Wie können Christen andere Religionen anerkennen? Plädoyer für eine Theologie Interreligiöser Beziehungen

„Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“ lautet der Titel einer Arbeitshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), die im letzten Jahr ein breites Echo hervorgerufen hat. Henning Wrogemann sieht darin das christliche Zeugnis in unvertretbarer Weise den Bemühungen um einen Dialog geopfert.

In der Arbeitshilfe heißt es an einer Stelle pointiert: „Auch dem christlichen Glauben widersprechende Glaubensvorstellungen stehen unter der Gnade Gottes in seiner Geschichte des Heilsweges mit seiner Schöpfung. Ob und wie genau sich dies in unterschiedlichen Religionen realisiert, wie genau der eine Gott hinter den verschiedenen Geltungsansprüchen steht, das gehört zu Gottes Verborgenheit und ist uns nicht zugänglich.“ (Weggemeinschaft…, S. 12. Abrufbar unter http://www.ekir.de/www/service/weggemeinschaft-zeugnis-19148.php)

Es überrascht, solche Aussagen in der Arbeitshilfe einer christlichen Kirche zu lesen, die ansonsten für sich in Anspruch nimmt, sich an den Bekenntnisschriften (etwa der Augsburgischen Konfession oder dem Heidelberger Katechismus) zu orientieren und ihre Pfarrer/innen darauf ordiniert. Wenn „dem christlichen Glauben widersprechende Glaubensvorstellungen“ unter der „Gnade Gottes“ stehen, dann eben auch die der koranischen Botschaft. Dort aber wird bekanntlich nicht nur die Heilsmittlerschaft Jesu Christi bestritten, sondern auch seine Gottessohnschaft, seine Kreuzigung und vieles mehr. Interessanterweise kommen diese Themen auch in der Arbeitshilfe nicht vor. Das Wort Sünde findet sich an keiner Stelle, auch nicht Worte wie Stellvertretung, Inkarnation, Mittlerschaft oder Rechtfertigung (lediglich als mögliches Diskussionsthema). Der mögliche Einwand, dass solche Themen in anderen Texten der EKiR behandelt wurden, verfängt nicht, da sie für die Themen Mission und Dialog unabdingbar sind.

Religionspluralismus gegen christlichen Exklusivitätsanspruch

Damit verrät die Arbeitshilfe einen religionstheologischen Duktus, den man getrost als religionspluralistisch bezeichnen kann. Denn wenn diese zentralen theologischen Themen für die Begründung von Dialog und Mission keine Rolle spielen, dann werden sie offensichtlich als nachrangig erachtet. Und wenn das Dialogische dadurch begründet wird, dass man alle Religionen in gleichen Abstand zu Gottes Offenbarungs- und Erlösungshandeln bringt, indem man behauptet, es gehöre zu Gottes Verborgenheit, darüber keine letztgültigen Aussagen machen zu können, so verlässt diese Sicht schlicht den Boden der christlichen Lehre. Nach der christlichen Lehrtradition gilt als letztgültige Glaubensgewissheit, dass der dreieinige Gott sich im Leben, Sterben und der Auferweckung Jesu Christi von den Toten offenbart hat. Die Lehre von der Verborgenheit Gottes bezieht sich daher primär auf das Handeln Gottes in der Welt, nicht jedoch auf sein Offenbarungshandeln als solches. Wäre es anders, bräuchte es eine christliche Kirche meines Erachtens nicht zu geben.

Denkschemata der Religionstheologie

Worum es mir hier geht, ist nicht eine Kritik an der Arbeitshilfe an sich. Vielmehr möchte ich auf die Sackgassen der Religionstheologie hinweisen, die in der Argumentation der Arbeitshilfe erkennbar werden. Als typische Denkschemata greife ich einige wenige Punkte heraus:

  • Das Problem des Verhältnisses von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit mit ihren jeweiligen Letztgültigkeits-Ansprüchen (Jesus Christus, der Koran, der Achtfache buddhistische Pfad usw.) wird ein für alle Mal zu lösen versucht.
  • Dies geschieht durch einen theologisch-relativierenden Grundgedanken. Die These lautet dann, dass, wer diesen Grundgedanken akzeptiere, dadurch dialogfähiger werde.
  • Menschen handeln, so wird weiter unterstellt, nach rationalen Erwägungen aufgrund eines rationalen Gedankens. Gedanke bedeutet Handlung, so die simple Denkungsart.
  • Weiterhin wird unterstellt, dass solche Vorgänge in einem quasi luftleeren Raum stattfinden, gewissermaßen unter Laborbedingungen. Bemerkungen zu den Kontexten und Medien, in denen sich Beziehungen ereignen, finden sich in solchen Religionstheologien kaum.

Natürlich gibt es eine große Bandbreite religionstheologischer Ansätze, indes finden sich diese Schemata sehr häufig. Mir erscheinen Religionstheologien dieser Art wenig hilfreich, wenn es um die realen Beziehungen und um das gelebte Leben geht. Deshalb plädiere ich entschieden für eine Theorie und eine Theologie Interreligiöser Beziehungen.

Die Alternative: Eine Theologie Interreligiöser Beziehungen

Grundsätzlich geht es darum, dass die Vielfalt neutestamentlicher Begründungsmuster ein breiteres Repertoire an Deutungen und Handlungen ermöglicht, als religionstheologische Abstraktionen. Um diese Schätze zu heben, sind Erkenntnisse der Kulturwissenschaft eine große Hilfe. Um mit letzteren zu beginnen: Eine kulturwissenschaftliche orientierte Theorie Interreligiöser Beziehungen macht darauf aufmerksam, dass

(1) Beziehungen niemals nur einlinig sind, schon gar nicht kognitiv, sondern dass jede Beziehung und Interaktion gleichzeitig auf mehreren Ebenen stattfindet. Religionstheologische Ansätze zielen meist auf eine generelle „Anerkennung“ der religiös Anderen (Muslime, Buddhisten, Agnostiker oder andere). Dagegen kann man aus Kulturwissenschaft und -philosophie lernen, dass es immer zugleich mehrere Anerkennungsverhältnisse gibt, und nicht nur eines.

(2) Interreligiöse Beziehungen finden auch nicht im luftleeren Raum statt, sondern sie ereignen sich in Medien, in Räumen, die eine eigene Sprache sprechen, in Symboliken (etwa Grußgesten usw.), in rituellen Vollzügen, in verbaler und nonverbaler Art, nach Bedeutungen besonderer Zeiten und vieles mehr.

(3) Beziehungen beeinflussen menschliche Identitäten. Festzuhalten ist, dass Identität kulturwissenschaftlich längst nicht mehr als das Mit-Sich-Selbst-Identisch-Sein aufgefasst wird, sondern – flexibler – als Kohärenz. Menschen bilden in unterschiedlichen Zusammenhängen graduell verschiedene Selbstverortungen (manchmal Mehrfachverortungen) aus, sie sind Teil von vielfältigen Netzwerken und Raum- und Zeitkonstellationen, in denen auch der Faktor der Macht eine erhebliche Rolle spielt.

Gerade theologische Letztbegründungen sind die Basis eines respektvollen und wertschätzenden interreligiösen Miteinanders.

In sich pluralisierenden Gesellschaft braucht es also eine realistischere Wahrnehmung interreligiöser Beziehungen. Neben einer Theorie Interreligiöser Beziehungen ist jedoch auch eine Theologie Interreligiöser Beziehungen notwendig, um die konstruktiven Potentiale der christlichen Botschaft zu entdecken. Meine These lautet, dass es gerade theologische Letztbegründungen sind, die die Basis eines respektvollen und wertschätzenden interreligiösen Miteinanders darstellen können. Es geht also – ganz im Gegensatz zu etlichen religionstheologischen Ansätzen – nicht um die Relativierung der christlichen Letztbegründungsmuster, sondern gerade umgekehrt um deren reflektierte Inanspruchnahme.

Das Beispiel Trinitätslehre

Nehmen wir als Beispiele die Trinitätslehre: Sie kann als Versuch verstanden werden, „die Geschichtlichkeit und Lebendigkeit von Gottes Liebe nachzubuchstabieren“ (Meyer-Blanck). Es ist das Geschehen der Sendung des Sohnes Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes, seiner Hingabe am Kreuz und der Auferweckung Jesu Christi durch den Vater, welches Gottes Offenbarung ausmacht. Gott wird als der in seiner Liebe suchende, leidende, versöhnende und erneuernde Gott bezeugt, der die Menschen in einer durch Sünde gezeichneten Welt aufsucht. Wie aber verhält sich die Liebe Gottes zu negativen Anfechtungen in Erfahrungen von Leid, Krankheit und Tod, Schicksalsschlägen oder Kriegen sowie positiven Anfechtungen, etwa durch die Schönheit anderer kultureller oder religiöser Traditionen, deren Weisheiten und Gaben?

Als antwortendes Handeln ist die Verherrlichung Gottes in Lob, Dank, Klage und Fürbitte eine grundlegende Dimension christlichen Lebens, darüber hinaus aber auch das Zeugnis für, den Dienst an und die Sendung in die Welt. Gott zu verherrlichen bedeutet dabei auch, sich von sich selbst zu distanzieren, sowohl gegenüber der eigenen Selbstüberschätzung als auch gegenüber der Resignation. Gott zu verherrlichen bedeutet im Blick auf die Welt und damit auch im Blick am Menschen anderer Religion oder Weltanschauung, das Nicht-Wissen im Blick auf deren Beziehung zu Gott auszuhalten.

Der christliche Glaube hat nicht auf alles eine Antwort, weil er sich an den dreieinigen Gott hält, dem allein die Ehre gegeben wird. Dieses – Gott verherrlichende – Selbst-Enthoben-Sein hat eine entlastende und befreiende Funktion. Es geht dann nicht um eine intellektuell-theologische Relativierung des Eigenen, sondern es geht um das Sich-anheim-Geben an den Gott, der Liebe ist. Eben dieses Bekenntnis kann dann aber nicht preisgegeben werden. Und genau deshalb ist es nicht möglich, eben solche Aussagen in anderen Weltanschauungen und Religionen als durch Gott selbst bedingt zu verstehen, die diesem trinitarischen Gottesbild geradewegs widersprechen.

Anerkennung nur um den Preis der Selbstrelativierung?

Auch für andere wichtige Themen wie die Kreuzestheologie, die Rechtfertigungslehre oder die Lehre vom Heiligen Geist sowie von der Kirche sind solche Letztbegründungen für ein konstruktives Miteinander theologisch zu bedenken. Nehmen wir den Begriff der Anerkennung: Herkömmliche Religionstheologien erläutern meist nicht, was sie unter der Anerkennung verstehen, die meist durch ein erhebliches Maß an Relativierung christlicher Lehre erzielt wird. Die Logik scheint diese:

  1. Im interreligiösen Dialog muss man sich näherkommen;
  2. das Näher-Kommen bedeutet, eine möglichst konsensorientierte Sicht auf verschiedene Lehren zu entwickeln;
  3. die lehrhafte Nähe wird damit als Erweis des Erfolgs einer Dialogbemühung gesehen;
  4. diese Nähe wird oft durch eine Relativierung der christlichen Lehre hergestellt (wenn man etwa das Thema Gnade von dem stellvertretenden Handeln Jesu Christi loslöst; wenn man meint, Inkarnationen habe es auch in anderen Gestalten der Menschheitsgeschichte gegeben usw.);
  5. dialogisch ist also, so das Fazit dieser Sicht, wer dieser Relativierung zustimmt.

Meines Erachtens handelt es sich bei einer solchen Dialogik nur allzu oft um einen christlichen Monolog, da mir Selbstrelativierungen dieser Art etwa aus muslimischen oder buddhistischen Kontexten nicht bekannt sind. Führen derartige religionstheologische Ansätze nicht in eine Sackgasse?

Anerkennung geht auch anders

Meines Erachtens muss der Begriff der Anerkennung im Anschluss an Axel Honneth und Thomas Bedorf differenziert werden: Eine Theologie Interreligiöser Beziehungen geht davon aus, dass die Anerkennung auf einer Ebene zugleich die Zurückweisung auf einer anderen Ebene bedeuten kann. Für christlich-muslimische Beziehungen etwa kann im Rahmen eines Rechtsstaates Anerkennung als Recht gegenüber anderen Menschen geübt werden, gleichzeitig können diejenigen Geltungsansprüche (etwa von Islamisten) bestritten werden, die eben diese Rechtsgleichheit mit religiösen Gründen ablehnen. Für Anerkennung als Liebe mögen christliche Letztbegründungsmuster (etwa: Jemanden anderen „mit den Augen Jesu“ anzusehen) Motivation und Kraft geben. Anerkennung von Leistung mag im Wettstreit um das Gute stattfinden. Doch auch hier werden Deutungen des guten Lebens mitunter auch zu Zurückweisungen führen.

Haben also christliche Kirchen Muslimen etwas zu sagen? Ich meine: Ja, und zwar nicht trotz, sondern aufgrund christlicher Letztbegründungsmuster. Die Koordinaten neutestamentlicher Botschaft und christlicher Traditionen sind indes weder verhandelbar noch einfach revidierbar, vielmehr ergeben sich neue Handlungsmuster aus der immer wieder neuen Aneignung derselben.

Zum Weiterlesen

Henning Wrogemann: Theologie Interreligiöser Beziehungen. Religionstheologische Denkwege, kulturwissenschaftliche Anfragen und methodischer Neuansatz, Gütersloh 2015.

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