Am Essen hängt doch alles Ernährungsregeln als Ersatzreligion

Rund ums Essen konstituiert sich schon immer die menschliche Gemeinschaft. Neuerdings stiftet der individuelle Ernährungsstil allerdings auch persönliche Identität. Bewusstes Essen gilt dabei als Weg zur Erlösung: gesund, schlank, leistungsfähig und unschuldig.

Dimensionen des Essens

Essen ist zunächst einmal Überleben. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist bestimmt von der Angst vor dem Verhungern. Wir leben in dieser Hinsicht in einer historisch einmaligen Situation. Seit 200 Jahren sind wir ausreichend mit Lebensmitteln versorgt – dank Technisierung und Industrialisierung!

Die ausreichende Versorgung mit Essen und eine verbesserte Hygiene haben dazu geführt, dass sich in Europa die Lebenserwartung verdoppelt hat und immer noch steigt. Dafür ist also weniger die als gesund eingestufte Ernährung verantwortlich, die im Wesentlichen ein Kennzeichen der sozial besser Gestellten ist, und die zusammen mit anderen Faktoren (hoher Bildungsstand, guter Beruf, Eigenheim im Grünen, sozialer Rückhalt) die Lebenserwartung der sozial besser Gestellten in Deutschland um 8 Jahre (Männer) und 10 Jahre (Frauen) erhöht hat.

Urerfahrung und Gemeinschaftserlebnis

Essen ist eine Urerfahrung des Menschen. Wenn das Baby gestillt wird, erfährt es, wenn es gut geht, glücklich machende Sättigung und das geliebt werden: Geborgenheit, körperliche Nähe, Wärme, Sicherheit, Zuneigung. Das Baby kann zunächst gar nicht trennen zwischen Essen und Liebe. Das erfolgt später.

Essen ist auch das, was Menschen verbindet. Beim Essen treffen sie aufeinander, tauschen sich aus, fühlen sich als Gemeinschaft. Essen schafft also kulturelle und soziale Zugehörigkeit. Überspitzt formuliert: Die Familie, die nicht zusammen isst, ist keine Familie.

Die Moral des Essens

Eine menschliche Gesellschaft definiert sich darüber, welche Gebote und Verbote es bezüglich des Essens gibt. Die erste Moral der Menschen ist die Moral des Essens. Es gibt also immer eine kulturelle und soziale Regulation des Essens. Den Verboten korrespondieren die kollektiv organisierten Überschreitungen. Je rigider die Verbote, umso exzessiver die Überschreitungen.

Die Moral des Essens konstituiert eine menschliche Gemeinschaft, wie auch über das Essen die gesellschaftliche Struktur repräsentiert wird: Wer sitzt wo am Tisch (Hierarchie der Gesellschaft, die Mächtigen sitzen am Kopf des Tisches)? Welches Geschlecht bereitet zu? Wer bekommt wie viel? Wer bekommt welche Lebensmittel? Über die Art des Essens werden moralische Werte einer Gesellschaft verhandelt und potenziell umgesetzt.

Von der Mäßigungstugend …

So gibt es in Europa seit 2500 Jahren eine zentrale Tugend, die der Mäßigung. Es gilt, seine innere Natur beherrschen zu können. Nur wer das vermag, so formulierten es die Philosophen der Früh-Antike, kann ein vernünftiger Bürger der Polis sein. Der maßlose Bürger neige zur Tyrannei.

Die Tugend der Mäßigung war damals Diskussionsgegenstand zwischen den Philosophen. Es gab nicht die eine Idee, sondern unterschiedliche. Und sie wurde auch nicht allen auferlegt, vielmehr hatte jeder die Aufgabe, sich seine eigene Form der Mäßigung, seine eigene Lebenskunst zu zimmern. Es gab also individuelle Spielräume. Für diesen steht der Name Sokrates.

Sein Schüler Platon verfuhr vollkommen anders. Er hatte ein bestimmtes Staatsmodell. An der Spitze des Staates sollte ein Weiser, ein Philosoph, stehen, darunter eine soldatisch organisierte Wächterkaste, die mit allen erdenklichen Mitteln die „zuchtlose“ Bevölkerung zu disziplinieren hat – zum Wohle des Staates und nicht des einzelnen. Damit ist ein radikaler Zugriff auf den Einzelnen und den Bevölkerungskörper definiert. Die Nationalsozialisten haben dieses Konzept so perfekt wie noch nie reproduziert.

… über das Schlankheitsideal…

Das Christentum hat die Mäßigungstugend mit dem Sündenbegriff fortgesetzt. Mit dem relativen Verblassen des christlichen Glaubens in den letzten 200 Jahren wird die Tugend der Mäßigung dennoch aufrechterhalten und zwar verkörperlicht: mittels des Schlankheitsideals; es setzt seit ca. 150 Jahren seinen Siegeszug an und hat sich im 20. Jahrhundert permanent radikalisiert.

Zivilisationen konstituieren sich nicht über Burgen und Schlösser, sondern über ein Gefüge von Werten und Tugenden. Zerbricht dieses, dann geht eine Zivilisation unter. Auf der einen Seite wird mit dieser Aufrechterhaltung der Tugend der Mäßigung also eine Zivilisation fortgesetzt, auf der anderen Seite viel menschliches Leiden erzeugt, weil viele, vor allem Frauen, dem Schlankheitsideal nacheifern, dies aber nicht erreichen und sich massiv insuffizient fühlen.

… zur staatlichen Kontrolle des Körpers

Der moderne Nationalstaat erblickt, platonisch geprägt, seine Stärke und seine Konkurrenzfähigkeit in Abhängigkeit von einer leistungsstarken Bevölkerung am Fließband und in der Armee. Gesundheit wird wiederum als Voraussetzung für Leistungsfähigkeit begriffen. Es entsteht so eine Pflicht zur Gesundheit. Gesundheit wird dann moralisiert. Ein Mann, aber auch eine Frau erweist sich dann als moralisch gut, wenn er / sie gesund ist. Äußeres Kennzeichen hierfür ist Schlankheit. Aus dieser Perspektive darf und muss der Staat den individuellen Körper kontrollieren und disziplinieren.

Wie viel muss die Bevölkerung essen, um gesund und leistungsfähig zu sein?

Die moderne Ernährungswissenschaft ist ein Kind des modernen Nationalstaates. Dieser beauftragte diese Wissenschaft damit herauszufinden, was und wie viel die Bevölkerung essen muss, um gesund und leistungsfähig zu sein. Heute vertritt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) diese Aufgabe.

Spirituelles Essen

Seit geraumer Zeit, seit der kopernikanischen Wende, ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, Christ zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass spirituelle Bedürfnisse verloren gegangen sind. Sie binden sich nur an anderes; zum Beispiel an politische Utopien. Der Marxismus mit seiner Idee der klassenlosen Gesellschaft imitiert eine Religion. Nun sind die politischen Systeme, die sich im 20. Jahrhundert als sozialistisch oder kommunistisch deklarierten, mehr als einmal katastrophisch gescheitert. Seither ist es eigentlich nicht mehr möglich, auf diese Utopie zu setzen. Und die spirituellen Bedürfnisse richten sich auf anderes.

Erlösung durch Essen

Die 68er Generation fokussierte ein körpernahes Erlösungswissen: die sexuelle Befreiung, die Glückseligkeit garantieren sollte. Nun taugt der Körper nicht zur Erlösung. Körper ist Körper. Erlösung ist dagegen etwas Geistiges, Spirituelles. Der Körper kann Befriedigung erbringen, Wohlbefinden, Entspannung. Mehr aber auch nicht. Daher ist die Befreiungsannahme der Sexualität stillschweigend verschwunden. Gleichsam an ihre Stelle ist die Idee getreten, mit bestimmten Ernährungsformen Erlösung zu finden, gar Unsterblichkeit. Und ein teilweise erbitterter Kampf unter den diversen Ernährungsmoden ist entstanden, welche nun die absolut richtige sei.

Ernährungsmoden haben eine hohe Affinität zu Essstörungen.

Essen ist also heute zum körpernahen Erlösungsmittel geworden und bindet aber nur anteilig spirituelle Bedürfnisse, weil diesbezügliche Wünsche und Hoffnungen alsbald zerplatzen. Diejenige, die so verfahren, sind schnell von der gewählten richtigen Ernährungsmode enttäuscht und wechseln zur nächsten, sind wieder enttäuscht, usw. So wundert es nicht, dass Ernährungsmoden eine hohe Affinität zu Essstörungen haben.

Persönliche Identität und individueller Ernährungsstil

Vor 200 Jahren haben Menschen in Europa ein kurzes Leben lang fast immer dasselbe zu sich genommen: Brei oder Kartoffeln, ein bisschen Gemüse und an Festtagen Fleisch. 95% der Bevölkerung lebten so, mussten so leben. Heute herrscht Überfluss. Über 170.000 Lebensmittel befinden sich in den Regalen unserer Supermärkte.

Diese unbeschreibliche Vielfalt ermöglicht eine Ausdifferenzierung und Individualisierung (Selbstverwirklichung). Es gibt nicht mehr die eine Ernährungsweise, sondern nahezu zahllose. Und über diese kann ich meine persönliche Identität gewinnen: Dann bin ich Vegetarier und verbinde damit meine ethischen Überzeugungen. Dann trinken Menschen nicht mehr nur Milch, sondern eher Milchprodukte, essen nicht nur Fleisch, sondern Fleischersatzprodukte, lassen die Kartoffel eher liegen, sondern greifen zu Kartoffelprodukten. Dann fühle ich mich als Vegetarier den Fleischessern moralisch überlegen und als Veganer den Vegetariern.

Essen bedeutet Schuld

Mit dieser Operation ist verbunden, die Schuld, die mit dem Essen einhergeht, zu leugnen. Essen ist stets ein gewalttätiger Akt. Ich vernichte Lebewesen, ob Tier oder Pflanze, damit ich überlebe. Daher die Schuld. Deshalb gab und gibt es in den sogenannten primitiven Gesellschaften Opferrituale, um sich zu entlasten und zugleich anzuerkennen, dass Essen ein „oral-sadistischer Akt“ (S. Freud) ist. Bei uns gibt es nur noch das Erntedankfest.

Ansonsten wird die Schuld auf der bewussten Ebene geleugnet. Mit dem Verzicht auf Fleisch oder tierische Produkte ist dann die Illusion verbunden, keine Schuld auf sich geladen zu haben. Die anderen sind die Bösen. Ich gehöre zu den Guten. Unzweifelhaft. Doch Illusionen bilden kein stabiles Fundament. So ist es dann unklar, wie lange noch das Essen eine Ersatzreligion darstellen kann.

Gutes Essen wird wichtiger

Aber dennoch haben Ernährungsmoden auch bedeutsame Vorzüge. Menschen beschäftigen sich (wieder) mit dem Essen. Das Handy und das Internet bekommen Konkurrenz. Und so lässt sich bündeln: Ausdifferenzierung, Individualisierung, Identitätsgewinnung über das Essen korrespondiert mit einem steigenden Qualitätsbewusstsein. Die Anzahl der qualitätsbewussten Esser nimmt ständig zu. Zum Beispiel mit Bio-Produkten haben die Discounter darauf reagiert. Zwar wird europaweit im Durchschnitt weniger Zeit damit verbracht zu kochen, aber die qualitätsbewussten Esser könnten eventuell eine Umkehr schaffen.

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