Der Mond bleibt Bibel und Bild

Jesus Christus ist derselbe – gestern und heute und für immer. (Hebr 13,8)

Obwohl ich jedes Mal scheitere, knipse ich immer ein Bild, wenn mich der Mond besonders beeindruckt. In dieser Juni-Nacht um 22:52 Uhr lief es wie schon so viele Male: Ich erinnere mich an das intensive Tintenblau des Himmels, den Kontrast der Wolken, die vom am Mond abprallenden Licht konturiert wurden, und an diesen klaren Himmelskörper, auf dem sich selbst die Krater abzeichneten. Auf meiner Fotografie ist nichts davon gelandet. Weder die beeindruckenden Farben noch die starken Kontraste. Wenn ich das Bild ansehe, dann frage ich mich heute, ob ich da Mond oder Sonne fotografiert habe. Das Naturschauspiel, das sich mir geboten hat, konnte ich nicht verewigen. Ich konnte es nicht einfangen für einen unbestimmten Moment in der Zukunft, in dem ich mich wieder so ergriffen fühlen möchte.

Eine Moment-Aufnahme muss eben im Moment passieren, ein Moment kann nicht konserviert werden für später. Und doch versuche ich immer wieder, solche Mond-Momente festzuhalten. Ertappt denke ich beim Scheitern an die Anekdote von einem Mönch, dem es gelingt, immer im Moment zu leben. Wenn er isst, isst er. Wenn er geht, geht er. Wenn er sitzt, sitzt er. Nichts anderes. Mit Blick auf seine ständig beschäftigten Zeitgenossen soll er gesagt haben: „Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen; wenn ihr sitzt, dann strebt ihr schon weiter; wenn ihr schlaft, dann seid ihr schon beim Erwachen; wenn ihr esst, dann seid ihr schon fertig; wenn ihr trinkt, dann kostet ihr nicht genug; wenn ihr sprecht, dann antwortet ihr schon auf Einwände; wenn ihr schweigt, dann seid ihr nicht gesammelt genug.“ Nie im Moment selbst sein und immer auf den nächsten Moment fokussiert. Darin sah der Mönch eine Gefahr: Wer sich nicht auf das Jetzt konzentriert, der ist nicht achtsam. Der erfasst weder, was seine Umwelt braucht, noch was er selbst braucht. Der kriegt nichts mit, der lebt nicht. Der empfängt nicht. Der erlebt nicht. Der speichert nur ab für später.

Dabei ist das gerade beim Mond besonders unnötig. Es gab ihn schon lange, bevor ein Mensch ihn bestaunen konnte, es wird ihn auch noch geben, wenn wir von der Erdoberfläche einmal verschwinden. Dieser Mond wird mir noch viele zauberhafte Sommernächte bescheren. Darauf vertrauen, den Moment genießen – das ist die Devise des Augenblicks, anstatt am Handy zu sein, zu zoomen und Kameraeinstellungen auszuprobieren.

Etwas ähnliches sagt der Hebräerbrief über Christus: „Jesus Christus ist derselbe – gestern und heute und für immer.“ (Hebr 13,8) Darauf vertrauen und auf dieser Basis leben, das gelingt mir auch nicht immer. Ich mache mir Sorgen, verfolge Pläne, lege Sicherheitsnetze an, und verpasse dadurch, mich von dem Leben, das gerade stattfindet, berühren zu lassen.

Aber seitdem mir diese Parallele zwischen Mond und Jesus aufgefallen ist, erinnert mich auch immer mal wieder der Nachthimmel daran: Er ist derselbe, gestern und heute und für immer. Mond wie Jesus. Darauf kann ich vertrauen.

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