Mut zum Generalismus Kolumne

Es entspricht der Logik wachsender Organisationen, dass sie sich immer weiter ausdifferenzieren. Lange hat daher in vielen Bereichen von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche das Paradigma der Spezialisierung und Professionalisierung vorgeherrscht. Immer neue Ministerien, Abteilungen und Aufgabenbereiche wurden gebildet. Diese Herangehensweise hatte ihre Berechtigung und zweifellos auch ihre Vorteile, sie hat aus meiner Sicht aber aus mehreren Gründen an Plausibilität verloren. In Zukunft wird stattdessen ein kompetenter Generalismus gefragt sein.

Angesichts des demographischen Wandels, der zunehmenden Verrentung der zahlenmäßig starken Babyboomer-Generation, der eine deutlich kleinere Zahl an jungen (Fach-)Arbeitskräften nachfolgen wird, ist das Paradigma der ständigen Ausdifferenzierung und Spezialisierung schon allein aufgrund des ausbleibenden personellen „Wachstums“ fraglich geworden. Die seit mittlerweile mehreren Jahren stagnierende Wirtschaft in Deutschland und die entsprechend hohen Personalkürzungen tun ihr Übriges. Auch die notwendige Entbürokratisierung wird etwa in den Verwaltungen dazu führen, dass Menschen wieder für mehr Aufgabenbereiche zuständig sein werden.

Deutlich machen sich die „Grenzen des Wachstums“ auch im Staatshaushalt bemerkbar: Steuergelder sind eine endliche Ressource. Die Strategie, klaffende Haushaltslöcher durch immer weitere Steuern und Schulden (bzw. „Sondervermögen“) zu stopfen, wird man nicht ewig fortsetzen können. Man wird um einschneidende Kürzungen auch im Personalbereich nicht herumkommen. Dass mit dem Antritt jeder Regierung der Beamtenapparat in den Ministerien und der Stab der Mitarbeitenden in den Abgeordnetenbüros ausgeweitet wird, ist angesichts der notwendigen Einsparungen nicht mehr zeitgemäß.

In den Kirchen hat man noch bis weit in die 1990er- und 2000er-Jahre am Paradigma der Spezialisierung festgehalten und fortwährend neue Sonderstellen geschaffen – obwohl schon damals der massive Rückgang an Mitgliedern (und Finanzen) durch den demographischen Wandel und die hohen Austrittszahlen absehbar waren. In Zeiten sprudelnder Finanzen ist es schön und vielleicht sogar sinnvoll, sich speziellen Aufgaben durch eine eigene Stelle widmen zu können – doch diese Zeiten sind vorbei. Im Unterschied zum Staat kann die Kirche keine Schulden machen, um ein eigentlich schon nicht mehr finanzierbares System am Laufen zu halten, weshalb sie etwas früher als der Staat gezwungen ist, diese Stellen wieder abzubauen und Aufgabenbereiche wieder zusammenzulegen.

Der Prozess der „Exnovation“, der Schrumpfung und Zusammenlegung wird dazu führen, dass Menschen unterschiedlichster Professionen für mehr statt für weniger Aufgaben verantwortlich sein werden. Andernfalls werden wir gerade in der Fläche einen Einbruch in der Versorgung erleben. Das gilt für die Kirchengemeinden vor Ort ebenso wie für die Krankenhäuser und Hausarztpraxen auf dem Land. Sie dürfen nicht weiterhin die Verliererinnen im Spiel um knapper werdende finanzielle und personelle Ressourcen sein. Freilich steht der zunehmend notwendig werdende Generalismus in einer gewissen Diskrepanz dazu, dass über die letzten Jahrzehnte die Anforderungen an die Arbeit in vielen Bereichen gestiegen sind, weil wir in einer komplexer werdenden Welt leben. Die Abkehr von der stetigen Spezialisierung erfordert also keineswegs weniger Kompetenz, sondern eher mehr. Und es braucht dringend einen anderen, gnädigeren Umgang damit, dass Menschen Fehler machen.

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