Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman

Kiepenheuer & Witsch, 2019, 634 S., 25,00 EUR

Ich bin ein eher langsamer Leser, aber GRM (Grime, englisch für „Schmutz“, ein Musikstil aus Großbritannien) habe ich geradezu verschlungen. Zugegeben: in einer Mischung aus Ekel und Angst-Lust. Der Roman spielt in England, erzählt von einer schmutzigen, mehr und mehr von einer Künstlichen Intelligenz beherrschten und total überwachten Welt, von Kindern und Erwachsenen, Reichen und Armen, die allesamt zu einem würdelosen Leben verurteilt sind. In dem es am Ende nur Verlierer gibt und selbst die Manipulierer im Schlamassel ihrer technologischen und geistigen Hervorbringungen untergehen. Bergs (Roman-)Sprache spiegelt die Dekadenz ihrer Protagonisten, ist immer wieder derb und mit Kraftausdrücken gespickt.

Am Beispiel von vier pubertierenden Jugendlichen wird das Leben zerfallender Familien, einer im Marktradikalismus einer durchdigitalisierten und globalisierten Welt sich auflösenden Mittelschicht beschrieben. Rachepläne der Kinder, die sich um ihre Kindheit betrogen wissen, durchziehen die Handlung. Sie gehören der „neu definierten Generation Z“ an, am „Ende des Alphabets“, die „zweite Welle der Digital Natives“, perspektivlos und körperlich mit digitaler Technologie verbunden. Der Roman steht in einer Reihe mit Orwells 1984 oder Dave Eggers The Circle, will aber nicht als Dystopie oder Science-Fiction gelesen werden, sondern der Realität unseres Lebens auf der Spur sein, das von wachsender Gleichgültigkeit, Sexismus, Rassismus, politischem Despotismus und digitalen Allmachtsphantasien (Smartphone) geprägt ist.

Als Journalistin mit einer Kolumne im SPIEGEL schreibt Berg z.B. über den Klimawandel und die Verwandlung des Internets in ein antidemokratisches Herrschaftsinstrument, das uns zu „Klick-Vieh“ degradiert. GRM ist gut recherchiert, die Erzählebene enthält genügend Elemente unserer Wirklichkeit: In keiner anderen Stadt der Welt ist die Gesichtserkennung durch entsprechende Kameras in öffentlichen Bereichen so weit „fortgeschritten“ wie in London, und in China wird das (erwartete) Verhalten der „durchleuchteten“ BürgerInnen mit Credit Points belohnt, abweichendes bestraft. Im Roman gehört England faktisch den Chinesen. Ein aufgrund der wuchernden Arbeitslosigkeit eingeführtes Grundeinkommen kann durch entsprechendes Benehmen aufgebessert oder verspielt werden, für die Kontrolle sorgt ein implantierter Chip, der den Menschen überhaupt erst als existent ausweist.

Inzwischen kenne ich auch Leute, die das Buch nach gelesener Hälfte aus der Hand gelegt haben…, zu viel GRM?

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