Editorial: Bildung Ausgabe 2/2015

Liebe Leserin, liebe Leser!

Für das aktuelle Heft haben wir mit „Bildung“ ein Thema gewählt, das nicht nur ein weites Feld umfasst, sondern auch voller Tretminen ist. Es ist vor allem auch deshalb sensibel, weil in diesem Bereich unter anderem über soziale Aufstiegschancen entschieden wird. Zugang zu Bildung ist ein Schlüssel zum Erfolg. Das drückt sich heutzutage in einem immer stärkeren Druck auf die Schülerinnen und Schüler aus. Gute Zensuren sind ein wesentliches Kriterium für den Übergang zur Universität.

Seit in den PISA-Studien Deutschlands Bildungssystem im internationalen Vergleich zur Jahrtausendwende schlechte Zensuren erhalten hat, ist eine regelrechte Hysterie ausgebrochen, wie die Leistungslücken zu schließen sind. Der so genannte Bologna-Prozess hat zeitgleich eine Anpassung der deutschen Hochschulausbildung an das europäische System mit Bachelor- und Master-Studiengängen erbracht. Diese Entwicklung hat eine starke Fokussierung von Schule und Hochschule auf den Erwerb von Kompetenzen zur Folge. Interessanterweise setzt sich das auch im außerschulischen Bereich fort. So hat das von der Bundesregierung finanzierte weltwärts-Programm, bei dem junge Menschen in Hilfsprojekten im Ausland mit anpacken, natürlich auch eine Stärkung der interkulturellen Kompetenzen zum Ziel. Solche Kompetenzen sind in global agierenden Unternehmen heute extrem wichtig.

Kritiker warnen davor, dass das Bildungssystem darauf reduziert wird, junge Menschen für die Bedürfnisse der Wirtschaft zuzurichten. Selbst im sozialen Miteinander, wenn es um etwas wie Mitgefühl geht, spricht man heutzutage von sozialen Kompetenzen. Die Autoren im Heft sind sich einig, dass der Mensch nicht auf Kompetenzen reduziert werden kann, quasi als Objekt, das eingepasst wird in bestimmte Strukturen.

Zwar ist das Bildungssystem ein komplexes Gebilde, das nicht unbedingt über einen Kamm zu scheren ist, aber es gibt Warnsignale. So nimmt offenbar die Zahl der Schüler mit psychischen Problemen zu. Außerdem ist der Niedergang der Geisteswissenschaften augenfällig. Hier geht es um geistige Horizonte in Literatur und Philosophie, die im auf die praktische Verwertbarkeit von Wissen und Erfahrung ausgerichteten Leben kaum noch eine Rolle spielen. Aber hier werden Dimensionen des Menschen angesprochen, die durchaus zurecht mit dem Begriff Herzensbildung umschrieben werden, bei dem es nicht nur um Wissen geht, sondern auch um das Gefühl. So definiert der Philosoph Max Scheeler Bildung als Verbindung mit dem Seienden. Das ist weit mehr als Wissensanhäufung.

Hier lohnt sich ein Blick auf ein schon vor mehr als drei Jahrzehnten erschienenes Buch des französischen Philosophen Pierre Hadot, der daran erinnerte, dass in der Antike “Philosophie als Lebensform” begriffen wurde. Sie sei nicht als Lehrsystem verstanden worden, sondern als Lebenskunst. Im Zentrum steht dabei die Reflexion darüber, wie man sein Leben führt, wie man seine Existenz bestimmt. Hier geht es also um das Leben selbst, um den Menschen als Ganzes, was über die Ansammlung von Kompetenzen weit hinausgeht.

Rainer Lang

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