Was heißt Bildung? Eine theologische Perspektive

Christlich-theologische Bildungsreflexion ist – seit Erfindung des Begriffs „Bildung“ in der deutschen Mystik – immer wieder in den Bildungsdiskurs eingeflossen. Bernd Schröder fasst zusammen, was aus dem Bildungsdenken christlicher Provenienz aus mehreren Jahrhunderten gegenwärtig geltend zu machen ist.

Wenn heute in Politik, Erziehungswissenschaft oder praktischer Bildungs-‚Arbeit‘ in Kinder-tagesstätte, Schule oder Erwachsenenbildung von „Bildung“ gesprochen wird, dann ist es für die Beteiligten weder selbstverständlich noch ohne Weiteres einsehbar, dass Begriff und Sache der Bildung ein (christlich-)theologisches Erbe mit sich führen – geschweige denn, dass aus der theologischen Gegenwartsreflexion substantielle Beiträge zum Verständnis von „Bildung“ zu erwarten sind. Diese Konstellation ist gleichzeitig Ausdruck von Erfolg und Misserfolg einer Bildungstheorie christlicher Provenienz.

Bildungsimpulse christlicher Provenienz im gegenwärtigen Bildungsdiskurs

Es ist Ausdruck ihres Erfolges, denn christlich-theologische Bildungsreflexion ist – seit Erfindung des Begriffs „Bildung“ in der deutschen Mystik – über Jahrhunderte immer wieder in den Diskurs eingeflossen, in dem Bildungsverständnisse in deutscher Sprache entwickelt wurden: Evangelischerseits reicht der Bogen der Vordenker von Philipp Melanchthon über Jan Amos Comenius, Friedrich Schleiermacher, Johann Gottfried Herder u.v.a.m. bis hin zu Karl Ernst Nipkow. Was sie aus ihrer evangelischen Perspektive zur Bildung zu sagen hatten, ist vielfach Gemeingut geworden, z.T. auch modifiziert oder gegen den Strich gebürstet worden. Somit haben theologische Bildungsimpulse de facto großen Einfluss genommen – auch wenn man die Bildungsverständnisse eines Wilhelm von Humboldt, eines Wolfgang Klafki, eines Jürgen Baumert deshalb nicht als „christlich“ reklamieren kann.

Es ist zugleich Ausdruck ihres Misserfolges, denn Bildungsreflexionen evangelischer Provenienz tun sich gegenwärtig schwer Gehör zu finden – insbesondere dann, wenn sie beispielsweise zur Geltung zu bringen versuchen,

  • dass religiöse Bildung Teil von Allgemeinbildung sein sollte;
  • dass ein rein funktionales oder ökonomistisches Bildungsverständnis unangemessen ist (und der Rekurs auf Religion, namentlich christliche Religion widerständig gegenüber einem solchen verkürzten Bildungsverständnis sein kann);
  • dass Bildung nicht im Aufbau von Kompetenzen aufgeht, sondern der Entfaltung der Persönlichkeit und dem Aufbau von Ligaturen („Bindungen“) dient.

Gleichwohl kann man sagen: Das christlich-theologische Erbe hat sich im Bildungsdiskurs vergleichsweise stark Geltung zu verschaffen gewusst, weil das Christentum eben über Jahrhunderte die prägende unter den Religionen in Deutschland war. Bildungsreflexionen jüdischer Provenienz fanden demgegenüber nur punktuell Beachtung – man denke an Moses Mendelssohn, Martin Buber oder Theodor W. Adorno –; die reiche Tradition islamischer Erziehungsreflexion, die allerdings auch nicht in deutscher Sprache artikuliert worden ist, hat gar keine Spuren hinterlassen.

Christliche Religion – eine Bildungsreligion

Die christliche Religion lässt sich mit einigem Recht als „Bildungsreligion“ bezeichnen. Zwar gibt es Konfessionen, in denen „Bildung“ keinen hohen Stellenwert genießt und infolgedessen auch keine umfängliche Reflexion aktiviert hat, die Orthodoxie etwa oder das Freikirchentum; zwar ist Bildung – geschichtlich gesehen – nicht durchweg als wichtig erachtet worden, sei es, dass Lernen und Erziehen in den Hintergrund traten gegenüber anderen Praxisformen – im Mittelalter etwa – sei es, dass sie selten ein prominentes Thema in den traditionellen Schlüsseldisziplinen der Theologie, Exegese und Systematische Theologie, wurden.

Gleichwohl lässt sich die christliche Religion aus verschiedenen historischen wie sachlichen Gründen „Bildungsreligion“ nennen: Sie ist auf dem Boden des antiken frühen Judentums entstanden und hat über ihren ersten und bedeutendsten „Lehrer“, Jesus von Nazareth, den Juden (vgl. Joh 1,38 und 20,16), dessen Ethos des Lehrens und Lernens gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen: Dazu gehört, dass die Aufnahme in diese Religionsgemeinschaft durch initiierendes Lernen begleitet wird (jüdisches Lernen; Katechumenat; vgl. etwa Mt 28 und Apg 8); dass jeder Gottesdienst nicht nur erbaulich, sondern – durch das Verlesen der Schriften, durch das Memorieren von Gebeten und Bekenntnissen, durch die Reflexion auf die je eigene Beziehung zu Gott – auch bildsam ist (vgl. Apg 2); dass sich die Ecclesía wie das jüdische Volk als Weg- und Lerngemeinschaft (miteinander wie mit Gott) versteht (vgl. etwa das Matthäus-Evangelium).

Das junge Christentum hat sehr früh und dauerhaft Lehren und Lernen institutionalisiert: „Lehrer“ gehören zu den ersten Funktions- bzw. Berufsgruppen; der Katechumenat ist bereits im 2. Jahrhundert als mehrere Jahre dauerndes Institut greifbar; in der Entstehung von „Theologie“ spiegelt sich ein hoher Bildungsgrad der führenden Köpfe und ein ausgeprägtes Reflexionsinteresse dieser Religion.

Schon in der Alten Kirche beginnt ein Prozess, in dem christliche Theologen sich des Umstandes bewusst werden, dass „Lehren und Lernen“ (– mit Christian Grethlein formuliert – neben „Feiern“ und „Helfen zum Leben“) eine Grundkomponente christlicher Religionspraxis ist. Folgerichtig entsteht früh ein verschriftlichtes Nachdenken über die angemessenen Ziele, Wege und Inhalte dieses Lehrens und Lernens: Augustinus und Johannes Chrysostomos sind im vierten Jahrhundert die ersten ‚großen‘ Exponenten einer solchen Katechetik.

Schließlich verhält es sich so, dass das Christentum in seinen besten Zeiten darauf insistiert hat, dass Christinnen und Christen verstehen und sich bewusst aneignen sollen, was ihnen in der Taufe und durch den Zuspruch des Evangeliums zugeeignet worden ist – und dass eben diese Aneignung zu ihrer Bildung führt, also zu ihrer bestmöglichen Entfaltung und zur ‚Einbildung‘ in Gott, zum Sichtbarwerden ihrer Gottebenbildlichkeit. Ob Augustin, Melanchthon oder Schleiermacher – sie alle haben auch darauf insistiert, dass christlicher Glaube und (weltliche) Bildung, Vernunft und Wissenschaft nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Christliche Religion ist auf Bildung ebenso angewiesen wie sie ihrerseits Bildung fördert.

Diese sachliche Einsicht ist neben den geschichtlichen Bezügen das stärkste Argument dafür zu sagen, die christliche Religion sei auf Bildung ebenso angewiesen wie sie ihrerseits Bildung fördere. Allerdings schreibt christliche Religion Bildung auch einen Richtungssinn ein: Bildung bringt nach christlicher Auffassung die dem Menschen geschenkte Herkunftsbindung an Gott zur bestmöglichen Entfaltung.

Was aus dem Bildungsdenken christlicher Provenienz gegenwärtig geltend zu machen ist

Der reiche Schatz der Bildungsreflexion christlicher Provenienz kann und soll nie ‚ganz‘ zur Geltung kommen – doch angesichts der gegenwärtigen Diskurse verdienen einzelne Schätze aufs Neue besondere Beachtung:

Bildung als Weg zur Förderung der Person

Bildung befähigt Menschen dazu, sich als Subjekte zu verstehen und zu verhalten, also als Personen, die Verantwortung übernehmen können für sich selbst und andere Menschen – Gott gegenüber. Der christliche Glaube traut solche Bildung allen Menschen zu, weil er davon ausgeht, dass alle von ihrem Schöpfer auf solche Bildung hin angelegt sind. Würde kommt im Licht christlich inspirierter Anthropologie jedermann zu, „Subjekt“ kann und muss jede und jeder erst noch werden (Peter Biehl). Bildung ist, so gesehen, nicht zuerst ein Instrument der Selektion und Allokation von Karrierechancen, sondern ein Weg zur Förderung der Person.

Bildung tendiert zu Chancengerechtigkeit

Bildung lebt vom Zutrauen zu den Lernenden; sie hat einen ermutigenden Grundzug; sie tendiert zur Chancengerechtigkeit.

Bildung drängt auf Freiheit

Bildung hält in Bewegung. Zielt Bildung auf Subjektwerdung, steht sie sowohl der Entfremdung des Menschen von sich selbst unter ökonomischem und kulturellem Druck als auch seiner Erstarrung in einem einmal erreichten Zustand entgegen: Bildung drängt auf Freiheit von unangemessenen Zwängen und schließt „das Recht ein anderer zu werden“ (Dorothee Sölle) ein. In diesem Sinne, nicht im Sinne einer nie enden sollenden Anpassung bzw. Ertüchtigung für den Arbeitsmarkt hält Bildung „lebenslang“ an.

Bildung gilt dem ganzen Menschen

Auch pädagogische Bildungstheorien haben immer wieder unterstrichen, dass Bildung dem ganzen Menschen dient, und die verschiedenen Bildungsbereiche benannt: die kognitive Aneignung sogenannter Bildungsgüter (materiale Bildung), den Erwerb handwerklicher, künstlerischer oder intellektueller Fertigkeiten (formale Bildung), die Förderung sinnlicher Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit (Ästhetik), die Verinnerlichung von Werten, Gütern oder Normen (Ethik) u.a.m. Bildungstheorien christlicher Provenienz bringen diesbezüglich zur Sprache, dass auch die verstehende Befassung mit Religion(en) ein wesentlicher materialer Bildungsbereich ist (vgl. etwa Philipp Melanchthon), und dass es darauf ankommt, im Durchgang durch die Fülle der potentiellen Bildungsbereiche und -gegenstände dem eigenen Leben eine „Gestalt“, also eine (zumindest ihm selbst) plausible und lebensförderliche Ordnung und Konsistenz, zu geben. Im Prozess der Bildung lerne ich mein Leben zu führen anstatt mich lediglich treiben zu lassen oder mein Leben zu erleiden.

Bildung vollzieht sich in Beziehungen

Bildung kommt der einzelnen Person zugute, aber sie ist kein solitärer Prozess. Bildung vollzieht sich „in Beziehung“ zu Anderen: zum Lehrer bzw. zur Lehrerin, zum Mitlernenden, zum Gegenstand des Lernens, der Interesse weckt, Anstöße gibt, ja, ‚in Bann schlägt‘. Diese Beziehungen sind unerlässlich, denn erst im Spiegel des Anderen erkennt ein Mensch sich selbst. Deshalb ist nicht nur in religiösen Lernprozessen die Person der Lehrerin, des Erziehers so wichtig; sie sind eben nicht nur Moderatoren oder Arrangeure technischer Lehr-Lern-Prozesse. Nicht zuletzt lernt man im Prozess der Bildung die Andersartigkeit des Anderen zu erkennen, zu respektieren und fruchtbar zu machen – dies ist in einer pluralen Gesellschaft von grundlegender Bedeutung, nicht zuletzt in der interreligiösen Begegnung. Bildung vermittelt „Differenzkompetenz“ (Dietrich Korsch).

Bildung enthält ein kritisches und ein hoffnungsstiftendes Moment

Bildung hält stets bewusst, dass ich selbst und die Welt um mich herum anders, genauer: besser werden kann. Insbesondere Jan Amos Comenius hat dies in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges beschrieben und vorgelebt: Bildung eignet ein kritisches und ein hoffnungsstiftendes Moment, das auf die Verbesserung der menschlichen Dinge (emendatio rerum humanarum) zielt. Mit der Utopie des himmlischen Jerusalem vor Augen erkenne ich den faktischen Mangel an verantwortlichem Denken und Handeln (in der eigenen Lebensführung, in der Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft) und die Veränderlichkeit dieses Zustandes; ich lerne aber zugleich einen spezifischen Modus des Umgangs mit Unvollkommenheit, nämlich die Toleranz den Menschen, nicht aber ihren Fehlern gegenüber („Vergebung“).

Bildung schließt Ausbildung ein

Nicht zuletzt: Bildung geht nicht im Aufbau von Kompetenzen oder Wissensbeständen auf. Gewiss – aber sie verachtet deshalb den Aufbau von Kompetenzen und Wissensbeständen oder handwerklichen Fähigkeiten nicht. Bildung schließt Ausbildung ein. Im Licht einer Bildungstheorie ist allerdings darauf zu achten, dass Ausbildung durchsichtig bleibt, Anstöße gibt für Bildung.

Bildung – ein stets neu zu erarbeitender Begriff

Man kann und sollte diese Schätze nicht als ‚Regeln‘ oder starre Prüfsteine an Bildungsdiskurse anlegen. Vielmehr gehört es gerade zum anregenden, fruchtbaren Potential von „Bildung“ hinzu, dass jede und jeder eingeladen ist, sich am Verstehen von Bildung zu beteiligen: die Quellen durchzuarbeiten, an Texten und anderen Zeugnissen von Bildungsprozessen eigene Entdeckungen zu machen, ein eigenes Leitbild von Bildung zu entwickeln.

Die Biografien von Bildungsvordenkern christlicher Provenienz, ihre Texte und die von ihnen angestoßenen Lernorte bieten dafür reiches Material. Auch die Bibel als „Buch des Lernens“ (Ingo Baldermann) ist ein anregendes Medium: Sie enthält zwar keine Bildungstheorie, doch mancherlei einschlägige Schlüsseltexte, darunter die Erzählungen, die Jesus den Lehrer betreffen.

Zum Weiterlesen

Kirchenamt der EKD (Hg.): Maße des Menschlichen, Gütersloh 2003. Karl Ernst Nipkow: Bildung als Lebensbegleitung und -erneuerung, Gütersloh 1990. Bernd Schröder: Religionspädagogik, Tübingen 2012. Ders. (Hg.): Bildung, Tübingen 2016 (in Vorbereitung)

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