Mehr Stille wagen Kolumne

Fünf Tage lang war ich im Kloster – zu „Schweige-Exerzitien“. Mit zehn anderen habe ich dort gemeinsam geschwiegen.

Es gab also weder Gespräche zu den Mahlzeiten noch einen abendlichen Austausch im Klostergarten. Dafür gab es fünf Gebetszeiten und geistliche Begleitung. Die fünf Tage Stille trafen mich genau zu einer Zeit, die ansonsten angefüllt war mit Terminen und Gesprächen. Statt zu reden, ging ich nun also stundenlang im Wald wandern, beobachtete Ameisenstraßen und Lavendelblüten.

Unsere Kirchen und Gemeinden brauchen mehr Stille. Wenn ich gemeinsam mit Jugendlichen nach Taizé fahre und sie frage, was sie daran am besten finden, dann ist es das Schweigen. In jedem der Taizé-Gottesdienste gibt es statt einer Predigt zehn Minuten Stille – das macht dreißig Minuten Stille am Tag. Auch für Konfirmandinnen und Konfirmanden sind die Phasen der Stille ein Höhepunkt unserer sonntäglichen Gottesdienste.  Wie schön wäre es also, wenn unsere Gottesdienste angefüllt wären mit bedächtigem Schweigen statt mit gelehrtem Gerede! Geschenkte Zeit, um mit Gott in Beziehung zu kommen.

Und warum sollte man bei den Gottesdiensten stehen bleiben? Ich stelle mir vor: Statt mit Tageslosungs-Andachten beginnen kirchliche Sitzungen mit einem gemeinsamen Schweigen. Bevor Menschen sich in bedeutsamen kirchlichen Ämtern zu politischen oder gesellschaftlichen Fragen äußern, begeben sie sich einen Tag in Stille. Sie hören auf das, was Gott ihnen ins Herz gibt. Auch unser menschliches Miteinander wird von der Stille profitieren. Statt vorschnell eine Ansicht zu haben und die Gedanken anderer lautstark zu kommentieren, hören wir einander zu; anerkennend, wertschätzend, in uns ruhend. Dann haben wir vielleicht weniger Meinung, aber mehr Verständnis.

Schweigen ist ein bedeutsames Element in allen Religionen. Manche Glaubensgemeinschaften kommen sogar ganz ohne Worte aus. Wenn Schweigen einkehrt, fließen die Gedanken. Es öffnet sich ein Raum für Gott hinter den Worten. In Meditationen wird die Stille eingeübt, die Atmung wird zum einzigen Geräusch. So wie es in der Geschichte vom Elia am Horeb angedeutet wird: Gott ist weder im Sturm, noch im Erdbeben, noch im Feuer – sondern im stillen, sanften Sausen (1. Könige 19,12).

Nach fünf Tagen „Schweige-Exerzitien“ im Kloster bin ich mir sehr sicher, dass Gott sich im stillen, sanften Sausen finden lässt. Im Fliegen der Hummeln im Lavendel, in den Spuren der Ameisen im Sand, im Sprudeln des Quellwassers. Und hoffentlich auch im nächsten Sonntagsgottesdienst.

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