperkirche beweisen. Das sind rund 300 Einzelpersonen und 39 Gruppen mit etwa 570 Mitgliedern. Auch die VfB-Profis waren schon dabei. Die Stuttgarter Vesperkirche ist wie die anderen auch auf Spenden angewiesen. Jährlich sind rund 300.000 Euro erforderlich, wovon allein 180.000 fürs Essen benötigt werden.

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