Essen Editorial Heft 2/2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie lautet das erste Gebot in der Bibel? – Es steht weit vor den Zehn Geboten, gleich am Anfang, in der Schöpfungsgeschichte: „Das erste Gebot heißt: Du sollst essen!“ Wir verdanken diese Beobachtung dem Philosophen Johann Georg Hamann in einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi vom 5.12.1784. Im Detail hatte er dabei die Aufforderung Gottes in 1. Mose 2,16 im Blick: „Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten“.

Mit dem Essen also fängt es an – im Guten wie im Schlechten. Denn bekanntlich ist der Verzehr der verbotenen Frucht nur wenige Verse nach dieser Einladung zum Schmaus der Grund für den Rauswurf aus dem Paradies. Bis heute hängt am Essen vieles, wenn nicht sogar „alles“, wie der Ernährungspsychologe Christoph Klotter in seinem Beitrag zur religiösen Dimension des Essens feststellt. Über die gestiegene Bedeutung von Kochen und Essen gerade in den letzten Jahren berichtet auch die Kochbuchverlegerin Julia Graff in unserem Interview.

Dass es beim Essen um alles geht, gilt mehr noch als für die, die genug zum Genießen haben, für jene, denen es am Nötigsten fehlt. In Deutschland finden sich mehr und mehr von ihnen in Tafelläden und in Vesperkirchen ein, was der Sozialpolitik ein schlechtes Zeugnis ausstellt. International ist nach den beachtlichen Erfolgen in der Bekämpfung des Welthungers zwischen 1990 und 2015 die Zahl der Hungernden in den letzten drei Jahren wieder auf 821 Millionen gestiegen, nicht zuletzt durch das gezielte Aushungern von Zivilisten in Kriegsgebieten, über das Rainer Lang berichtet.

Mit dem Schwerpunktthema dieses Heftes begleiten wir auch den Auftritt der Evangelischen Akademikerschaft auf dem kommenden Kirchentag im Juni in Dortmund (nachdem das Stichwort „Vertrauen“ aus dem diesjährigen Kirchentagsmotto ja bereits in Heft 1/2019 unser Schwerpunktthema war). Am Stand in Halle 6, B 34 wird es in Dortmund um die Frage gehen, wie wir unseren „ökologischen Fußabdruck“ – oder sollte man in diesem Fall besser sagen: „Gebissabdruck“? – beim Thema Ernährung verbessern können. Hermann Preßler zeigt in seinem Überblicksbeitrag, dass sich auf diesem Feld aktuell einiges bewegt, die Politik aber leider ziemlich hinterherhinkt. So lange die politische Lobby der Agrarindustrie den Weg zu einer ökologischen  Landwirtschaft weiter blockiert, steht zu befürchten, dass der Mensch, so wie er ist, was er isst, auch seine letzte Frist noch frisst.

Nur noch eine kurze Frist bleibt beim Erscheinen dieses Heftes auch bis zur Europawahl am 26. Mai. Angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien steht diesmal besonders viel auf dem Spiel, wie der CDU-Politiker Hanspeter Georgi in seinem Eröffnungsbeitrag unterstreicht. Das Bewusstsein, was wir Europa alles zu verdanken haben, schwindet dramatisch. Umso wichtiger sind Bürgerinnen und Bürger, die sich zu Europa bekennen und sich für seine Zukunft einsetzen – bei der Wahl, aber auch davor und danach. Mit der prominenten Platzierung dieses Beitrags am Anfang des Heftes möchten wir als Redaktion diesen Aufruf nachdrücklich unterstützen.

Es grüßt Sie im Namen der ganzen Redaktion

Bertram Salzmann

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