Bruno Latour, Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse Ein Memorandum

edition suhrkamp, Frankfurt 2022, 93 S., 14,00 EUR, E-Book 13,99 EUR

Wie entsteht eine „ökologische Klasse“ mit einem entsprechenden Klassenbewusstsein, das zu einem konsequenten ökologischen Einsatz motiviert? So wie einst die Arbeiterklasse sozialen und politischen Fortschritt erkämpfte, bedarf es auch einer Massenbewegung, die den Klimawandel stoppt. Im Vergleich dazu ähneln die Aktionen der „Letzten Generation“ den Regentänzen der amerikanischen Ureinwohner – ehrenwert, die rituelle Gemeinschaft stärkend, aber im Blick auf das Ziel wirkungslos.

Das destabilisierte Erd- und Klimasystem zeigt der ökologischen Klasse das Ziel ihres Kampfes an, nämlich „die Welt, von der wir leben, mit der Welt, in der wir leben“ wieder in Einklang zu bringen. Es kann also nicht länger allein um die Reproduktion der Menschenwesen gehen, sondern um die der Lebewesen – und damit um die Überwindung unseres Weltbildes: die „Natur“ als ein Außen zu sehen, das unserer Verwertung (als Ressource) obliegt; wir sind aber nicht ihre Besitzer, wir sind Natur, sie besitzt uns. In dieser Hinsicht allerdings war das Bewusstsein besagter Ureinwohner durchaus aufgeklärt und modern.

Verloren ging es, weil (der alt-)moderne Fortschrittsgedanke auf die Produktion und ein permanentes Wachstum fokussiert war. Die „ökologische Klasse“ steht vor der Erkenntnis, dass das (kapitalistische) Produktionssystem ein Zerstörungssystem ist. Während diese Ökonomie Ressourcen plündert, fordern die Autoren „eine Ökonomie, die in der Lage ist, sich zurückzuwenden in Richtung des Erhalts der Bewohnbarkeitsbedingungen der terrestrischen Welt“.

Klassenbewusstsein entsteht in der persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage, welcher Denkweise ich mich anschließe. Im Kriegszustand mit der Natur sind „wir zugleich Opfer und Komplizen“.

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