Über die Zuversicht Zeit, Tod und Ewigkeit

Das Erleben von Zeit ist davon abhängig, wessen man sich „versieht“. Zeit und Zuversicht gehören eng zusammen.

„Alles hat seine Zeit?“ – Wenn man das möchte, kann man sich von einem Kundigen des Alten Orients erklären lassen, dass eine Bestimmung von „Zeit“ dort gar nicht ganz einfach ist. Zeit, dieses merkwürdige Etwas, das morgens schon da ist, und abends immer noch. Am Eufrat wurde es zyklisch, wiederkehrend gedacht. Am Jordan finden sich auch lineare, voranschreitende Elemente. Und wollte man selbst einmal sagen, was Zeit ist, etwa mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft, man wüsste wohl gar nicht, wo anfangen.

Zeit

Zeit hat viele Facetten. Es gibt vollendete Zeit und es gibt eröffnete Zeit. Es gibt gefährdete Zeit und Zeiten des Aufbruchs. Zeit, die vertan wurde, und Zeit, die bleibt. Im Althebräischen werden wir schon bei der Konstruktion der einfachsten Verben gelehrt, kontinuierlich ein solches „Aspekt Sehen“ der Zeit einzuüben. Denn dort gibt es einmal den Aspekt des Abgeschlossenen, Resultativen. Das Fertige gibt hier den Ton. Oder den Aspekt des Unabgeschlossenen, Imperfektiven. Bei jeder Zeiterfahrung geht es darum, worauf der Blick sich richtet, wessen er sich „versieht“.

Zeit ist unser ständiger Begleiter. Denn irgendeine Zeit ist ja eigentlich immer. In der Alten Physik des 18. Jahrhunderts war man sogar der Auffassung, dass sich Zeit genau berechnen lässt. Kennt man in einem System zu einem bestimmten Zeitpunkt die exakte „Lage“, so der Gedanke, dann lässt sich aufgrund der Kausalgesetze in der Vergangenheit und in der Zukunft jeder beliebige Zeitpunkt simulieren und berechnen. Zukunft gilt so als berechenbar. Wüsste man bei der Ziehung der Glückszahlen nur, wo und wie am Anfang die Kugeln in der Maschine liegen, es ließe sich mit genug Rechenkapazität stets voraussagen, welche Zahl herauskommt. – Lassen wir das auf sich beruhen…

„Lehre uns unsere Tage zählen, damit wir Weisheit gewinnen.“ Menschliche Zeiterfahrung ist geprägt durch den Wechsel von Nacht und Tag, von Abend und Morgen; dann von der Woche (die in ihrer Siebenzahl unabhängig von Mondlauf oder Sonne zuerst in Israel entstand) und der Abfolge der Jahreszeiten. Den Ablauf der Stunden kann man sicher erwarten, weil er mit großer Regelmäßigkeit geschieht. Auf das Werden des Morgens kann man sicher wetten, weil er sich in einiger Routine ziemlich pünktlich einstellt! Und es kommt gewiss nicht von ungefähr, dass dem Orientalen wie dem Heutigen beim Nach-denken der Zeit, in deren Einschränkungen besonders, Gott, der Ewige, auftaucht.

Alle Grenzen meiner Tage
biege, Gott, in Deinen Kreis

(Jochen Klepper, Ziel der Zeit)

Indem der Dichter im 20. Jahrhundert, angeleitet von hebräischer Sprach- und Denkweise, die Grenzen seiner Tage sub specie aeterni, in deren Unendlichkeit bedenkt, wird das Begrenzte, Abgeschlossene und das, weil begrenzte, Unabgeschlossene, in Gottes ewigen Kreis gestellt. Der Kreis steht immer auch für das Vollkommene. Gewinn der Übung ist freilich nicht etwa Verlust von Zeit. Sondern deren Gewinn in neuer Qualität. Denn gerade dadurch soll das Reden auskunftsfähig werden, für das, was von der Ewigkeit her gilt! Der eigentliche Hauptmodus der Rede („Logos“) ist daher auch nicht etwa Erinnerung an Voriges (Vergangenheit) oder Ausschau auf noch Kommendes (Zukünftigkeit). Sondern das klare Präsenz. Althebräisches Denken trifft sich hier ganz und gar mit heutigem Zeitgeist – hat ihn daraufhin wohl auch in 1700 Jahren mitgeformt – und betont: „Lebe jetzt!“

Denn auch tausend Jahre sind im Angesicht der Ewigkeit wie ein „Tag, der gestern vergangen ist“. Zeiten „veralten“ wie Gewänder, werden „verwandelt“ wie das Kleid der Natur im Lauf der Jahreszeiten. Doch woran man sich auch erinnert oder was künftig erwartet, „erlebt“ wird es stets in der Jetzt-Zeit, in der Gegenwart:

Alles hat seine Zeit. Alles hat seine Stunde. Schweigen hat seine Zeit. Reden hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit, Ernten hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit, Weinen hat seine Zeit. Zunähen hat seine Zeit, Zerreißen hat seine Zeit. Verlieren hat seine Zeit, Suchen hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit.

Tod

In Kulturen, die Tod und Sterben eher verdrängen, kann es markante Folgen haben, wenn die Angst vor der Vergänglichkeit wieder ins Gesichtsfeld tritt. Der Tod als der große Infragesteller ist nicht gern gesehen. Anders im Barock des 17. Jahrhunderts. Vanitas-Bilder mit der ablaufenden Sanduhr werden mit Bedacht an die Wand gehängt. Oder oft noch drastischer: Gemälde mit einem Totenschädel. Im Wandsbeker Boten im 18. Jahrhundert setzt dessen Redaktor Matthias Claudius dem Gevatter Tod, „Freund Hain“ oder „Bruder Hein“ gleich eine feierliche Widmung. „Ihm dedizier ich mein Buch…“, Freund Hein soll schon „vorn an der Haustüre“ stehen.

In der Figur von Bruder Hein, die auch sonst bei Claudius begegnet, hat der Tod so sogar etwas Positives. Dahinter muss sich gar nicht nur ein schlichtes „Lob der Endlichkeit“ verstecken, das man vielleicht auch selbst aus seinem Alltag kennt. Hin ist hin, oder lakonisch gewendet Don’t cry over spilt milk – „Über vergossene Milch jammern, macht keinen Sinn.“

Lebe jetzt!

Das eine gibt das andere, dachte man schon in der Schule von Milet und leitete davon wissenschaftliche Grundsätze ab. Der Tod als ständiger Begleiter hat die Wirkung und Funktion, das richtige Maß und die passende Relation in all den Zeitläuften zu finden. Wie im Bild der Dancing Skeletons, s.u., hat der Umgang mit dem Tod so beinahe etwas Makaber-Humoreskes (Danse macabre), das gerade dadurch auf den Ernst („des Lebens“) und auf den eigentlich schon mitgesetzten Sinn im Leben weist. Der Tod des Ich begrenzt auch dessen Selbstsucht und setzt den Blick für den Nebenmenschen frei!

Hier kann als ein dritter Dichter Andreas Gryphius zitiert werden. Er reimt in seinen Vanitasgedichten:

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/
[…]
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren.

(„Abend“, 1650)

Und an anderer Stelle:

Was dieser heute baut/ reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn/ wird eine Wiesen seyn/
[…]
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein/
Nichts ist/ das ewig sey/ kein Ertz/ kein Marmorstein.

Inmitten des Bauens und Einreißens, Flanierens und Stolzierens („Was itzt so pocht vnd trotzt“) erkennt er eine glatte Rennbahn („Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn“), auf der man allzu schnell am Wesentlichen vorbeirauscht.

Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten/
Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum/ die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!

Im Gang des Kirchenjahres hat die Thematik der Endlichkeitsbetrachtung ihren festen Platz im Ewigkeitssonntag, an dem man traditionellerweise in vielen Gemeinden an die im Jahreslauf Verstorbenen denkt.

Rechtfertigung der Zeit

„Gott hat die Zeit erschaffen, von Eile hat er nichts gesagt.“ Geduldig schreitet Jahr um Jahr dahin, und nichts kann das aufhalten. Auch der Mensch selbst soll nicht ein Leben führen wie die Eintagsfliege! Er soll auch etwas auf sich halten! Er ist ja eigentlich „auf Dauer“ gestellt. Auch an künftige Generationen soll er denken, nicht alles selbst verbrauchen. Sinnlos wäre ein Leben, das nur sich selbst gegolten hätte, das falschen Zielen hinterherjagt.

Es sei umsonst, dass ihr extra frühe aufsteht – der Tag stellt sich von selber ein – oder abends lange sitzet – denn Nacht wird es doch; ob etwas dauerhaft Bestand hat, habt nicht ihr in der Hand, sondern liegt am Lauf der Zeiten und dem, der sie in Händen hält, so sang man schon am königlichen Hof im alten Israel. Gott als Meister der Zeit, der die Zeiten wenden kann – und wendet –, der die Tage umblättert, wie Seiten eines Journals oder eines gelehrten Kompendiums, ist in dieser Sicht derjenige, der zur Mitternacht wie am Mittag in großer Verlässlichkeit „vorhanden“ ist. Und selber dafür sorgt, dass die Zeit ihr Ziel erreicht. Wer darauf achtet, statt auf sich selbst, bei dem kann sich Zuversicht einstellen.

Gott ist schon da – ein Tag sagt’s dem andern –, doch wer könnt’ es hören? „Noch wil was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!“ Hat man das Bleibende, Ewige nicht im Sinn, wächst die Gefahr, dass Unsinn sich einstellt, dass das A-logische, Un-logische Oberhand gewinnt, und das Ich die Übersicht verliert. Demgegenüber ist eine Kurzdefinition von Zuversicht (man kann auch sagen „Glauben“): Gottes Logos im Herzen haben.

Die ironische Brechung des heldenhaften Egos ist nicht erst ein Clou der Moderne oder Postmoderne, sondern findet sich bereits im frühen Israel. Es sind ja oft keine Heldengeschichten, die uns da erzählt werden. Sara lachte, als sie von Isaak hörte. Das erwählte Erstvolk wird auf dem Weg durch die Wüste so sehr zum murrenden Volk, dass man heute ganze Lexikonartikel nur über dieses „Murren“ lesen kann. Und trotzdem wird das nicht getilgt, sondern bewusst weitertradiert! Das kann uns etwas sagen. Der feinsinnige rabbinisch-jüdische Humor mit seinem Hang zur Transzendenz ist weltbekannt. Humor hat, wer um seine Endlichkeit weiß, aber trotzdem nicht aufgegeben hat. Der sich eine Selbstrelativierung leisten kann.

Nicht kokettieren mit dem Zweifel.

Ist es gemein, dass es die Zeit gibt? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, denn die Zeit kann ja ein großer Feind werden. Es gibt Zeit, die sich „hinzieht wie ein Kaugummi“. Doch am intensivsten zum Thema wird die Zeit ja oft – das hat sie mit anderem gemeinsam – wenn man sie fast nicht mehr hat, wenn sie gefährdet ist und abläuft, wenn sie einem zwischen den Fingern zerrinnt. Verlorene Zeit ist bitter. Der Tod, der große Infragesteller, sät auch die Sorge, ob nicht alles vergeblich sei (vgl. „Über den Zweifel“, evangelische aspekte 3/2020).

In der Ballade von Lewis Caroll Hunting of the Snark (19. Jahrhundert) macht sich eine illustre Gesellschaft mit Gabeln, Hoffnung und auch einer Eisenbahnaktie daran, den geheimnisvollen Snark zu jagen. Zur Gesellschaft gehören ein Bäcker, ein Metzger, ein Anwalt und einige mehr. Auch ein Biber ist mit von der Partie. Das kann nicht gut gehn, denkt man sich gleich, aber tatsächlich ist der Expedition in gewisser Weise ein Erfolg beschieden. Denn der Bäcker findet den Snark, löst sich dabei aber in Luft auf, weil es ein Boojum war. („For the Snark was a Boojum, you see!“)

Ewigkeit

So sehr es Zeiten des Infragestellens geben mag: es gibt auch falsches Kokettieren mit dem Zweifel. Der Mensch ist der große Zauderer, aber eigentlich ist ihm die Ewigkeit ans Herz gelegt. Indem er sich des Ewigen versieht, kann er zuversichtlich leben. Und das soll ihm auch bleiben!

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