Ingrid Strobl: Vermessene Zeit Der Wecker, der Knast und ich

Edition Nautilus 2020, 192 S., 18,00 EUR

Das neuste Buch von Ingrid Strobl ist der Versuch, sich selbst zu erkennen, ihren ehemaligen Unterstützer*innen die Wahrheit über einen Wecker einzugestehen und den Leser*innen den verschlossenen Kosmos Knast transparent zu machen, in dem die Zeit eine „vermessene“, weil bis in die persönlichsten Verrichtungen hinein von den Taktvorgaben anderer bestimmte ist. Wo, möchte man alttestamentarisch sarkastisch sagen, „alles seine Zeit hat“, von der Erlaubnis, ein Fenster für frische Luft zu öffnen bis zur Körperdusche zusammen mit und unter der strengen Aufsicht anderer. Aber ihre Absicht ist nicht die späte Abrechnung mit der „Klassenjustiz“ einer vermeintlich „postfaschistischen Bundesrepublik“ der 1980er Jahre, in der sie, ganz zu Unrecht linksradikalen Terrors und enger Verbindung zur RAF verdächtigt, von 1987 bis 1990 in U-Haft war.

30 Jahre danach schrieb sie u.a. eine höchst sensible, mitfühlende Annäherung an die Menschen wie sie sind, mit ihren Stärken, Merkwürdigkeiten und Schwächen. Z.B. an mitgefangene Frauen, eine Mörderin, die ihren gewalttätigen und ihre Tochter missbrauchenden Ehemann erstach; an Frauenjunkies und Prostituierte, die im Gefängnis eine kurzfristige Befreiung aus ihrer Sucht und der sklavischen Abhängigkeit von ihren Zuhältern erlebten. Strobl, Feministin und Journalistin (taz, Emma), die gegen Verhältnisse anschrieb, in denen es möglich ist, dass sich Männer Frauen aus dem Katalog in armen Ländern bestellten oder im Billigflug mit „Bumsbombern“ als Sextouristen nach Thailand flogen, erkannte fast demütig, dass engagiertes Eintreten für die Menschenwürde von Frauen diese nicht selbst automatisch dazu bringt, ihre Fesseln abzuwerfen. Zu tief sitzt der Invasor in der Seele. Sie sei als „Möchtegern-Revolutionärin“ in den Knast hinein- und als „verhinderte Streetworkerin“ herausgegangen. Strobl wurde 1990 wegen Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag der Revolutionären Zellen zu drei Jahren Haft verurteilt, die sie nahezu schon abgesessen hatte. Sie hatte den Wecker gekauft, der als Zeitzünder bei einem Anschlag auf ein Lufthansa-Gebäude in Köln verwendet wurde. Das Eingeständnis, dass sie wusste, wozu der Wecker gedacht war, macht sie erst in ihrem Buch.

Strobl schrieb im Knast über „Frauen im Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“. Deren Zeugnis habe sie gelehrt, dass man selbst unter keinen Umständen unmenschlich handeln dürfe und die Verpflichtung zur Wahrheit im Sinne einer besseren Moral unaufgebbar sei.

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