Feindbilder durch Begegnung überwinden Internationale Friedensarbeit in Zeiten des Krieges

Der Krieg in der Ukraine hat auch die Friedens- und Begegnungsarbeit mit ukrainischen und russischen Gruppen zum Erliegen gebracht. Dennoch versuchen Organisationen und kirchliche Werke Kontakte aufrechtzuerhalten und rufen weiterhin zu Frieden, Versöhnung und Begegnung auf.

Vor gut einem Jahr gab es noch eine regelrechte Aufbruchsstimmung trotz der schrecklichen Erinnerungen. Anfang 2021 gedachte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 80 Jahre zuvor im Jahr 1941. Ein ganzes Heft der Mitgliederzeitschrift widmete die Organisation dem jahrelangen Leid, das darauf folgte. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass nur wenige Monate später, Russland mit einem brutalen Überfall auf die Ukraine einen Krieg in Europa anzetteln würde und dass damit ein wichtiger Teil der Versöhnungsarbeit des Volksbunds zu Ende wäre.

„Impfkampagne“ gegen Nationalismus und Rassismus

Anfang 2021 verabschiedete sich die damalige Generalsekretärin Daniela Schily mit einem persönlichen Bekenntnis nach sechsjähriger Tätigkeit vom Volksbund: „Es hat mich berührt, wie tief Kriege und Gewalterfahrung uns Menschen auch nach Jahrzehnten noch verletzen“, schrieb sie. „Und es hat mich motiviert, dass wir im Verein Impulse setzen können, die aus der schmerzlichen Erfahrung zur Mahnung, Bildung und Gestaltung einer freien und friedlichen Zukunft beitragen“, fügte sie hinzu. Und sie erläuterte, dass durch die Ausgestaltung der Kriegsgräberstätten zu Lernorten, durch die Aufarbeitung von Kriegsbiographien und durch weitere Projekte der Begegnung und Bildung der Volksbund nachfolgenden Generationen vermittelt, welche Auswirkungen Kriege und Gewalt haben. In Schulen, Jugendbegegnungsstätten, bei Workcamps und weiteren Formaten ermögliche der Volksbund jungen Menschen aus vielen Ländern, gemeinsam die Geschichte unseres Kontinents buchstäblich zu „erfahren“. Dies ist für Schily die „Impfkampagne“ des Volksbunds, um Menschen gegen Nationalismus und Rassismus zu immunisieren.

Internationale Friedens- und Jugendarbeit

Für den Sommer 2022 hatte der Volksbund auch Begegnungen für junge Menschen in Kiew und St. Petersburg im Programm. Es sind so genannte binationale Projekte. Erstmals kommt zum Beispiel im geschichtsträchtigen Monte Cassino in Italien eine Gruppe aus Deutschland und Polen zusammen. Eine weitere Premiere im Programm ist das deutsch-griechische Camp in Nafplio, wo Jugendliche diskutieren, wie sich die Europäische Union für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzt. Sicher wird es dabei auch um den Krieg in der Ukraine gehen. Abgesagt werden musste nicht nur die deutsch-ukrainische Jugendbegegnung in Kiew, sondern auch die Erkundung von historischen Spuren im russischen St. Petersburg, dem „Venedig des Nordens“. Der Volksbund bedauert, dass die Friedens- und Jugendarbeit unter den aktuellen Bedingungen weder in der Ukraine noch in Russland und Belarus möglich ist.

Der direkte Austausch verbindet über Gräben und Gräber hinweg

Den direkten Austausch fanden die Beteiligten entscheidend. Niklas Schmid zum Beispiel, der die deutsch-russische Jugendbegegnung Hamburg-St. Petersburg seit längerem betreut hat, weist darauf hin, dass es „schon lange politische Spannungen zwischen Deutschland und Russland“ gegeben hat. „Das macht den Austausch umso wichtiger, denn ein Land ist mehr als seine Regierung“, betont er. Niklas und seine Kollegin Manon haben die Erfahrung gemacht, dass sich Feindbilder durch Begegnung überwinden lassen. Die Begegnungen von jungen Menschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg auch Franzosen und Deutsche einander näher gebracht, was die Politiker in den Grenzregionen, wie in Baden-Württemberg oder dem Saarland, immer wieder betonen. Die traditionelle Feindschaft zwischen den beiden Völkern gehört für die junge Generation der Vergangenheit an.

Zivilgesellschaftliche Organisationen auch im Krieg stärken

Der Büroleiter des Volksbunds in Moskau, der langjährige ARD-Korrespondent Hermann Krause, zeigt sich dennoch enttäuscht. Er konstatiert für die Versöhnungsarbeit des Volksbunds aber auch für sein persönliches Engagement „eine niederschmetternde Entwicklung“. Der Volksbund, der seit 30 Jahren in der Ukraine und der Russischen Föderation tätig ist, hat sich dennoch auf die Fahnen geschrieben, den Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Organisationen in den Ländern zu verstärken und zu suchen, auch zu solchen, die im Exil sind.

Das ist ganz im Sinne von Andreas Zumach. Der Journalist und Publizist, der viele Jahre Korrespondent am Sitz der Vereinten Nationen in Genf war, hält es für fatal, dass im Zuge der Sanktionen auch die Kooperationen mit Russland im Bereich von Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf Eis gelegt werden. Der Russlandexperte spricht sich für eine Beibehaltung von Beziehungen unterhalb der politischen Ebene aus. Denn seiner Ansicht nach ist eine Friedensordnung in Europa ohne Russland nicht möglich. Auch für den Kampf gegen den Klimawandel hält er Russlands Beteiligung für elementar. Denn wenn die Permafrostböden in Sibirien auftauen, sind die Pariser Klimaziele nach Ansicht Zumachs Makulatur.

Sobald der Krieg beendet ist, will der Volksbund zur Versöhnung und Vermittlung beitragen. Präsident Wolfgang Schneiderhahn hielt „einen solchen Rückfall in die überwunden geglaubten Zeiten des Krieges, in die dunkelsten Jahre des vergangenen Jahrhunderts für ausgeschlossen“. Trotzdem will er an der Mahnung zum Frieden festhalten.

Kontakt zu evangelischen Gemeinden in der Ukraine

Auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) hat regelmäßig Gruppen- und Begegnungsreisen in die Ukraine organisiert, um mit Mitgliedern von evangelischen Diasporagemeinden zusammenzukommen. Auch wenn die direkten Treffen seit Kriegsausbruch nicht mehr möglich sind, hält das GAW den engen Kontakt aufrecht. Es gibt die Berichte von Alexander Gross weiter. Der Pfarrer der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) in Odessa berichtet, dass die russischen Truppen eine Spur der Verwüstung hinterlassen, „überall ähnlich wie in Butscha“.

Als Beispiel nennt Gross die Filialgemeinde Adrijiwka bei Kiew. „Die russischen Soldaten haben bei ihrem Abzug nicht nur unser dortiges Heim für ehemalige Obdachlose, sondern auch die meisten anderen Häuser im Dorf zerstört und zahlreiche Menschen erschossen. Eine Frau wurde in den Trümmern des Heimes tot gefunden, alle anderen Bewohner konnten gerettet und nach Iwano-Frankiwsk gebracht werden. Wir trauern um unsere Schwester, die wir verloren haben.“ In Deutschland unterstützt das GAW Geflüchtete aus der Ukraine. In den Kirchengemeinden ist die Hilfsbereitschaft groß.

Infos unter www.gustav-adolf-werk.de und www.volksbund.de

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