Die Amazoniensynode Lektürebericht in ökumenischer Perspektive   

Vom 6. bis 27. Oktober 2019 tagte in Rom die Bischofssynode zur Zukunft Amazoniens. Rund 280 Teilnehmer berieten Fragen der Ökologie und der pastoralen Situation. Liest man die Synodentexte, liest man zugleich ein wenig in den Zeichen der Zeit, die die Weltkirche derzeit beschäftigen.

In Deutschland haben sich besonders die beiden großen katholischen Hilfswerke MISEREOR und Adveniat der Amazoniensynode angenommen. Von ihnen stammt die deutsche Übersetzung der spanischen Vorbereitungstexte (Konsultationsdokument 2018, Vorbereitungsdokument 2019) sowie des offiziellen Schlussdokuments. Die beiden Hauptgeschäftsführer Michael Heinz, Adveniat, und Pirmin Spiegel, MISEREOR, ließen es sich nicht nehmen, jeweils programmatische Geleitworte zu verfassen. So führen sie im Vorwort zum Schlussdokument wohlwollend Stimmen an, die beteuern: Der hier angestoßene Prozess wird kaum umkehrbar sein. Und zum zuvor der Synode vorgelegten Arbeitsdokument und -instrument (lateinisch: Instrumentum Laboris, IL) betonen sie: Was hier diskutiert wird, hat Bedeutung für Amazonien – und weltweit.

Schöpfung und Kultur

Dass allen voran karitative Einrichtungen die Synode begleiten, macht Sinn. Schaut man auf die Hauptthemen Ökologie und Kultur des Territoriums, leuchtet ein, warum zuallererst die Hilfs- und Entwicklungsorganisationen ihre Stimme einbringen, die mit der Erfahrung vor Ort und dem praxisgesättigten Blick entsprechende Kompetenz besitzen. Adveniat ist das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika und die Karibik.

Breiten Raum nehmen umweltethische Aspekte ein, was in kirchlichen Medien vielfach rezipiert wurde (und darum an dieser Stelle nicht weiter vertieft zu werden braucht). Dass Amazonien als Lunge des Planeten bezeichnet worden ist – vergleiche schon das Vorwort zum Konsultationsdokument vom Juni 2018 – verdeutlicht, mit welchem universalen Impetus die Verhandlungen zur Synode initiiert wurden. Daran hat sich bis hin zum Schlussdokument kaum etwas geändert. Inklusive der Sorge, es könne unterwegs die Luft (oder doch etwa die „Puste“) ausgehen, was aber bis jetzt nicht geschehen ist.

Nicht immer in der Berichterstattung beachtet wurde, dass über ökologische Fragen hinaus die Synode einen kulturellen, sozio-ökonomischen, auch kommunikationsethischen sowie nicht zuletzt spirituellen und im guten Sinne pastoralen Ansatz verfolgt. Die Amazoniensynode wollte bewusst ganzheitlich sein. „Alles hängt mit allem zusammen“. Auch wenn ganzheitlich für manchen leicht wie ein abgedroschenes Wort klingen könnte, und der Zusammenhang von allem mit allem auch als wohlfeiler Allgemeinplatz durchginge, zeigt sich in der Durchführung, dass alles andere als Banalitäten dabei verhandelt werden.

Nur drei Beispiele. Im Bereich der Bildung will die Synode die Einrichtung und Pflege öffentlicher, mehrsprachiger Schulsysteme fördern (Schlussdokument, Nr. 59). In der Gesundheitsvorsorge sieht sich die Kirche dazu angehalten, „gesundheitliche Dienstleistungen dort anzubieten, wo die staatliche Gesundheitsversorgung nicht greift“ (Nr. 58). Und im Bereich der Kommunikation gelte es die vorhandenen Kommunikationsräume gezielt weiterzuentwickeln (Nr. 60), Ausbildung und Weiterbildung indigener Partner zu ermöglichen, auch unter Beteiligung des neugegründeten kirchlichen Netzwerks Red Eclesial PanAmazónica (REPAM).

Im Text werden spezifische kulturelle Werte Amazoniens selbst hervorgehoben, wie etwa der „traditionelle Umgang mit der Natur“ der von der Art ist, „die wir heute als nachhaltiges Verfahren bezeichnen“ (Nr. 44). Als weitere Werte der Region gelten Gegenseitigkeit, Solidarität, Gemeinschaftssinn, Gleichheit, Familie, soziale Organisation, Dienstbereitschaft. Der Schutz der Natur wird verbunden mit der „Gerechtigkeit für die Ärmsten und Benachteiligten der Erde, die ja in der Geschichte der Offenbarung die Privilegierten Gottes sind“ (Nr. 66).

Grundgesetz und Unabhängigkeitserklärung

So haben schließlich auch Anklänge, Sätze und Formulierungen des deutschen Grundgesetzes und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Eingang in den Synodentext gefunden, wenn es in Absatz 70 heißt: „Der Mensch ist nach dem Ebenbild des Schöpfergottes geschaffen und seine Würde ist unantastbar.“ In der englischen Übersetzung lautet der Satz: „Human beings are created in the image and likeness of God the Creator, and their dignity is inviolable.“ (Vgl. dazu Artikel 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sowie „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights…“, Präambel der Declaration of Independence).

Insgesamt begibt sich damit die Synode auf den vom Papst aufgezeigten Pfad an die Ränder, der in den letzten Jahren für etliches Ansehen und auch Respekt gegenüber dem in mancher Hinsicht ja auch durchgeschüttelten „Schifflein Petri“ sorgte. Medial haben indes vor allem die Überlegungen zur vereinzelten Einführung verheirateter Priester (viri probati, Nr. 111) sowie zur Ämterübertragung an Frauen (Nr. 103) Wellen geschlagen.

Auf dem Pfad an die Ränder

Man kann eine Synode lesen, wie man ein Buch liest, von den ersten Seiten bis zum Schlusskapitel. Man kann daher aber auch ein wenig vor oder zurück blättern, manches zweimal lesen und erfasst so die Kernanliegen leichter – ein Text weiß ja stets mehr als sein(e) Verfasser…

Als eine Zusammenfassung und Leitlinie der Amazoniensynode kann jedenfalls die Zielformulierung aufgenommen werden, „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische Kirche“ zu sein (Nr. 104, vgl. Nr. 22).

Gewiss gibt es im weiten Erdenrund zahlreiche kirchliche Werke, kirchliche Organisationen und kirchliche Gemeinschaften, die den beschriebenen Grundsätzen uneingeschränkt zustimmen. Insofern ist der Amazoniensynode, soviel lässt sich wohl auch aus einer „fernen“ europäischen Perspektive sagen, ein Beitrag geglückt, der – so oder so – weit über den Tag hinausreicht.

Eine „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische Kirche sein“.

Alles Gesagte gilt unabhängig davon, was das ausstehende päpstliche nachsynodale Schreiben aus den Schlussdokumenten übernimmt. Beim Übergang vom Instrumentum Laboris zum Schlussdokument zeigt sich manche signifikante Verschiebung, oft durchaus zum Besseren. Was den evangelischen Leser zu dem, wenn auch zähneknirschenden Eingeständnis bringen kann, dass ggf. auch in Rom theologische Kompetenz vorhanden sein muss oder ist.

Ökumenische Herausforderungen

Die Amazoniensynode in ökumenischer Perspektive zu lesen, fällt nicht schwer. Denn die Texte bringen schon von sich aus viel davon mit. Schon weit am Beginn in Kapitel 2 wird ausdrücklich der ökumenische Dialog angesprochen (Nr. 23). Man mag sich dabei vor Augen führen, dass neben der Ökologie und den inneren Notlagen Amazoniens den Anlass für die sehr breit aufgestellten Anstrengungen wohl vor allem ein „evangelisches“ Problem darstellt: Das rasante Wachstum spirituell-charismatischer Gruppen und Gemeinschaften. „Die Tatsache, dass nicht wenige katholische Gläubige von diesen Gemeinschaften angezogen werden“ (Nr. 24), ist eine Entwicklung, die schon über längere Zeit anhält. Bereits Amtsvorgänger vor dem amtierenden Papst haben sich in dieser Frage durchaus ehrlich Vermittlung suchend an evangelische Kirchen etwa in Europa gewandt. Doch Spannungen halten an. Die Situation ist „nicht immer einfach“. Umso bemerkenswerter der freundliche Ton in der Einladung zum Dialog, den die Synode vorträgt.

Als verbindende Aktionen werden konkrete Vorschläge unterbreitet und können „viele gemeinsame Dinge geschehen: Übersetzungen der Bibel in die lokalen Sprachen, gemeinsame Bibelausgaben, Verbreitung und Verteilung der Bibel sowie Treffen von katholischen Theologinnen und Theologen mit jenen verschiedener anderer Konfessionen“ (ebd.).

Noch weit grundsätzlicher präsentiert sich allerdings die ökumenische Herausforderung, die durch den sehr weit gefassten Begriff des „Volkes Gottes“ im Synodendokument entsteht. Dabei überrascht zunächst nicht, dass mit den Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils das Priestertum der Laien, „die Berufung und Sendung der Laien“ (Nr. 93) herausgestellt wird, die aufgrund der Taufe die Identität eines jeden Christen definiert. Auch nicht, dass die bekannte Rede vom sensus fidei, dem „Glaubenssinn des gesamten Volkes Gottes“ (Nr. 88, Nr. 94) aufgegriffen wird. Fragen entstehen jedoch, wenn teilweise in der Schwebe bleibt, woran sich dieser Glaubenssinn im Einzelnen orientiert. Gibt es dafür ein Kriterium?

In 120 Abstimmungen wurden alle Absätze des Schlussdokuments separat und einzeln abgestimmt.

Textimmanent wird man vielleicht an einen (wie immer gearteten) Zusammenklang der drei Bestimmungen denken dürfen zwischen der dort bezeichneten Wertschätzung und Liebe Gottes, „die unserem Leben einen neuen Horizont schenkt“ und die „sich im ganzen Universum verteilt“ (Nr. 21), sowie der Bestimmung der Kirche als eine „barmherzige, samaritanische, solidarische und diakonische“ (s.o.) oder auch der wohlverstandenen Mahlfeier (Nr. 109). Doch bleibt hier Raum für vielfältige Interpretationen, so dass auf dem weiteren Weg noch Weiteres zu besprechen bleibt. Die Synode war ja auch nicht als eine Endstation gedacht. Aus dem Erfahrungsschatz der weltweiten Ökumene gibt es das eine oder andere Dokument, das dazu weiterführende Gesichtspunkte in die Überlegungen und Debatten einspeisen kann, so dass auch in dieser Frage gewiss keine dauerhafte „Tristesse“ oder gar „Kopfhängerei“ entstehen muss.

Verbindende Aktionen

Das Schlussdokument zur Amazoniensynode ist jedenfalls in seiner in sich ausgewogenen Art ein gutes Beispiel dafür, dass christliche Existenz immer beides aufweisen wird, die geistliche Dimension, aus der sich die Seele nährt, und die caritative Dimension tätiger Nächstenliebe. Probleme entstehen insbesondere dann, wenn eines von beiden verabsolutiert (also in unguter Manier abgelöst, losgelöst) wird. Beides aber ist notwendig.

Liest man daraufhin die Synodentexte, liest man zugleich ein wenig die kirchlichen Zeichen der Zeit, die doch darauf hindeuten, dass im Amazonasgebiet auf längere Sicht eine gesunde Balance gefunden werden kann zwischen beiden Dimensionen. Hier ist viel Wegweisendes gesagt. Mit der Amazoniensynode hat die katholische Kirche der Region, ihren Chancen wie ihren spezifischen Problemen, eine neue erhöhte Aufmerksamkeit verschafft. Schon darin hat sie einen bleibenden Eigenwert.

Volkssprachliche Liturgien

Eine dritte ökumenische Perspektive ergibt sich durch die erfreuliche Entscheidung der Synode, volkssprachliche Liturgien in Amazonien zuzulassen bzw. zu empfehlen. Wenngleich in den vorbereitenden Beratungen nicht unumstritten, hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die indigenen Völker, die Flussbewohner, die Zugewanderten und die Einheimischen in ihren vielerlei Sprachen einen Ort benötigen, an dem die „Quellliebe bzw. Wertschätzung Gottes“ (Nr. 21) verstehbar und in der eigenen Muttersprache vernehmbar wird. Das trifft sich mit den genannten Bemühungen für Bibelübersetzungen in die jeweiligen Volkssprachen.

Das Gebiet des Amazonas erstreckt sich auf die Länder Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Guyana, Surinam und Französisch-Guyana. Mit einer Fläche von 7,8 Millionen Quadratkilometern entspricht das etwa 26 Mal der Fläche Italiens. Brasilien stellt mit rund 200 Millionen den bevölkerungsreichsten Anrainerstaat im weiteren Einzugsgebiet des Amazonas. Die Bevölkerung im Amazonasbecken selbst wird auf 33,6 Millionen geschätzt.

Mit Nennung der riesigen Fläche wird die ungeheure Herausforderung bewusst, vor die sich jede Institution und Organisation in der Amazonasregion gestellt sehen muss. Mit Nennung der Bevölkerungszahl wird andererseits die Dimension im „reinen Weltmaßstab“ ein Stück weit in Relation gesetzt. Denn angesichts einer Zugehörigkeit von ca. 2,2 Milliarden Menschen zum Gesamtgebilde „Christenheit“ bleibt der Amazonas gewiss ein großer Strom. Doch muss sich in Nordamerika, Afrika oder Eurasien auch niemand davor fürchten, durch Zu- und Einflüsse oder Entwicklungen in diesem Teil Südamerikas einfachhin „hinweggespült“ zu werden. Als wichtiger Mark- und Meilenstein bleibt das Schlussdokument, dem durchgehend eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe zugestimmt haben, allemal: Eine Bereicherung ist das nach IL Nr. 2 „neue Subjekt“ Amazonien in der Kirchengeschichte (gerade auch) durch die Ergebnisse der Amazoniensynode schon jetzt.

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