Soziologie und Theologie Alternativen in Zeiten des Narzissmus

Schon 1979 sprach Christopher Lasch vom „Zeitalter des Narzissmus“. Auch vierzig Jahre später hat sich die Diagnose kaum verändert. Manfred Schütz analysiert das Phänomen aus der Doppelperspektive von Theologie und Soziologie.

„Gestatten, mein Name ist Narzissmus. Ich bin das Grundübel der Gegenwart. Das sagen Soziologen und Psychologen. Ich selbst sehe das natürlich anders: Meine Erfolgsbilanz ist glänzend. Darf ich Sie in mein herrliches Reich einladen?“ – In etwa so würde sich wohl der narzisstische „Charaktertyp“ in einer direkten Begegnung vorstellen – gesetzt, dass es diesen „Typ“ denn wirklich gibt und dass er sich so offen präsentieren würde. Wir folgen der Einladung gern. Zu verlockend sind die Versprechungen und zu selten bietet sich die Chance, einen Blick hinter die Kulissen eines so imponierenden Lebensstiles zu erhaschen.

Coolness, Erfolg und Selbst-Zentriertheit

„Ich bin famos und unvergleichlich. Schauen Sie nur, welche Vorteile ich jedem biete. Für mich gibt es nur Glanz und Gloria, sonst nichts.“ Narzissmus ist großartig im Gestalten von Ikonen, die dann als göttergleiche Bilder vor sich her getragen werden. Medien-Stars und dünne Mädchen, die sich als solche Stil-Ikone zu Markte tragen, Marken-Technik-Gadgets als „Must-have“: Die verschiedenen Gestalten von Narzissmus wurden oft beschrieben und sind uns wohl bekannt. Das eigene Vorankommen, das Einkommen, das Aussehen, das Auto; mit Fernlicht auf der Überholspur. Ja, ja, die „Rüpel-Republik“ (Jörg Schindler). Ist das eine Karikatur? Nur oberflächlich.

„Wo ich bin, ist der Mittelpunkt der Welt. Hier kommt die Bühne für ein unvergessliches Spektakel. Was ich mache, das ist großes Kino.“ Man fühlt sich wirklich wie im Film. Der Action-Held ist cool, clever und immerzu erfolgreich. Seine Lebenszeit scheint ewig. Auch noch in der zwanzigsten Serienfolge meistert er eine Mission nach der anderen bravourös. Der Held leidet zwar, lässt sich aber nichts anmerken. Für die erledigten Gegner hat er immer einen lockeren Spruch parat. Das Kino zeigt ihn gutaussehend, empathielos, in seinen besten Szenen grandios. Viele Filmhelden verkörpern geradezu idealtypisch die narzisstische Persönlichkeit.

Der hohe Nutzen des Narzissmus

Christopher Lasch identifizierte den Narzissmus in allen Schichten der westlichen Gesellschaft. Die Attraktivität des Lebensstils lässt sich kaum leugnen. Narzissmus bringt das Ich nach vorne, macht ›führungsstark‹ und befördert in beste Positionen. Was sich nicht einfügt, wird verdrängt. „Mit Einwänden brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen. Denn die Regeln setze ich.“

Ambivalente Erfahrungen

Doch wie es im realen Leben manchmal ist: Das Selbstbild trügt. Aus irgendeinem Grund halten die Erfolge meist nur kurze Zeit. Nach anfänglicher Begeisterung schwindet bei den Anhängern die Freude. Einfach zu kurzatmig sind die Versprechen: Schon anderntags wird unter Lachen eine andere Ikone vorangetragen. Das irritiert den langen Zug dahinter, lässt frustriert zurück. Man war eben nur Material für eine Inszenierung.

„Narzissmus“ ist ein von Sigmund Freud 1914 in die Psychoanalyse eingeführter Begriff. Hier bezeichnet er zunächst eine Entwicklungsstufe in der frühen Kindheit. Später wird das Begriffsfeld von Vertretern des Fachs wie Heinz Kohut um eine elaborierte Theorie der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur erweitert. Das Besondere bei Christopher Lasch in The culture of narcissm von 1979 ist schließlich, dass er die Symptomatik als Etikett auf eine ganze Zeitepoche heftet. Es sind nicht mehr nur Einzelfälle, er sieht ein „Zeitalter des Narzissmus“ angebrochen.

Generation Narzissmus?

Wenn man aktuellen Buchbeiträgen Glauben schenken darf, hat sich an diesem Befund seitdem nicht viel verändert. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschreibt die vorfindliche Situation als Die narzisstische Gesellschaft (2012). Der Innsbrucker Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller warnt vor der Narzissmusfalle (2013). Die Sozialkritik eines Horst-Eberhard Richter ließe sich an dieser Stelle wohl ebenfalls anführen. Ist eine ganze Generation seit den 1970ern im Modus des Narzissten unterwegs?

Ganz unabhängig davon, wie die Gesellschaftsanalysen in dieser Hinsicht ausfallen, werden die Ambivalenzen eines selbstsüchtigen Lebensstils in vielen Bereichen deutlich und von vielen Seiten kritisiert. Auch aus christlichem Blickwinkel muss eine Fokussierung auf das Ego seltsam anmuten. Wird im Neuen Testament doch statt Selbstliebe zuvörderst Nächsten- und Gottesliebe propagiert (Doppelgebot). Manche Theologen sind daher schnell dabei, es handele sich hier eben um die klassische Situation des Menschen als des „homo incurvatus in se ipsum“: Um den Menschen, der in sich selber eingekrümmt und eingekapselt ist, solange ihn nicht ein befreiendes Wort aus dieser misslichen Lage herausgerissen habe.

Erste Risse im Bild

Der seltsame Witz des Narzissmus besteht darin, dass er andauernd Verhaltensweisen an den Tag legt, die seinem Selbstinteresse komplett zuwiderlaufen. Denn außer heißer Luft gewinnt er wenig. Deswegen muss er ja so permanent nach vorne stürzen. Im Heute, um ihn herum, oder in der Vergangenheit hält ihn nichts. Dort finden sich nur Trümmer oder Scheinerfolge, zumindest ist das so in seiner Eigenperspektive.

Dieser Narzissmus wirkt und handelt zwiespältig: Er schadet sich vor allem selbst. Ein Nachruf auf den österreichischen Sänger Hölzl, bekannt als Popstar „Falco“ endete 1998 so: „Falco war eine Kunstfigur, die den grenzenlosen Narzissmus des Menschen Hans Hölzl auf die Bühne trug. Das Problem war nur, dass fast niemand den Unterschied sah – und auch Hölzl irgendwann nicht mehr zu wissen schien, wo Falco aufhörte und Hans anfing.“ In einem seiner letzten aufgenommenen Songs Out of the Dark – Into the Light, kurz vor dem Tod, steht die fragende Zeile: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“

Der Mythos von Narziss

Im Hintergrund der modernen Narzissmus-Konzeptionen steht der altertümliche Mythos von Narziss, dem von einem Gott abstammenden Sohn, der freilich ein eher unerquickliches Ende findet. Je nach Variante der Erzählung ertrinkt er in und während unentwegter Selbstbetrachtung, zergeht er wehklagend in Selbstzerfleischung oder es ereilt ihn Todesschrecken, als er für einen Moment sein hehres Selbstbild in Frage gestellt sehen muss.

Der junge Narziss liebt nur sich selbst. Er wird als anmutig geschildert, er wird bewundert, in „grausamem Stolz“ sieht er jedoch nur sich, ist ein Gefangener seiner selbst. Die folgenden Zitate stammen aus Ovids Metamorphosen, nach den Übersetzungen von J.H. Voß und R. Suchier.

An der Quelle sitzend gibt sich Narziss der Selbstbespiegelung im Wasser hin.

Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach;
Denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert,
Liebt er einen Wahn […] Sich anstaunt er selbst, und starr mit dem selbigen Blicke
Ist er gebannt

Der Mythos urteilt durchaus streng und nennt ihn einen Narren:

Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut.
Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte.

Selbst als er merkt, welchem Irrtum er aufsitzt, gelingt ihm keine Abwendung vom schillernden Antlitz in der Quelle:

Ich bin, merk’ ich, es selbst. Nicht täuscht mich länger mein Abbild.
Liebe verzehrt mich zu mir; […] Was ich begehre, ist mein. Zum Darbenden macht mich der Reichtum.
[…]
im beschatteten Grase gelagert
Schaut er die leere Gestalt mit unersättlichen Blicken
Und er vergeht durch das eigne Gesicht.

Eine grauenvolle Welt

Woher kommt Narzissmus? Maaz: Narzissmus ist eine Mangelerscheinung. Wer sich so viel um sein Ego bemühen muss, zeigt schließlich nur, dass dort etwas nicht stimmt. Warum sonst wäre so viel Aufwand nötig? Narzissmus sucht zwanghaft etwas herzustellen, weil er es nicht hat. Im Kern ist es der unsichere, in sich verstörte Mensch, der nach Anerkennung sucht.

Narzissmus ist eine Mangelerscheinung

„Moment einmal, so ist es ja nun überhaupt nicht“, empört sich da unser Narzissmus. „Wer kommt dazu, mir so etwas zu unterstellen? Ich bin zufrieden, mir geht’s gut.“ – Das ist wahrscheinlich nicht gelogen. Der Narzisst hat sich in seinem Mikrokosmos derart eingerichtet, dass ihm die eigentlichen Mängel kaum mehr zu Gesicht kommen. Daraufhin richtete sich ja das ganze Unternehmen, der Leere zu entkommen. Im Innern ist Narzissmus trostlos. Darum hetzt er von Ersatzbefriedigung zu Ersatzbefriedigung, die aber jeweils nur kurz hält. Einmal angestoßen ist das ein andauernder Kreislauf. Grauenvoll für ihn selbst. Grauenvoll für alle anderen.

Narziss und Echo als Realsatire

Wie nur kam es, dass Narziss zur Selbstliebe verdammt ist? In Hochmut (superbia) verachtete er einst alle anderen, er sondert sich von ihnen ab. Sehr deutlich wird das in der Begegnung mit der Nymphe Echo. Echo ist freilich ihrerseits ein origineller Charakter. Denn durch Götterurteil kann sie nur Worte wiederholen. Von sich aus ist sie nicht in der Lage zu reden anzufangen, sie kann Gesprochenes aber verdoppeln und spiegelnd wiedergeben:

Sie aber verdoppelt die Laute
Immer am Schluss und sendet zurück die vernommenen Worte
[…]
Als sie nun den Narkissos erblickt, der in pfadlosen Fluren
Schritt umher, […], da folgt sie heimlich den Spuren […].

Es kommt zum Zusammentreffen:

Jener: “Ist jemand da?” Und “da” antwortete Echo.
Jener staunt, und indem er mit spähendem Blicke sich umsieht,
rufet er: Komm! laut auf; Komm! ruft sie dem Rufenden wieder.
Rückwärts schauet er; keiner erscheint: Was, rufet er endlich,
Meidest du mich? Was meidest du mich? antwortet die Stimme.
Jener besteht, und getäuscht von des Wechselhalles Gegaukel:
Hier uns vereiniget! ruft er; und freudiger keinen der Töne
Nachzutönen bereit: Uns vereiniget! ruft sie entgegen;
Und sie gefällt in den Worten sich selbst.

Der Mythos erzählt die Begegnung von Echo und Narziss wie schiere Realsatire. Nicht von ungefähr trifft Narziss just auf eine Narzisstin: „Und sie gefällt in den Worten sich selbst.“ Und nicht von ungefähr fällt die Reaktion – doch wohl zu Recht? – auch hier sehr schroff aus: „eher sterb‘ ich, als dass dir unsere Fülle zuteilwerde“, entgegnet Narziss der herannahenden Nymphe (‘ante’ ait ’emoriar, quam sit tibi copia nostri’).

Dilemma der Selbstbezogenheit

In seiner Schrift Zur Einführung des Narzissmus hatte Sigmund Freud 1914 zunächst die kindliche Phase einer Selbstliebe im Blick, die über jeden Kontakt zur Außenwelt gestellt ist. Schon bei Freud findet sich die Unterscheidung zwischen einem „primären und normalen Narzissmus“ als einem guten temporären Teilaspekt in der Persönlichkeit und sekundären Formen. Die Unterscheidung zwischen einem gesunden sowie einem kranken, problematischen Narzissmus, bleibt auch in der weiteren Entwicklung wichtig. Der Psychoanalytiker Kohut wird die positiven Facetten von Narzissmus in seinem Theorieansatz sehr stark machen, wobei er und dann Otto F. Kernberg ausführlich auch die Merkmale von schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörungen herausarbeiten. In extremer Form wird Narzissmus antisozial. Aus dem anfänglich guten ist ein übler, bösartiger – der maligne Narzissmus geworden.

Die Trennlinie, ab wann Narzissmus pathologisch, krankmachend und zerstörerisch zu nennen ist, verläuft im Einzelnen nicht eindeutig, so wenig die zugrundeliegenden Definitionen trennscharf anzuwenden sind. Immer bleibt es eine Aufgabe abzuwägen, wo die Aufmerksamkeit für das Ich aus einem gesunden Selbstinteresse entspringt und wo die Selbstzentriertheit zu kritischen Folgen für das Ego und die anderen führen muss.

Änderungen in der Gesellschaft

Spätestens wo die Gesellschaft im großen Stil mit zersetzenden Kräften konfrontiert wird, setzen bewusst oder unbewusst kulturelle, politische und ökonomische Gegenbewegungen ein. Theologie und Soziologie – als zwei Disziplinen, die das große Ganze in den Blick nehmen – reflektieren solche Entwicklungen wohl zuerst. Ein „Unbehagen in der Gesellschaft“, wie es der französische Soziologe Alain Ehrenberg betitelt (2011), scheint die Konsumgesellschaften des Westens zu erfassen. Er nennt als Ursachen die Unsicherheiten in der Arbeitswelt, in Familien und in der Schule, soziale Bindungsprobleme als Folge einer gestörten Kindheit. Nicht auszuschließen, dass die narzisstische Not eine verschleppte Spätfolge des Zweiten Weltkriegs ist.

Was aber kann in Zeiten des Narzissmus retten? Laut den Analytikern hilft es schon viel, andere Verhaltensweisen einzuüben. Die „Befundsteller“ appellieren zumeist an eine grundlegende Änderung der Gesellschaft. „Wir müssen lernen, natürliche Begrenzungen zu akzeptieren“, sagt Hans-Joachim Maaz. Er entwirft eine Art Sozialutopie am Ende seiner Analyse. Nicht weniger als eine Umgestaltung weiter Gesellschaftsbereiche ist demnach nötig, um aus der Spirale des Narzissmus auszusteigen. Es ginge also schlicht darum, andere Lebensweisen einzuüben. Andere Orientierungspunkte, andere Quellen in den Blick nehmen. Dazu müsste Narziss den Blick heben. Ob er das tut?

Narzissmus – reflektiert

Aus sich heraus ist er laut Mythos gerade dazu nicht in der Lage. Narziss sitzt fest in Selbstmitleid („Lass mich […] wenigstens schaun, und nähren den mitleidswürdigen Wahnsinn!“). So sinkt er ab und geht unter Wehklagen zur Unterwelt. „Da auch noch, wie er längst dem Reich der Toten gehörte, schaut er sich selbst in der stygischen Flut.“ Und noch dort heißt es: „Zur Wehklag’ hallete Echo“.

Viele halten Narzissmus für unumkehrbar. Andere mahnen zu Geduld. Narziss ist zwar geblendet und verblendet, aber er ist nicht taub. Deutet doch gerade die erste Begegnung mit Echo im Mythos an, dass es auch anders ginge. Was wäre wohl passiert, würde der Narzisst nicht nur sich verdoppelnde Eigenliebe finden? Wie Kernberg zeigt, kann man sein Elend spiegeln, womöglich wird Narziss dann ansprechbar auf den wirklichen Eigen-Nutzen seines Verhaltens. Ansprechbar auf eintretende Risse in seinem Bild, ohne völlig zu zerbrechen.

Narziss ist geblendet, aber er ist nicht taub

Gar so falsch war die Liedzeile von Hans Hölzl alias Falco insofern nicht. Tatsächlich muss ein Stück weit etwas absterben, bevor die Selbstliebe gesund sein kann. Mit einem theologischen locus classicus zum Thema formuliert: Wer sein Leben liebhat und daran hängt, der wird’s verlieren; wer von seinem Leben auf dieser Welt absehen kann, der wird’s gewinnen (vgl. Johannes 12,25 mit Parallelstellen).

Was ließe sich aus dieser Perspektive Narziss zurufen und raten? Statt vor dem trügerischen Bild im Wässerchen zu sitzen, statt auf sich zu hocken und vor sich hin zu starren, kurz: statt Selbstversenkung, sich herausrufen lassen und sich tragen lassen durch ein hilfreiches Wort. Wie in einem Nachen sich über das undurchschaubare Gewässer in die Weite fahren lassen. Die sich spiegelnden Gesichter tummeln sich beim Blick ins Wasser dann dennoch rund um Narziss herum. Doch jetzt ist alles in Bewegung. Die Gesichter im Wellengang verändern sich. Narziss begönne sich zu wandeln.

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