Hunger als Waffe Trotz Ächtung setzen Kriegsparteien auf das Aushungern

Hunger ist seit jeher ein Instrument der Kriegsführung. Im aktuellen Konflikt im Jemen leiden Hunderttausende darunter. Oft nutzen mehrere Kriegsparteien diese Strategie zugleich, was es für die betroffenen Zivilisten umso schlimmer macht.

Der jahrelange Krieg in Syrien hat in erschreckender Weise vor Augen geführt, wie stark die Zivilbevölkerung zur Zielscheibe der Kriegsparteien geworden ist. Das meint nicht nur die Angriffe der Truppen des Assad-Regimes mit Fassbomben, sondern vor allem auch das vielfach genutzte Mittel des Aushungerns. Vor dem Einsatz von Hunger als Kriegswaffe sind auch oppositionelle Kräfte nicht zurückgeschreckt. Aber der internationale Aufschrei hatte wenig konkrete Folgen. Denn seine Fortsetzung findet diese Strategie im Jemen-Krieg, wo Saudi-Arabien und der Iran um die Vormacht kämpfen.

Gezielt geschürte Hungersnöte

Im aktuellen Welthungerindex, den die Welthungerhilfe zusammen mit Concern Wordwide veröffentlicht, haben sich Experten mit dem Problem befasst. Sie weisen darauf hin, dass Hunger und seine extremste Form, die Hungersnot, weiterhin stark verbreitet sind, „oftmals aufgrund gezielter Politik, Fahrlässigkeit oder mangelnder Kapazitäten, wodurch den Menschen der Zugang zu den benötigten Ressourcen versperrt ist“. Die Schuld an der Entstehung von Hunger könne in vielen Fällen Individuen und Institutionen zugeschrieben werden, heißt es weiter. „Die Länder mit der schlimmsten Hungersituation im Jahr 2018 sind zugleich jene, die von Konflikten, politischer Gewalt und Vertreibung betroffen sind“.

Weiter wird betont, dass unter den Zivilistinnen und Zivilisten, die im Jahr 2018 in Syrien und im Jemen Hunger litten, sowohl Binnenvertriebene als auch durch Belagerungen Eingeschlossene waren. In Syrien konnte sich 2016 jede dritte Person, die vertrieben worden war oder unter Belagerung litt, keine Grundnahrungsmittel leisten. 2018 gingen Untersuchungen zufolge Menschen in 40 Prozent der jemenitischen Haushalte hungrig schlafen und fast 20 Prozent erklärten, bisweilen einen ganzen Tag lang nichts zu essen zu haben.

Ein uraltes Instrument der Kriegsführung

Hunger wird seit jeher als Kriegswaffe eingesetzt. Wenn im Mittelalter Heere Städte und Burgen belagerten, wurde auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln gekappt, um die Belagerten zur Kapitulation zu zwingen. Noch in Erinnerung ist das gezielte Aushungern Leningrads, des heutigen Petersburgs, durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg.

Die Leningrader Blockade dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. Schätzungen gehen von etwa 1,1 Millionen zivilen Opfern aus, von denen die meisten verhungerten. Die Einschließung der Stadt durch die deutschen Truppen mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, gilt als eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Kriegs gegen die Sowjetunion. Am 75. Jahrestag des Blockadeendes am 27. Januar 2019 kündigte die deutsche Bundesregierung an, die noch lebenden Opfer der Blockade sowie Projekte zur deutsch-russischen Verständigung mit rund zwölf Millionen Euro zu unterstützen.

Verbrechen gegen das Völkerrecht

Das humanitäre Völkerrecht verbietet den Einsatz von Nahrungsentzug oder Hunger als Kriegswaffen. Nach der Genfer Konvention ist es außerdem verboten, „Nahrungsmittel, zur Erzeugung von Nahrungsmitteln genutzte landwirtschaftliche Gebiete, Ernte- und Viehbestände, Trinkwasserversorgungsanlagen und -vorräte sowie Bewässerungsanlagen anzugreifen, zu zerstören, zu entfernen oder unbrauchbar zu machen, um sie wegen ihrer Bedeutung für den Lebensunterhalt der Zivilbevölkerung oder der gegnerischen Partei vorzuenthalten, gleichviel ob Zivilpersonen ausgehungert oder zum Fortziehen veranlasst werden sollen oder ob andere Gründe maßgebend sind“.

Dieses Verbot wurde in der im Mai 2018 verabschiedeten Resolution 2417 des UN-Sicherheitsrats zu Hunger und Konflikten bekräftigt. Darin werden das Aushungern von Zivilisten und die rechtswidrige Verweigerung des Zugangs zu humanitärer Hilfe als Kriegstaktik verurteilt. Im Welthungerindex wird jedoch deutlich darauf hingewiesen, dass  es regelmäßig Verstöße gegen das Völkerrecht gibt, und es eine gängige Methode staatlicher und nichtstaatlicher Akteure ist, Menschen hungern zu lassen.

Das Beispiel Somalia

Wie diese Taktik funktioniert, zeigt beispielhaft der Fall von Somalia, wo 2011 Dürre, Konflikte, fehlender Zugang zu humanitärer Hilfe und die weltweit hohen Nahrungsmittelpreise zu einer tödlichen Katastrophe führten, in deren Folge schätzungsweise mehr als 250.000 Menschen starben. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde bei einem Hilfseinsatz der Diakonie Katastrophenhilfe deutlich, als von Nairobi aus Medikamente für ein Kinderkrankenhaus in Somalias zerstörter Hauptstadt Mogadischu geliefert wurden. Die medizinische Versorgung in der Klinik war die letzte Hoffnung vieler Eltern, die meist tagelang zu Fuß unterwegs waren und ihre bis auf die Knochen abgemagerten Kinder zu den Ärzten brachten.

Milizen hindern die Menschen, die Dürregebiete zu verlassen.

Viele konnten jedoch gar nicht ärztliche Hilfe erhalten. Denn ein die Hungersnot verschärfender Faktor war das Vorgehen der Rebellenmiliz Al-Shabaab, die Menschen daran hinderte, die von der Dürre am stärksten betroffenen Gebiete zu verlassen, weswegen sie die Lager für Binnenvertriebene in der Hauptstadt Mogadischu oder die Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab nicht erreichen konnten.

Hungeropfer zwischen den politischen Fronten

Die Miliz behauptete, dass sie die Abhängigkeit der Dürreopfer von fremder Hilfe nicht fördern wolle und dass es besser sei, den Menschen in der Nähe ihrer Heimat zu helfen, damit sie so schnell wie möglich wieder arbeiten könnten. Mit dieser Strategie sollte die Unterstützerbasis der Al-Shabaab in den ländlichen Gebieten erhalten werden, denn sie verhinderte, dass die Menschen in die Regierungshochburgen in den städtischen Zentren flüchteten – eine Maßnahme, die im Allgemeinen erfolglos war und das Leid derer verschlimmerte, die nicht in der Lage waren, das Gebiet zu verlassen, wie es im Welthungerindex 2019 heißt.

Gleichzeitig blockierte die somalische Übergangsregierung (Transitional Federal Government – TFG) den Zugang von Hilfsorganisationen zu Gebieten, die von der Al-Shabaab kontrolliert wurden. Damals wurden auch humanitäre Organisationen von der TFG angegriffen, die sie beschuldigte, Nahrungsmittelhilfe zu kanalisieren und mit dem Feind zusammenzuarbeiten. Bei vielen Zwischenfällen, von denen Hilfsorganisationen betroffen waren, bestand der Verdacht, dass sie von TFG-Beamten und ihren Paramilitärs verübt worden waren und nicht von der Al-Shabaab. Das Umfeld des Einsatzes war daher nicht nur wesentlich gefährlicher und restriktiver, sondern auch unvorhersehbarer, wie Hilfsorganisationen deutlich machten.

Zu komplex für die meisten Medien

In den Medien wurde die Hungersnot meist vor allem auf die große Dürre zurückgeführt. Politische Ursachen kamen nur wenig in den Blick, nicht zuletzt wegen ihrer verwirrenden Komplexität. Solche Vorkommnisse verdeutlichen, dass bei der Reaktion auf Vertreibungen auch die zugrunde liegenden politischen Faktoren berücksichtigt werden müssen. Auf allen Ebenen müssen Maßnahmen zur Konfliktverhütung und Friedensstiftung unterstützt werden, ebenso wie Regelungen zur Stärkung der Rechenschaftspflicht und Transparenz der Regierungsführung, damit sich Regierungen nicht einfach ihrer Pflicht entziehen können, die Grundbedürfnisse ihrer Bürgerinnen und Bürger nach Schutz und Ernährungssicherheit zu befriedigen.

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