Dem Volk aufs Maul schauen Was macht eine gute Bibelübersetzung aus?

Kommt es beim Übersetzen auf buchstabengetreue oder auf eine sinngemäße Übertragung an? Am besten ist das eine wie das andere berücksichtigt und auch Form und Zweck der Übersetzung sind im Auge behalten.

Ob ein Text Wort für Wort übersetzt werden soll und kann, ist keine leichte Frage. Niemand kommt um diese Frage herum bei der Übertragung eines Ausgangstextes in eine Zielsprache. Was eigentlich sachgemäß ist: was einem Text wirklich entspricht, ist jeweils erst zu klären.

Geht es um einen geschäftlichen Vertrag, dürften die meisten auf einer wörtlichen Übersetzung bestehen. Schließlich will man genau wissen, was da vereinbart ist. Holpert es dann im Satzbau an manchen Stellen, wird das in Kauf genommen. Anders bei einem literarischen Werk, gar einem Gedicht. Denn zu gerne würde der Rezipient dem Text in der ursprünglichen Wirkung auch in der neuen Zielsprache nachspüren!

Interlinear-Übersetzungen

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“: Am Beispiel von Psalm 31 lässt sich eine Wort-für-Wort-Übersetzung gut nachvollziehen. Für das Alte wie das Neue Testament gibt es Interlinear-Übersetzungen, bei denen unter jedem Wort der Ursprache ein deutsches Äquivalent verzeichnet ist. Bei Psalm 31,9b liest sich das so:

 רַגְלָֽי׃  בַמֶּרְחָ֣ב הֶֽעֱמַ֖דְתָּ
meine Füße in weiten Raum du hast gesetzt

Aus der Wortfolge הֶֽעֱמַ֖דְתָּ בַמֶּרְחָ֣ב רַגְלָֽי (lies den hebräischen Text von rechts nach links) ergibt sich somit: „Du hast gesetzt in weiten Raum meine Füße.“

Das kann man im Deutschen verstehen – und hat vor Augen, in welcher Reihenfolge, vielleicht auch welcher Gewichtung, im Hebräischen die Worte aufeinander folgen. Dennoch kehren die meisten Übersetzer die Abfolge um, weil es dem üblichen Satzbau besser entspricht. Du „stelltest meine Füße ins Weite“ übersetzen Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Verdeutschung.

Bibelübersetzung als Kulturtransfer

Anpassungen der Verständlichkeit wegen sind also gang und gäbe. In heutigen Übersetzungen wenden sich die neutestamentlichen Briefschreiber häufig an „Schwestern und Brüder“. Dem Sinn nach seien schon damals je alle mitgemeint, lautet die nachvollziehbare Begründung. Im griechischen Urtext steht freilich nur ein einziges Wort: adelphoi. Schon am winzigen Detail der Anrede tut sich so das ganze Spannungsfeld zwischen einer wörtlichen und einer freien, sinngemäßen Übertragung auf.

Fürs Deutsche gibt es auffällig viele Bibelübersetzungen, beinahe wie Sand am Meer. Die Gründe dafür lassen sich raten. Dass früh eine hochstehende Übersetzungskultur und -praxis etabliert wurde, dürfte eine Rolle spielen. Die Bibelgesellschaften, von denen es ebenfalls einige gibt, können hier mit Pfunden wuchern – was sie auch reichlich tun.

In etlichen Sprachen hat die Übersetzung „der Schrift“ die Sprachentwicklung epochal geprägt, wie etwa im Slowenischen. Eine Bibel(erst)übersetzung fügt jeder Sprache fast immer etwas Neues hinzu, was diese zuvor so noch nicht hatte. Besonders deutlich wird das, wenn in das selten gesprochene Idiom einer Pazifikinsel die Geschichte von umherziehenden Wüsten-Nomaden zu übersetzen ist. Worte und Begriffe werden dann ganz neu erschaffen. Der vielschichtige altgriechische und althebräische Background, die Sprachstrukturen, Denkungsart, Vorstellungswelten, werden, so oder so, mit übertragen. Immer auch ein Kulturtransfer!

Deutsche Bibelübersetzungen

Im deutschen Sprachraum stehen mehrere solide Bibelübersetzungen bereit wie die Einheitsübersetzung oder die Zürcher Bibel. Besonders der Wörtlichkeit verpflichtet ist die Elberfelder Bibel. Sie versucht dem Urtext möglichst nahe zu bleiben bis in die Satzstellung hinein. Wer auch ohne Griechisch- oder Hebräisch-Kenntnisse der Fassung im Urtext folgen will, wird hier fündig. Es sei denn er oder sie greift gleich zu einer Interlinear-Übersetzung, von Rita Maria Steurer etwa (Altes Testament, 5 Bde.) oder von Ernst Dietzfelbinger (Neues Testament). Ein flüssiges Lesen geht damit nicht, aber es ist gut zu sehen, wie der Ausgangstext zunächst in seiner ursprünglichen Form dasteht.

Mit der Gute Nachricht Bibel, die 2018 ihr 50-jähriges Jubiläum feierte, kommt stärker das Anliegen von Verständlichkeit, leichter Lesbarkeit und sinngemäßer Übertragung für heutige Leser in den Blick. Sie ist eine interkonfessionelle ökumenische Übersetzung. Psalm 31,9b lautet dann so: Du hast „mir Raum zum Leben geschafft.“

Durch das Ersetzen von „meine Füße“ durch „Leben“ soll der Sinn verdeutlicht werden. So ein Ersetzen ist eine bestimmte Interpretation, die oft unstrittig ist, in manchen Fällen aber auch wie eine allzu große Sinnverschiebung erscheint. In jedem Falle ist es eine Festlegung, die das Verständnis des Lesers wesentlich mitbestimmt. Das trifft es je nach Kontext mal besser, mal nicht so gut. „Übersetzen – üb’ ersetzen“ hat der Bibelexeget Jürgen Ebach einmal einen Aufsatztitel in Anlehnung an Karl Kraus genannt.

Geist oder Buchstabe?

So übersetzt die Elberfelder Bibel bei Römer 12 Vers 17: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“. Die Gute Nachricht schreibt zur selben Stelle: „Wenn euch jemand unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim.“ Da liegen also die zwei unterschiedlichen Interessen „im Streit“: Einmal die worttreue Genauigkeit und andererseits das Anliegen, den Sinn so zu vermitteln, dass er heutigen Rezipienten zugänglich wird. Gemäß dem Leitspruch: Der Geist und Sinn ist’s, der lebendig macht. Oder wie die Luther-Bibel 1912 übersetzt: „der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2. Kor 3,6).

Ein Gutteil der verschiedenen Bibelübersetzungen lässt sich mit dem Changieren zwischen den Übersetzungstypen wörtlich oder sinngemäß erklären und danach einteilen. Buber/Rosenzweig übersetzen 1929 den Beginn des 31. Psalms:

„An dir, DU, berge ich mich, in Weltzeit möge ich nimmer zuschanden werden! In deiner Wahrhaftigkeit laß mich entrinnen!
Neige dein Ohr mir zu, eilends errette mich, werde zum Trutzfelsen mir, zum Basteienhaus, mich zu befrein.
Ja, du bist mein Schroffen, meine Bastei …
“ (Ps 31,2-4)

Die beiden jüdischen Gelehrten und Meister des Hebräischen sind ganz an der Ausgangssprache orientiert und versuchen, den „eigentlichen Wendungen“ der Vorlage „seis nachbildend, seis andeutend, zu folgen.“ Ob die Übertragung mehr der Begrifflichkeit des Hebräischen oder der Sprachlogik im Deutschen zuneigen soll, entscheiden sie für das Erstere. Dadurch wird beim Psalm auch im Deutschen sofort deutlich, dass es sich um eine Form von Poesie handelt. Doch auch 1929 musste mancher vielleicht schon ein Wörterbuch hervorholen, um nachzuschlagen, was ein Schroffen ist.

Manche Psalmen-Übertragung lässt im Deutschen erkennen, dass es sich ursprünglich um Poesie handelt, es bleibt aber offen, ob es Poesie auch im Deutschen ist. Im Trost- und Klage-Psalm 31 gibt die Elberfelder Bibel Vers 13 so wieder: „Meiner ist im Herzen vergessen wie eines Gestorbenen; ich bin geworden wie ein zertrümmertes Gefäß.“ Gute Nachricht: „wie weggeworfenes, zerbrochenes Geschirr“, Buber/Rosenzweig: „wie ein verlornes Gerät bin ich worden“, Lutherbibel 1545/1984/2017: „wie ein zerbrochenes Gefäß“.

Was eine gute Übersetzung ist

Neben Verständlichkeit (Sinn) und Wörtlichkeit (Buchstabengenauigkeit) gibt es noch weitere Kriterien für eine gute Bibelübersetzung: die Form und den Zweck. Auch hierin gilt, dass „die Sprache der Übersetzung ihren Gehalt wie ein Königsmantel in weiten Falten“ umgibt, wie Walter Benjamin formulierte. In seinem manchmal auch missverstandenen Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers (1923) betont er die Bedeutung der Form. „Übersetzung ist eine Form.“ Und die Aufgabe des Übersetzers „besteht darin, diejenige Intention auf die Sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird.“ Eine gute Übersetzung bildet demgemäß dann einen gehobenen, poetischen Text auch in der Zielsprache in gehobener Weise ab. Da nach Benjamin jede Sprache ihre eigene „Art des Meinens“ hat, muss die Übersetzung das jeweils „Gemeinte“ dann auch in und für die „Art des Meinens“ in der jeweiligen Zielsprache nachbilden.

Übersetzung ist eine Form

Einer der Gründe für die epochale Bedeutung der Lutherübersetzung dürfte hier zu suchen sein. Die Lutherbibel „aus einem Gusse“ von Goethe in höchsten Tönen gelobt, war selbst noch einem Atheisten wie Nietzsche „das beste deutsche Buch“. Für Friedrich Schorlemmer gibt es „wahrlich keine Übersetzung, die an seine Sprachleistung heranreicht.“ Warum? Weil Wortinhalt und Wortgestalt darin übereinstimmen.

In seinem berühmten „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) sowie in den „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“ (1533) hat Luther Rechenschaft von seinen Grundsätzen der Übersetzertätigkeit gegeben. Klassische Formulierungen, die hier nicht unzitiert bleiben können. So hält er einerseits fest, dass er im Zweifel „habe eher wollen der deutschen Sprache Abbruch tun, denn von dem Wort weichen“, wo einem Wort in der Ausgangssprache ein Eigengewicht zukommt, also „nicht allzu frei die Buchstaben lassen fahren“ und „wo etwa an einem Ort gelegen ist, hab ich’s nach den Buchstaben behalten und bin nicht so frei davon abgewichen“. Andererseits lag ihm an Verständlichkeit und Sinngemäßheit im Deutschen, am Nachvollzug der Art des Meinens gerade für seine Zeitgenossen: „denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, […] sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Luther hat mit seinen Mitarbeitern damit nicht nur eine Bibel für Jahrhunderte geschaffen, sondern eine Übersetzungstheorie geliefert, die bis heute in den Translationswissenschaften entsprechende Beachtung findet. Viele Übersetzer sind ihm bis heute gefolgt.

Welches ist die richtige Bibelübersetzung?

Die Lutherbibel ist kraftvoll wie die Urtexte, philologisch nah an der Ausgangssprache, und sie entspricht auch in der Form den Ausgangstexten, was man nicht von jeder Übertragung sagen kann. Man wird zum Beispiel nicht behaupten können, dass die Elberfelder oder auch die Gute Nachricht Bibel den literarischen Rang der (griechischen) Evangelien im Deutschen erreichen oder angemessen nachahmen. Die Lutherbibel ist memorierbar. Sie ist prägnant („Schwerter zu Pflugscharen“). Durch ihre gehobene Sprache, die dennoch verständlich ist, eignet sie sich als Lesung im feierlichen Gottesdienst. (Man merkt den Unterschied, wenn eine Lesung etwa aus der Einheitsübersetzung zitiert, die zwar korrekt ist, sich aber eher einer nüchternen, leicht wissenschaftlichen Sprache bedient.) Sie bewahrt darin auch, dass ihr Inhalt für viele nicht nur Schrift, sondern Heilige Schrift, mithin ein sakrales Gut darstellt. (In der ostkirchlichen Liturgie wird das Evangeliar beim „Kleinen Einzug“ feierlich vorneweg getragen.)

Somit rückt vollends ein weiteres Kriterium für Bibelübertragungen in den Blick: Der Zweck und der Gebrauch der Übersetzung. Während im Gottesdienst vermutlich selten aus einer Interlinear-Übersetzung vorgetragen wird, hat dieser Typus wie gesehen dennoch seine gute Berechtigung. Welches die „richtige“ Bibelübersetzung ist, kommt deshalb immer auch auf die konkrete Verwendungsabsicht an. Als Kinderbibel ist etwa die Verdeutschung von Buber/Rosenzweig nicht in jeder Altersstufe zu empfehlen. Für einen Sprachliebhaber allemal. Die zahlreichen modernen Übersetzungsversuche sind nicht zuletzt als Heranführung für Einsteiger in die eigene Bibellektüre eine Möglichkeit. Als Verständnishilfe immer sinnvoll ist es, mehrere Übersetzungen heranzuziehen. So ist es spannend, zu vergleichen wie Joh 1,1 „Im Anfang war das Wort…“ die Gute Nachricht Bibel, die Menge-Bibel oder die Zürcher Bibel wiedergibt. Noch ein wichtiges Argument für den hohen Stellenwert der Lutherbibel kommt an dieser Stelle gleichwohl zum Vorschein: Bei so viel verschiedenen Übersetzungsvarianten braucht – und gibt es Gott sei Dank – einen verbindenden gemeinsamen Bibeltext, der von Nord nach Süd, von West nach Ost vereint.

Zum Weiterlesen

Auf den Seiten der Deutschen Bibelgesellschaft www.die-bibel.de können online zehn verschiedenen Bibelübersetzungen verglichen werden. Auf den umfangreichen frei zugänglichen Unterseiten finden sich zudem die hebräischen und griechischen Urtexte: www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/ueber-die-online-bibeln/. 

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