Pause machen Kolumne

Menschen brauchen Erholung. Sie brauchen Zeiträume, in denen es keine Aufgaben zu erledigen gilt, Zeiten, deren Wert sie nicht daran messen, wieviel sie geleistet haben.

Erst die Pause verleiht dem eigenen Schaffen die richtige Wirkung – dachte sich schon Gott, als er nach sechs anstrengenden Schöpfungstagen einen ganzen Tag lang ruhte. Erst durch den Sabbat wurde sein Werk vollendet. Die Welt wäre unfertig geblieben, hätte Gott seine Schöpfung nach sechs Tagen für abgeschlossen erklärt.

Dementsprechend ruft dann auch gleich das dritte Gebot dazu auf, den Feiertag zu heiligen, noch bevor das Töten (fünftes Gebot) oder das Stehlen (siebtes Gebot) untersagt wird. Die hohe Relevanz, die der Ruhetag in der Bibel hat, lässt sich nicht bestreiten. Jesus selbst erinnert daran, dass der Sabbat für die Menschen da ist, ihnen dienen soll. Lob und Dank haben es schwer, wenn man sich keine Zeit nimmt für sie.

Es ist daher regelrecht katastrophal, dass in der Kirche nahezu überall auf Pausen verzichtet wird. Menschen, die ehrenamtlich oder hauptberuflich in Gemeinden, Gruppen oder Initiativen tätig sind, arbeiten oft ohne Pausen und überschreiten mitunter ihre eigenen Belastungsgrenzen. Als eine ältere Dame, die in ihrer Gemeinde seit Jahren den Frauenkreis leitet, mir erzählte, wie wohltuend die Lockdowns zu Beginn der Pandemie waren, weil sie da endlich einmal wieder Zeit hatte, mit ihrem Mann wandern zu gehen, kamen ihr die Tränen. Schon seit Jahren will sie kürzertreten, findet aber niemanden, der die Arbeit weiterführen möchte. Unter meinen Pfarrkolleg:innen ist es keine Seltenheit, zwei Wochen am Stück durchzuarbeiten. Und wenn dann endlich doch einmal ein ganzer Montag freigenommen wird, wird beinah entschuldigend erklärt, dass das ja auch mal sein müsse.

Ja, Pausen müssen sein. Aber nicht als Belohnung für extra viel Arbeit und ebenso wenig, um sie dahingehend zu verzwecken, möglichst schnell wieder leistungsfähig zu werden, um möglichst viel zu schaffen. Beides verfehlt das, was Gott im Sinn hatte, als er den Sabbat schuf: ein Tag, um sich zu entfalten und erholen, um gemeinsam zu essen, innezuhalten, über die Schönheit der Welt zu staunen, kurzum, die Gnade auf sich wirken zu lassen.

Wie sollen gestresste und müde Mitarbeitende im Weinberg des Herrn auf die Gnade Gottes hinweisen? Wie kann deutlich werden, dass in Gottes neuer Welt ganz andere Maßstäbe gelten, wenn Kirche sich den weltlichen Zwängen unterwirft, Veranstaltungen zu produzieren und Aufmerksamkeit zu erzielen? Es fällt schwer für eine Freiheit zu werben, die man selbst nicht lebt. Nicht leben kann, weil die Kirche auf so viele Krisen reagieren muss. Schwindende Mitglieder und finanzielle Ressourcen, Nachwuchsmangel, Missbrauchsskandale, Pandemie, Klimakrise, Energiekrise. Ich erlebe, wie die Menschen, aus denen unsere Kirche ja besteht, auf diese Krisen reagieren, in dem sie noch mehr tun. Noch größere Tauffeste, Gottesdienste auf dem Bauernhof und in der Bar, Präsenz auf Social Media, noch mehr Konzerte und Mitmachen-Aktionen. Ein Aktionismus, der an den Kräften der haupt- und nebenberuflich Mitarbeitenden zehrt, die immer weniger und im Durchschnitt immer älter werden.

Es wäre leicht, diese Kolumne mit dem Aufruf zu beenden, ›einfach mal‹ Pause zu machen und sich auszuruhen, doch das würde den Sabbat zu einem Problem des individuellen Zeitmanagements machen. Den Feiertag zu heiligen ist Gebot Gottes und Ausdruck einer menschenfreundlichen Kirche, die Menschen nicht verschleißt. Das sollte in allen gegenwärtig stattfindenden kirchlichen Zukunftsprozessen unbedingt bedacht werden.

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