Kerstin Herrnkind: Den Drachen jagen Die Geschichte meines verlorenen Bruders

Edition W 2022, 256 S., 20,00 EUR, E-Book 16,99 EUR

Der blumige Titel täuscht: „Den Drachen jagen“ ist ein aus der chinesisch-kantonesischen Drogen-Kultur entlehnter Slang-Ausdruck und bedeutet, Heroin oder andere Substanzen zu inhalieren. Seine zweite Bedeutungsebene umschreibt die ewige Suche nach dem ultimativen (oft tödlichen) Drogen-Kick – wie im Fall des Bruders der Autorin.

Diese begibt sich auf eine sehr persönliche Spurensuche, wie es zu diesem Tod kam und warum sie und andere ihrem Bruder nicht helfen konnten: Sie beschreibt eine Drogenkarriere von der ersten Kifferei mit Freunden über das Ausprobieren verschiedener Drogen bis zum endgültigen Absturz; eine stete Abwärtsspirale, aus der es – trotz vieler Therapieversuche und wohlgesonnener Helfer*innen – kein Entrinnen gibt.

Das Buch ist eine Art Selbsttherapie; die Autorin sucht in der Beschreibung ihrer Kindheit in einer dysfunktionalen Familie Gründe, warum ihr Bruder sein Leben nie in den Griff bekommen hat. Sie schildert einen brutalen Vater, dessen Liebling der Bruder war, eine überforderte Mutter, selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, und schließlich die Scheidung der Eltern und die Lebenswege der Geschwister. Sie fragt sich, ob sie als Schwester mehr hätte tun können, spricht von Schuldgefühlen.

Am Ende des Buches lässt sie Bekannte ihres Bruders zu Wort kommen, fast so, als ob sie froh ist, die Last seines unglücklich verlaufenen Lebens nicht alleine schultern zu müssen. Damit gelingt der Autorin eine abschließend sachliche Distanz und die Erkenntnis: „Uwe, wie gerne hätte ich dich beschützt, aber du hast dich nicht beschützen lassen.“

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