Gottes »Stunde Null« Bibel und Bild zur Losung des 1. Juni 2015

Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. (Jesaja 55,7)

Die Verse aus dem Jesaja-Buch erinnern heute viele Alte an das Jahr 1945. Damals sprach man viel von der „Stunde Null“, obwohl es die vor 70 Jahren gar nicht gab. Denn wie Leim hing jedem die böse Vergangenheit an den Hacken. Was war jetzt zu tun? Nur eins: den eingeschlagenen Weg verlassen. Radikal die Richtung ändern. Sich von einem Denken befreien, das in die Katastrophe geführt hatte. Alles neu justieren. Auf den Frieden als Ernstfall. Auf die Liebe schlechthin. Auf den Christus aus Nazareth, der sie in Person war. Karl Barth mahnte 1945, kurz vor dem geplanten „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ seine deutschen Kollegen: „Bitte kein Hinweis auf Teufel und Dämonen, auf die Schuld der anderen. Nur klipp und klar die Feststellung: wir Deutschen haben uns geirrt, daher das heutige Chaos.“

Hinter der Losung steht der Zweite Jesaja, „ein Prophet von noch nie gehörter Großartigkeit und betörender Lockung“ (G.v. Rad). Das Ende des Babylonischen Exils steht unmittelbar bevor. Altes soll vergessen sein. Auch wenn die inzwischen Herangewachsenen nicht besser sind als ihre deportierten Eltern. Aber Gott will sich erbarmen. Viel mehr noch: das neue Volk soll ein „Zeichen für die Völker“ sein. Es soll die Herrlichkeit Jahwes im wahrsten Sinn des Wortes „verkörpern“. Und eben darin besteht diese Herrlichkeit: Jahwe vergibt. Nicht knauserig, sondern überschwänglich. Nur dies vorausgesetzt kann es zu einer Sinnesänderung überhaupt kommen. Andererseits: Nur wer die Richtung ändert, empfängt Vergebung. Gott entlastet von Schuld, deshalb gibt es eine Zukunft.

1945 gelang das Verlassen alter Wege nur sehr bruchstückhaft. In Stuttgart legte die Kirche nahe, im Grunde habe man doch tapfer widerstanden. Nur etwas „mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben, brennender lieben“ hätte man halt müssen. Wenigstens konnte Martin Niemöller im Bekenntnis noch den Satz unterbringen: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Und Politiker richteten bald schon wieder eine neue Front der Guten im Westen gegen die Bösen im Osten auf. Mit atomaren Waffen sollte das „christliche Abendland“ verteidigt werden.

Die Nazis hatten die Kirchen für sich gewinnen können, weil sie sich als Kämpfer gegen die gottlosen Bolschewiken aufspielten. Wenn der Prophet hier nun ausdrücklich die „Gottlosen“ zur Umkehr lockt, dann ist die Neigung wieder groß, in die Richtung von Atheisten und Kirchengegnern zu schauen. Aber das wäre fatal. Alle, die Gott ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen und genau zu wissen glauben, wer oder was er ist, die sind gemeint. Sie sind Gott los, weil ihnen nichts mehr an ihm fremd ist. Das will der Folgesatz präzisieren: „Spruch des Herrn: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege.“ Umkehr heißt: Von Gott mehr und anderes erwarten, als von sich selbst.

In einer nach 70 Jahren sehr veränderten Welt bleibt der Lockruf des Propheten aktuell und dringlich. Falsche Wege verlassen. Altes Denken verabschieden. Neue Anfänge suchen, weil Gott vergibt. Gottes Erbarmen erbitten für unseren schuldhaften Irrglauben, wir müssten Europa wie eine Festung gegen die Flüchtenden aus Afrika verteidigen. Stattdessen einen umfassenden „Marshallplan der Hoffnung“ für die Armutsländer auflegen. Konfessionelles Besitzstandsdenken in Dogmen und Bekenntnissen der Vergebung anheimstellen. Nur von der Liebe des Nazareners sich treiben lassen zu dem, was Menschen hilft, zu leben. Wir sind auf sein Verzeihen angewiesen, dass wir so klein und nicht selten kleinkariert von Gott denken.

Das gilt vor allem für das Verhältnis der Christen zu den Juden. Nirgendwo sonst ist eine Kehrtwende um 180 Grad so nötig, aber auch mit so vielen Widerständen verbunden: Christlichen Überlegenheitsdünkel ablegen und ihn unter das Kyrie eleison stellen. Von Paulus endlich lernen, dass Israels Nein zum Messias Jesus eben nicht seine Verwerfung bedeutet. Vielmehr am Ende seine Errettung erwarten und sich durch Israels Nein zum Nazarener die Sehnsucht bestärken lassen nach einer endgültig friedvollen und gerechten Welt.

Wer alte Wege verlässt und neue sucht, sollte Gott viel zutrauen. Am Schluss seiner Rede bekräftigt es der Prophet: „Nicht ohne Erfolg kehrt mein Wort zu mir zurück. Es vollbringt, was mir gefällt.“

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