Kirche und Theologie in den Nachrichten? 3 plus 7 Fragen an Gundula Gause

Die ZDF-Journalistin Gundula Gause über Kaffeetrinken mit Caren Miosga, die Identität Europas, sowie Ausbildung und Gemeinschaftsgeist im Journalismus.

In evangelische aspekte 3/2017 schrieb Jan Hofer, der damalige Chefsprecher der ARD-Tagesschau, über Lügen im Journalismus. Doch gibt es zwei öffentlich-rechtliche Sender. Was also lag näher, schon „aus Proporzgründen“ in Mainz zu fragen, ob es nicht gut und richtig wäre, „auch einmal jemanden vom ZDF“ bei uns im Heft zu haben? Daraus ergab sich folgendes Gespräch.

1. Frau Gause, haben Sie sich schon einmal mit Claus Kleber gestritten?

Abgesehen davon, dass ich meine, dass man schon über den Begriff des Streitens streiten könnte, liegt es mir zunächst am Herzen zu betonen, dass wir grundsätzlich ein gutes Team und in den meisten Fragen auf einer Wellenlänge sind. Redaktionsarbeit bietet aber auch immer wieder Anlass zu differenzierten Betrachtungen und damit zu Meinungsverschiedenheiten. Einfaches Beispiel: die Meldung der allmonatlichen Arbeitslosenzahlen. Claus möchte den Vergleich zum Vorjahr gezogen haben, um die große Entwicklung ins Auge zu nehmen. Ich plädiere dafür, darüber hinaus die Entwicklung vom Vormonat einzubinden, weil ich meine, dass auch aktuelle Trends zum Verständnis der Zahlen beitragen. Wir „streiten“ im Kreis der Redaktion bei vielen Themen um die Sache. Diese Diskussionen führen aber immer zu einem Ergebnis, das wir alle vertreten können.

1.1. Gilt das auch hin zur heute.de-Redaktion? Von manchem Medienhaus war zu hören, dass es bei der Zusammenarbeit oder Zusammenlegung von bisheriger (z.B. Print-) Hauptredaktion und Online-Angebot auch schon mal kräftig knirschte.

Nein, bei uns im ZDF hat es, soweit ich das mitbekommen habe, tatsächlich nicht geknirscht. Wir erleben ja allesamt den umfassenden digitalen Wandel, den Medienunternehmen aus dem Kern ihrer Geschäfte quasi subkutan mitgestalten. Fernsehen ist ins Netz gewachsen, ist Basis und originärer Bestandteil unseres Online-Angebotes. Wir wissen, dass junge Leute nur noch online Fernsehinhalte konsumieren – und da wollen wir als ZDF wahrgenommen werden. Also haben wir den Wandel mit einer gewissen Selbstverständlichkeit umgesetzt, natürlich nicht ohne das eine oder andere Mal auch über Mehrarbeit oder die Bewältigung neuer digitaler Herausforderungen zu meckern. Ohne Schweiß, kein…

1.2. Als ich einmal die Verleihung eines Journalistenpreises guckte, schien mir bemerkbar, dass es nicht nur eine Art Corpsgeist unter Journalisten gibt, sondern durchaus Konkurrenz, sogar Sticheleien! Würden Sie auch einen Kaffee mit Caren Miosga trinken?

Na klar! Darüber würde mich sogar sehr freuen! Sie bringen mich richtiggehend auf eine Idee! Neben aller sportlichen Konkurrenz empfinde ich in unserer Community eher Corpsgeist als Neid und Missgunst.

2. Eine streitige Frage ist immer wieder, ob und wie kirchliche Themen in den Nachrichten angemessen vorkommen. Nach welchen Kriterien geht die Redaktion im heute-journal vor?

Grundsätzlich beachten wir die üblichen Nachrichtenkriterien der Aktualität in Beantwortung folgender Fragen: was ist wie, wo und wann geschehen, unter Beteiligung von wem? Entscheidend für die Berichterstattung ist die Relevanz des Geschehens für Individuum und Gesellschaft. Zudem gilt die alte Regel: only bad news are good news. So ist das nun einmal. Das gut gelandete Flugzeug ist ebenso wenig eine Meldung wie das segensreiche Wirken der Kirchen. Dagegen sind Flugzeugabstürze und eben das Thema „Sexualisierte Gewalt in Kirchen“ Unglücke und Missstände, über die es unsere Aufgabe ist, zu berichten. Journalismus fokussiert sich nun mal eher auf Probleme und Spektakuläres als auf eine Beschreibung des Schönen und Guten.

2.1. Es gibt ja die Beobachtung, dass viele Journalisten, wenn nicht aus einer bestimmten „Sozialisation“, so doch aus einem ähnlichen „Mentalitäts-Spektrum“ kommen – das bestimmte Sachverhalte gern ausblendet. Schaut man sich die Ausbildung für Journalisten an, fällt auf, dass es neben einer vielleicht erhöhten Allgemeinbildung und dem technisch-methodischen Handwerkszeug eigentlich wenig Verbindliches gibt. Doch: Kann man ohne z.B. tiefere Kenntnis der Geschichte, in Deutschland wie anderswo also auch der „Religion“, in einer Gesellschaft ernsthaft dauerhaft „Gatekeeper“ sein wollen?

Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: die Voraussetzungen für kompetente Berichterstattung in einer immer komplexeren Welt. Für den Bereich der allgemeinen Politik, wie z.B. gesellschaftspolitische Fragen oder auswärtige Beziehungen, sehe ich die Mehrzahl von uns Journalisten diesbezüglich durchaus gut aufgestellt. Dabei gebe ich Ihnen ausdrücklich Recht: politische Einordnung ohne adäquates historisches Wissen ist unzureichend bis unmöglich. Dem wird aber die Ausbildung von Journalisten durch ein Studium meist geisteswissenschaftlicher Fächer, häufig in Fachkombination mit Geschichte, und die darauf aufbauenden Volontariate in Medienhäusern fraglos gerecht. Grundsätzlich anders sieht es in Bereichen aus, die spezifisches Fachwissen voraussetzen. Da kann es in der Breite der journalistischen Berufe tatsächlich an der einen oder anderen Stelle fehlen und das kann zu Defiziten im journalistischen Transfer von hochkomplexen Themen führen. Dazu zählen nicht zuletzt theologische und kirchenrechtliche Hintergründe aktueller Fragen.

3. 1700 Jahre Judentum sind aktuell ein Thema, im Mai steht der 3. Ökumenische Kirchentag an, dann Pfingsten, im Herbst die Wahl eines oder einer neuen EKD-Ratsvorsitzenden. Wer entscheidet, wie viel Sendezeit etwas bekommt?

Diese Entscheidungen fallen im ZDF auf mehreren Ebenen: die Redaktionen planen, die Reporter recherchieren, drehen und suchen Gesprächspartner, die Sendeteams müssen dann aus dem Tag heraus entscheiden, wie viel Raum sie welchen Themen geben wollen und können – und auf jeder Ebene wird neu entschieden. Gerade in der Aktualität gibt es eine große Themenkonkurrenz: Entwicklungen überstürzen sich, unabsehbare Geschehen erfordern Berichterstattung. Sehr oft sind wir redaktionell in bedauerlichen Zwickmühlen. Geplante Hintergrundberichte müssen hinter aktuellen Großereignissen zurückstehen. Die von Ihnen genannten Themen allerdings verlangen allesamt nach vertiefender Berichterstattung, bis auf Pfingsten… „Alle Jahre wieder-Themen“ haben es in den Nachrichten schwer, nicht nur in dieser Zeit. Zugleich ist grundsätzlich zu beachten, dass das ZDF gemäß seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag seit gut 40 Jahren Gottesdienste überträgt, – seit 1986 jeden Sonntag im Wechsel aus evangelischen und katholischen Kirchen. Da freut sich das Haus über ein stabil hohes Zuschauerinteresse.

3.1. Im März 2020 hat sich die Zuschauerzahl allein der ZDF-Fernsehgottesdienste von durchschnittlich 700 000 bis 800 000 sogar auf 1,4 Millionen quasi verdoppelt. Die These von der Entkirchlichung kann man auch bestreiten. Es gibt Leute, die aus der Kirche austreten, weil es ihnen da zu wenig „kirchlich“ zugeht…

Grundsätzlich glaube ich nicht, dass der Kern der kirchlichen Probleme in einem zu Viel oder zu Wenig von Kirchlichkeit liegt. Dazu ist schon der Begriff zu diffus. Davon abgesehen: die christlichen Kirchen gehören zur Identität Europas und sind damit auch unverzichtbarer Bestandteil unserer gesellschaftlichen Realität. Diese mitzugestalten gehört zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Systems, das in gewachsenen Strukturen auch die Kirchen in Deutschland repräsentiert. So gehört zu unserem Programmauftrag auch die Vermittlung von Religion und Glauben.

3.2 Ich möchte Ihnen zwei Themen vorlegen, die viele beschäftigen, aber bei den Öffentlich-Rechtlichen kaum vorkommen. Schon lange bevor der „Internationale Frauentag“ bei uns medial nach vorne gerückt wurde, gab es den internationalen und interkonfessionellen Welt(gebets)tag der Frauen, seit über 70 Jahren in über 120 Ländern begangen. Hier geht es um Gerechtigkeitsfragen, Nord-Süd Balance, u.a.m. Gebe ich aber Anfang April bei tagesschau.de oder heute.de „Weltgebetstag“ ein, finde ich dazu keine einzige Meldung. Dasselbe zum Stichwort „Basisbibel“. Es gibt ja heimliche Dauer-Bestseller, die wegen ihres Erfolgs aus Statistiken genommen werden. So die Bibel. Mit der „Basisbibel“ ist im Januar nach 17 Jahren Arbeit hier nun eine vollständige Übersetzung des NT und AT erschienen, die ihre Stärken und ihre Schwächen haben mag, aber durchaus ein „einmaliges“ Ereignis ist, das viele (s.o.) Kirchenaffine interessiert. Wie kann es sein – jetzt komme ich sogar ins Schimpfen – dass all sowas unter den Tisch fällt?

Ob Weltgebetstag und Basisbibel in den Medien nicht ausreichend Berücksichtigung finden, kann ich nicht wirklich beurteilen. Aber natürlich unterliegen auch dieses Ereignis oder diese Publikation der erwähnten Themenkonkurrenz in der aktuellen Berichterstattung.

3.3. Ulrich Wickert (ARD) durfte ungescholten dicke Bücher über Werte schreiben, Ihr Kollege Wolf von Lojewski verriet, dass ihn Bibeltexte sehr faszinierten, heute-Moderator Steffen Seibert (bevor er aus dem Journalismus in den politischen Betrieb als Regierungssprecher wechselte), dass ihm Gottesdienstbesuche immer gut täten. Und Ihre ZDF-Kollegin Petra Gerster ist sogar mit einem Theologen verheiratet. – Kann es sein, dass die tägliche Beschäftigung mit der „Nachrichtenlage“ offener für Transzendentes macht?

Das wäre sehr schön. Bei aller Freude über die genannten Beispiele und meine eigene, persönliche religiöse Affinität glaube ich das allerdings nicht. Die von Ihnen eben angesprochene Attraktion einer für alle verständlichen Bibelversion ist jedoch verdienstvollerweise aus dem Kreis der Vorgenannten heraus ganz hervorragend veröffentlicht worden. Der neuen Keine Bibel von Christian Nürnberger, dem Ehemann von Petra Gerster, ist das Kunststück gelungen, Kerninhalte des Buches der Bücher ins Moderne zu tragen.

3.4. Als Beispiel für Kirche in den Medien einmal die Osterausgabe der ZEIT, ja immerhin ein Presseerzeugnis, das man alle paar Tage noch in die Hand nehmen kann. Auf der Titelseite steht, dass für „einen Großteil“ der Menschen Religion irgendwie perdu wäre. Liest man im Text, erfährt man, dass in Westdeutschland 63 Prozent rundheraus angeben, dass sie an Gott glauben. Nun muss ich Sie nicht auffordern zu recherchieren, dass das nach Adam Riese mehr als eine „absolute Mehrheit“ ist. Was kann man dazu sagen?

Dass die unsere Kultur mitprägenden christlichen Glaubensgemeinschaften dringend aufgefordert sind, die Realitäten anzuerkennen. Es ist fünf vor 12! In Frankfurt am Main beträgt die Zahl der katholischen und evangelischen Christen zusammen nur noch etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung und die von Ihnen aufgerufene deutlich höhere Zahl beschreibt das Problem und nicht die Lösung. Natürlich glauben noch große Teile der Bevölkerung an Gott. Für viele heißt das aber nur noch Hinwendung zu esoterischen, spirituellen Antworten. Die Bindungskräfte nicht nur der Kirchen, sondern auch der traditionellen Gottesbilder gehen dramatisch zurück. Ein schrecklicher, aber leider realistischer Befund. Den Weckruf haben viele schon gehört und arbeiten an dem notwendigen Wandel. Der Weg aber ist noch lang.

Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.

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