Schaut man auf Weltebene und lokal vor Ort die kürzlich abgeschlossenen oder derzeit laufenden Großprojekte an, kann von kirchlicher Krise keine Rede sein. Weltsynode und neu erwachte Bibelbewegung sind nur zwei von mehreren Beispielen.
Krisen sind immer gute Zeiten für den Glauben und für Glaubensfragen. Denn wenn es glatt läuft, es an nichts fehlt, denkt der Mensch: So geht es immer weiter. Schlägt dann das Stündchen unversehens, ist der Jammer groß. Zwickt und zwackt es jedoch beizeiten, macht man sich frühzeitig Gedanken. Überflüssiges lässt man beiseite. Besinnt sich auf das Eigentliche. Man kann sich vorbereiten und weiß die Sachen einzuordnen.
„Mensch, werde wesentlich!“, ist ein alter Ratschlag. Beherzigt wird er oft in Krisenzeiten, weil man in satten Zeiten noch zu träge war. Was so vom Menschen zu konstatieren ist, gilt nicht weniger von großen Organisationen und Gebilden. Und so zählt es zum Erfreulichen im Unerfreulichen, dass in fast allen krisenhaften Phänomenen in der Kirche – den echten wie den eingebildeten – eine Neubesinnung auf „das Wesentliche“ stattfindet.
Krise? Welche Krise?
Da wäre zunächst das große Mantra vom „Niedergang der Religion“. Das gebetsmühlenartig in schier jeder Stellungnahme rund um Theologie und Kirche aufzutauchen scheint. Dabei meldeten Medien schon zu Corona-Zeiten in Großbritannien: Die Menschen beten häufiger. Für Deutschland meldete DER SPIEGEL Ende 2024, dass längst Gegenbewegungen zur Krisenrhetorik im Gange sind (Detlef Pollack). Weihnachten hat seinen gesellschaftlichen Status trotz Coronakrise – nicht nur beim Kirchbesuch – behalten. Adventsmärkte haben sich zu verteidigungswürdigen und schützenswerten Kulturgütern entwickelt. Und Ostern hat in den letzten Jahren sogar noch eine Aufwertung erhalten.
Blick in die Weltkirche
„Wenn du Angst vor dem Tod hast, liebe die Auferstehung“, erklang aus Rom im Jahr 2026. Ostern als „das höchste Fest der Christenheit“ (Quelle: ARD) ist das Anti-Krisenfest schlechthin. In unsicheren Zeiten lenkt es den Blick auf das, was oberhalb und außerhalb der weltlichen Geschicke Bestand verspricht: „Mensch, werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“ Alle weltkirchlichen Konfessionen und Denominationen sind in der Osterfeier einträchtig vereint.
Und es gibt viel Erfreuliches aus der Weltchristenheit aufzuzählen. Etwa das von den Verantwortlichen vor Ort sehr würdig gestaltete 1700-Jahr-Jubiläum des Nicäno-Constantinopolitanum an der Küste Izniks, das im Herbst vergangenen Jahres begangen wurde. Nach der erfolgreich verlaufenen Weltsynode 2021–2024 werden im Lauf des Jahres 2026 für die katholische Kirche wichtige Ergebnisse gebündelt und umgesetzt. Und aus der una sancta ist noch mehr Erwähnenswertes festzuhalten.
In der Weltchristenheit zeichnet sich eine neue Paulus-Renaissance ab.
So wissen wir seit Juni 2025, dass es in Rom mindestens einen Bischof gibt, der schon einmal einige Verse von Paulus gelesen hat. Die jüngste Paulus-Renaissance ist viel versprechend in fast jeder Hinsicht. Es zeichnet sich auf zahlreichen Ebenen wie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine neue vielschichtig wirkende und breit aufgestellte Bibelbewegung ab. Dazu trägt sicher bei, dass die christlichen Traditionen des nord- und südamerikanischen Kontinents in den vergangenen Monaten und Jahren an Einfluss auf die Weltkirche insgesamt gewonnen haben. Dort hat die Schriftauslegung seit langem einen besonders hohen Stellenwert.
Da trifft es sich, dass mit dem 250-Jahr-Jubiläum der USA ebenfalls, zumindest teilweise, diese Traditionsstränge neu in den Blick geraten. Ein El Dorado für alle Exegeten tut sich auf.
Blick nach Deutschland
Fast könnte man von Deutschland aus ein wenig neidisch werden. Schaut man genauer hin, ist die Lage jedoch ebenfalls nicht unerfreulich. Die Art und Weise wie es gelang, mit der Basisbibel innerhalb kürzester Zeit eine neue Bibelübersetzung erfolgreich am Markt zu etablieren, macht manchen passionierten Kulturpessimisten staunen. Seit knapp fünf Jahren legt die Übersetzung einen beeindruckenden Siegeszug nicht nur in Hinblick auf die Auflagenzahlen hin. Und dies in einem Land, in der mit der Einheitsübersetzung aus dem Jahr 2016 im katholischen Bereich eine in vielerlei Hinsicht gelungene Neu-Übersetzung eingeführt wurde, und ebenfalls im Jahr 2016 im evangelischen Bereich die gelungene revidierte Lutherübersetzung.
Vier markante Bibel-Editionen innerhalb weniger Jahre sprechen für sich.
Dass es evangelischerseits im Abstand von vier Jahren möglich war, zwei biblische Großprojekte diesen Umfangs zum Abschluss zu bringen, spricht durchaus für eine gewisse Solidität und Qualität nicht nur im Personalbestand. Nicht zu vergessen, dass im selben Zeitraum die Stuttgarter Erklärungsbibel neu herausgegeben wurde und etliche weitere inspirierende Bibel-Editionen das Licht der Welt erblickten. Ein Mangel an aktuell gut lesbaren Bibelausgaben ist hierzulande jedenfalls nicht zu konstatieren.
Woher also die Krise? Vielleicht ist doch eher von einer gefühlten Krise zu sprechen, denn von einer realen. Zum Unerfreulichen im Erfreulichen würde dann zählen, dass sich die allgemeinen Kirchentöne so schnell von zugespielten Misstönen durcheinanderbringen lassen. Die eigene Melodie zu halten, hätte sicher auch etwas für sich.
Großprojekt Gesangbuch
Von noch einem weiteren Großprojekt lässt sich harmonisch an dieser Stelle schreiben – und dass die Großprojekte (es gibt noch mehr) sich so leicht wie die Perlen einer Schnur aneinanderfügen lassen, sagt doch auch etwas – und zwar vom geplanten neuen evangelischen Gesangbuch. Das im Sommer 2026 in die nächste entscheidende Phase übergeht. Seit März des Jahres ist die vorläufige Liederliste nun publik: Für die einen tatsächlich die versprochene „Aufzählung des Schreckens“, für andere ein neugierig machender Neuaufschlag. Mindestens ebenso wichtig wie die Lieder sind indes die eingeplanten Kurztexte und Anhänge, die das projektierte kirchliche Hausbuch ja erst komplett machen.
Leider war in der bisherigen Erprobungsphase nur ein Bruchteil der Rubriken (z.B. Weihnachten) offen zugänglich und die durchdachte Gesamtanlage, die sich ja sehen lassen kann, und in der durchaus einmal ein Gesangbuch zehn oder zwanzig Jahre lang im Gebrauch sein könnte. In mancher Hinsicht konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass von der Steuerungsgruppe ein wenig Geheimniskrämerei betrieben wurde, Zeitfenster bewusst knapp gehalten werden und entgegen anderer Verlautbarungen für den einfachen Kirchengenossen längst nicht alles ganz durchschaubar und transparent vonstatten ging, und gehen sollte – sicher mit dem ehrenwerten Ziel, ein kühnes Projekt nicht vorzeitig zerreden zu lassen. Nun aber mit dem Risiko, dass das Paket am Ende doch noch einmal aufgeschnürt, und auf ein Neues befüllt werden müsste. Man darf gespannt bleiben.
