Roberto Simanowski: Data Love, Ramón Reichert (Hg.): Big Data Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie.

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2014, 189 Seiten, 14,80 Euro / Verlag transcript, Bielefeld 2014, 496 Seiten, 29,99 Euro

Big Data und Digitalisierung – zwei Schlagworte, die für Gesprächsstoff sorgen. Big Data Mining ist „die computergesteuerte Analyse großer Datensammlungen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten und unbekannte Zusammenhänge hin“ (S. 7). Data Mining ist für Versicherungen, Anleger an der Börse und viele andere recht lukrativ.

Roberto Simanowski erkundet in seinem Essay Implikationen, Zukunfts-Szenarien und Dystopien, fragt nach der Macht der Algorithmen und kommentiert die expansive Verwendung statistischer Verfahren in den Geisteswissenschaften mit sich runzelnder Stirn. Ähnlich wie Sascha Lobo und Kathrin Passig (siehe vorstehenden Buchhinweis) nimmt er auch von kleinen Bewegungen im Internet-Universum Notiz (diverse Smartphone Apps mit wundersamen Funktionen) und ist sich nicht zu schade, am Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia den neuen „situativen Wissenstyp“ des „Just-in-time“ zu demonstrieren („Just in time bedeutet jeweils sofort, aber auch nur für jetzt“ S. 82). „Der kumulative Besitz von Wissen weicht dem virtuosen Jonglieren mit Wissen: ›doing knowledge‹ anstelle von ›having knowledge‹“ (ebd.). Data Love thematisiert die Hassliebe, die einen wachen Intellektuellen, der ein Smartphone nutzt, beschleicht.

Man wird nicht jeder Argumentation von Simanowski unwidersprochen folgen. Seine Forderung etwa, soziale und moralische Standards davon beeinflussen zu lassen, wie groß die statistische Verbreitung von Verhaltensweisen ist, ist nicht nur Minderheiten-gefährdend. Dennoch bietet der Essay wichtige Anstöße und Ausführungen, die in der Big Data Diskussion nicht fehlen dürfen.

Wem so viel Reflexionsmaterial noch nicht reicht, der greife zu der von Ramón Reichert herausgegebenen und eingeleiteten Aufsatzsammlung Big Data im transcript Verlag. Zu den Vorzügen dieses 500-Seiten-Wälzers zählt, dass sich aus einem international besetzten Set von mehr als zwanzig Autoren bequem auswählen lässt, und in jedem Fall etwas diskursiv Fundiertes. Etwa den Beitrag über Google Flu Trends (S. 333–364), ein Online-Tool des Suchmaschinenprimus, das auch Simanowski anspricht. Flu Trends erlaubt die Vorhersage von Grippewellen durch Auswertung von einschlägigen Sucheingaben, die der Suchmaschinenkonzern misst. Teilweise wohl recht erfolgreich, jedenfalls schneller als das staatliche Vorwarn-System der USA, das auf Rückmeldungen von Kliniken und Ärzten angewiesen ist. Autorin Annika Richterich stellt dar, welche Problematiken dadurch entstehen, wenn ein privater, auf Gewinnmaximierung ausgerichteter Konzern mit großen Mengen an Gesundheitsdaten hantiert, und dazu womöglich offiziell beauftragt wird.

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