Was ist Gemeinsinn? Plädoyer für einen neuen Kanon von Menschenpflichten

In der Coronakrise hat das Wort Gemeinsinn eine ganz neue Aktualität erhalten. Wie können wir aus dieser völlig neuen globalen Erfahrung lernen und aus ihr eine neue Orientierung und Haltung gewinnen?

Im rasenden Stillstand der Coronakrise erleben wir gerade eine neue Form der Globalisierung. Als verbindende Kräfte wirken dabei weder die Warenketten, noch die Finanzströme, noch die technischen Medien, sondern ein Virus, das sich mit Hochgeschwindigkeit ausbreitet. In dieser Notsituation, in der die Menschheit als ganze heimgesucht ist, in der Menschen nicht mehr handeln, sondern nur noch reagieren und eine Weltregion auf die andere angewiesen ist, hat das Wort Gemeinsinn eine ganz neue Aktualität gewonnen. Wie und wann wir aus dieser Krise herauskommen, ist noch nicht klar, aber der Gemeinsinn wird eine besondere Rolle dabei spielen.

„Not me. Us!“

Deshalb lohnt es sich, genauer zu fragen: Was ist Gemeinsinn? Die einfachste Definition hat der US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders gegeben: ›Not me. Us!‹ Nicht ich, sondern wir. Auch der Philosoph Karl Jaspers hat nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er Jahren dafür eine treffende Formel gefunden, als er schrieb: ›Wahrheit ist, was uns verbindet‹. Die westliche Marktgesellschaft hat, wie wir wissen, Egoismus und Wettbewerb stark gemacht, aber wenig in Gemeinsinn investiert. Inzwischen ist noch der kollektive Egoismus der Nationen hinzugekommen, die sich gegenseitig überbieten. Salman Rushdie hat kürzlich in einem Interview festgestellt, dass die drei Länder, in denen er gelebt hat und weiterhin lebt, alle dieses eine Modell verkörpern: Narendra Modi mit ›India first!‹, Boris Johnson mit ›Britain first!‹ und Donald Trump mit ›America first!‹ In Europa und in Deutschland hat der Nationalismus inzwischen aggressive Züge angenommen und spaltet die Gesellschaft durch Hass und völkische Parolen.

Zusammenhalt vs. Gemeinsinn

Die Rede vom ›gesellschaftlichen Zusammenhalt‹ ist schon seit einigen Jahren die meistgebrauchte Formel in der politischen Rhetorik. Sie kam nicht nur in der Weihnachts-Ansprache 2019 von Frank Walter Steinmeier mehrfach vor, sie wird inzwischen auch von rechtsradikalen Gruppen in Anspruch genommen. Wenn man das Wort ›Zusammenhalt‹ durch ›Gemeinsinn‹ ersetzt, verschiebt sich ein wenig die Perspektive. Wer Zusammenhalt sagt, denkt an etwas, das von oben zusammengehalten werden muss, weil es unter besonderem Druck steht. Mit dem Wort Gemeinsinn geht man nicht von einem Kollektiv wie der Gesellschaft aus, sondern von den Voraussetzungen der Einzelnen, die etwas einbringen. Diese Bewegung kommt von innen, nicht von außen, sie muss von den Menschen selbst aufgebaut werden. Zusammenhalt richtet sich gegen eine von außen oder innen kommende Gefahr: Wir halten zusammen gegen Spaltendes und Bedrohliches. Beim Gemeinsinn werden Einzelinteressen zurückgestellt und der Blick auf etwas Übergreifendes gerichtet, das jenseits von Herkunft und Zugehörigkeit verbindet. Gemeinsinn bedeutet nicht vordringlich, sich ein- und unterzuordnen, sondern den Anderen einzubeziehen. Er ist nicht das Gegenteil von Individualismus, sondern von Egoismus und fordert zu einem Denken in größeren Zusammenhängen und Bindungen auf.

Die „unzivile“ Gesellschaft ist auf dem Vormarsch

Wir stehen heute am Ende der Entwicklung der friedlichen Erfolgsgeschichte der EU. Das europäische Wir ist gespalten, was vor kurzem noch als Konsens gelten konnte, stößt heute an klare Grenzen der Zustimmung. Das Modell der zivilen Gesellschaft sieht sich inzwischen durch das Gegenmodell einer ›unzivilen‹ Gesellschaft in Frage gestellt. Daran ist nicht zuletzt das Internet beteiligt, in dem die Meinungsfreiheit zur Meinungsenthemmung verkommen ist und kräftig zur Entfesselung von Hass, Hetze und Gewalt beiträgt. Demagogen haben Konjunktur, Hassrhetorik mit Shitstorms und Morddrohungen breiten sich aus und in Schockstarre erleben wir, wie sich Gewalt in Form von politischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen ausbreitet.

Es reicht aber nicht, nur über Spaltung und Hass zu sprechen, wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir Gemeinsinn wiederherstellen können – und das auf allen Ebenen – auf der Ebene der EU, der Nation, der Städte und der Schulen. Nach dem Fall der Mauer galt der Satz von Willy Brandt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“ Heute gilt der Satz: „Jetzt wächst zusammen, was nicht zusammengehört.“ Deutschland ist mitten im Prozess der Umwandlung in ein Einwanderungsland und braucht entsprechend Raum und Zeit für Veränderung. Auf der Ebene der Städte und Kommunen werden die Herausforderungen konkret. Dabei wird beides sichtbar: Engagement für Integration sowie Blockierung, Fortschritte wie Provokationen. Je mehr wir den Raum einschränken, über den wir sprechen, desto offener treten die Probleme zutage. Kindergärten und Schulen sind heute der Ort, wo unterschiedliche kulturelle Identitäten, Herkünfte und Biographien aufeinandertreffen. Ein zusätzliches Einfallstor für Konflikte ist dabei die Parallelwelt des Internets, die massiv zur Verrohung der Kommunikation und zur Verherrlichung von Gewalt beiträgt – man denke nur einmal an die neue Achse zwischen Christchurch Neuseeland, Halle und Hanau!

Regeln des Umgangs, die für alle gelten

Bei der Suche nach einer deutschen Leitkultur, die die einen immer schon besitzen und die anderen jetzt schnell lernen müssen, werden stets die Unterschiede zwischen Einheimischen und Zugewanderten betont. Eine praktische Alternative könnte darin bestehen, sich auf verbindliche Regeln eines friedlichen Zusammenlebens und den Respekt gegenüber dem Anderen zu konzentrieren, also auf Regeln des Umgangs, die für alle gelten. Thomas Mann sprach in diesem Sinne einmal von einem ABC des Menschenanstands. Ich fasse diese Regeln unter dem Stichwort „Menschenpflichten“ zusammen und sehe in ihnen eine wichtige Ergänzung zu den ›Menschenrechten‹.

Die Menschenrechte und Menschenpflichten ergänzen sich.

Während die Menschenrechte einen Stammbaum haben, der nur bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht, sind die Menschenpflichten seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in allen Kulturen und Religionen der Welt verankert. Ihr Leitsatz ist die goldene Regel: ›Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu‹. Dieses Grundgesetz des Gemeinsinns verbindet sich mit Grundregeln mitmenschlicher Solidarität, die sich in altägyptischen Beamtengräbern ebenso finden wie in den mittelalterlichen ›sieben Werken christlicher Barmherzigkeit‹. Das Christentum hat das Gebot der Nächstenliebe aus der jüdischen Tradition übernommen und in einem Katalog von Tugenden festgeschrieben, der alt- und neutestamentliche Gebote umfasst. Im Matthäusevangelium werden diese Tugenden mehrfach wiederholt:

Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt;
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 

Und der Refrain lautet jedes Mal:

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 

Das Weltkulturerbe der Menschenpflichten

Die Menschenrechte und Menschenpflichten ergänzen sich. Die Menschenrechte sind politisch und gelten vertikal zwischen einer politischen Instanz und dem Einzelnen. Sie garantieren explizit die Grundlagen friedlichen Zusammenlebens. Aus der Achtung vor dem Leben und der Würde eines jeden Menschen leiten sich Rechte ab, die für alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität oder Rasse gelten sollen: das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, das Verbot von Sklaverei und Folter, Gedanken- und Glaubensfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohlbefinden. Die Menschenpflichten sind sozial und gelten horizontal zwischen Mensch und Mitmensch. Was ich erst später herausfand: 1997 wurden diese Regeln in Form von 19 ›Menschenpflichten‹ von einem ›InterAction Council‹ aktualisiert, von Staatmännern wie Helmut Schmidt und Shimon Peres unterzeichnet und „den Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt“. Dazu ist es leider nicht gekommen, weil sie dort in einer Schublade verschwanden und vergessen wurden. Zum Glück gibt es inzwischen eine Neuauflage: Norbert Thomassen (Hrsg.): Verantwortung – Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten des InterAction Council in 40 Sprachen (Groupello 2017). Es ist an der Zeit, diese Erklärung über Gemeinsinn, gegenseitigen Respekt und die Umgangsformen in der Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen und sie endlich als das anzuerkennen, was sie sind, nämlich ein uraltes Weltkulturerbe.

Investitionen in eine neue politische Kultur

Gemeinsinn ist weit mehr als eine schöne Tugend von besonders fürsorglichen und empathischen Menschen. Der Begriff steht vielmehr für ein aktives Sozialverhalten und eine politische Kultur, die weitergegeben, gelernt und täglich gelebt werden muss. Eine solche Kultur beruht auf einem neuen Kanon von Menschenpflichten im Sinne gelebter Demokratie im Alltag – als Verhaltensregeln in der Ehe und Familie, aber auch vor der Haustür, auf der Straße, in der Nachbarschaft, den Städten, Gemeinden und Vereinen und natürlich auch in den Schulen.

Gemeinsinn ist weit mehr als eine schöne Tugend.

Für das soziale Lernen, das auch besondere Achtung gegenüber der natürlichen Umwelt einschließt, gibt es lange Erfahrungen, Expertise und konkrete Angebote, die nur wieder in die Praxis zurückfinden müssen. Wir alle sind aufgerufen, in das knappe und nachhaltige Gut Gemeinsinn zu investieren und die praktischen Regeln der Mitmenschlichkeit zu festigen. Wir brauchen sie, um die Bande der Gesellschaft gegen die Brutalisierung einer ›rohen Bürgerlichkeit‹ zu schützen, der fortschreitenden Einsamkeit und Isolation vieler Menschen etwas entgegenzusetzen und die Zivilgesellschaft in dem zu stärken, was sie ausmacht, nämlich Zivilität.

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