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Die Klage des Friedens und der Streit um den Frieden heute

Welche Impulse lassen sich für gegenwärtige Friedensbemühungen gewinnen?

Von Karen Hinrichs

Foto: Timelezz, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

500 Jahre alt ist die Schrift des Erasmus von Rotterdam: Querela Pacis, die Klage des Friedens. Darin lässt er die Pax, den Frieden, selbst sprechen. Mit größer Vehemenz wird dabei der Widerspruch herausgearbeitet, der zwischen der christlichen Botschaft und der Anwendung tötender Gewalt besteht. Die Stimme des Friedens wird zu einem leidenschaftlichen Appell sowohl an die Fürsten wie an Kirche und Theologie.

1. Der Wille zum Frieden und die Bereitschaft zu Dialog und Kompromiss als Grundhaltung

In allen Friedensschriften des Erasmus ist dies der rote Faden: Der Ruf zu Verständigungsbereitschaft und Kompromiss, der Verzicht auf Fanatismus und Absolutheitsansprüche aller Art und der Wille, Konflikte im Gespräch zu lösen. Das sind Grundbedingungen jeder gelingenden Kommunikation und Grundhaltungen von Menschen, die aktiv Frieden stiften zwischen Konfliktparteien, wie z.B. Jean Goss und Hildegard Goss-Mayr vom Versöhnungsbund. Aktuell sind viel zu wenige Menschen weltweit unterwegs um im Auftrag der Vereinten Nationen oder ihr nahestehender Nicht-Regierungsorganisationen in bewaffneten Konflikten und Kriegen zu vermitteln. Ein beeindruckender Bericht über die Arbeit solcher Mediatoren vom „Zentrum für humanitären Dialog“ in Genf war kürzlich in der ZEIT (Nr. 16/2017). Die Schilderung ihrer Arbeit im Nahen Osten, in Libyen und in der Ostukraine trägt die bezeichnende Überschrift: „Diese beiden Männer reden den ganzen Tag. So wollen sie das Töten beenden“. Sie sagen von sich selbst: „Wir reden mit allen, auch mit den Bösen.“ Solche Berichte über diplomatische Friedensbemühungen unter schwierigsten Bedingungen, über die harte Arbeit gewaltfreier Konfliktbearbeitung, über alle Formen von Konfliktprävention und die Versöhnungsarbeit in und nach (Bürger-)Kriegen sind leider sehr selten in den Medien.

Erasmus dagegen plädiert für Schiedsgerichte und möchte (auch) gelehrte Männer, als Schiedsrichter einsetzen, damit Konflikte auf gute Weise geklärt werden. Er hält den besonnenen König und Staatsmann für bewundernswerter als jeden erfolgreichen Eroberer und Kriegsherrn, an dessen Händen Blut klebt. Und er geht noch weiter und entwirft die Vision eines Europa, das ohne Armeen auskommt.

Wenn wir nach den Impulsen fragen, die wir aus dem Werk des Erasmus für die Gegenwart und Zukunft gewinnen können, so sehe ich sie in seinem Ruf zur Konflikt-Deeskalation und zur Kriegsvermeidung durch Vermittlung, Dialog und Kompromiss sowie durch schiedsrichterliche Verfahren. Daraus ergibt sich im Blick auf die weltweiten Konflikte die Aufgabe, die internationalen Vereinbarungen zu den Menschenrechten und zum Völkerrecht ebenso zu stärken wie den internationalen Gerichtshof oder die Organisationen der Vereinten Nationen.

2. Die rationale Argumentation gegen den Krieg: Ursachen, Kosten und Folgen bedenken

Eine rationale Argumentation gegen den Krieg legt Erasmus der Figur der Pax in den Mund. Sie bittet, mit kühlem Kopf zu überlegen, was die wirklichen Ursachen des Krieges sind, diese von den angeführten Kriegsbegründungen zu unterscheiden und darüber hinaus die Kosten und die kurz- wie die langfristigen Folgen des Krieges zu bedenken. Erasmus folgert: „Kaum kann je ein Friede so ungerecht sein, dass er nicht besser wäre als der gerechteste Krieg.“

Er sieht wie jeder Krieg eine Eigendynamik entwickelt, die nicht aufzuhalten ist. So klingt, was 1517 in der Klage des Friedens formuliert ist, bedrückend aktuell: „(...)es wird bald aus einem Kleinstkrieg ein großer, aus dem einzelnen mehrere, aus dem unblutigen ein blutiger und das Schlimmste ist, dieser Sturm schädigt nicht den einen oder anderen, sondern alle Welt wird gleichzeitig darin verwickelt.“

Erasmus beobachtet, dass im Krieg aus rechtschaffenen Bauern und Handwerkern Kriegsknechte werden die größte Schuld auf sich laden. Er hält die Gier, die Ehrsucht und ein unersättliches Besitzstreben der Fürsten für die eigentlichen Ursachen der meisten Kriege. Eindringlich mahnt er die Fürsten, an die sich seine ursprünglich für eine Friedenskonferenz gedachte Schrift richtet, die Folgen jedes Krieges zu bedenken. Mancher Friede müsse einfach erkauft werden, um Unheil und Blutvergießen vom Volk abzuwenden, das die langfristigen Kriegsfolgen zu tragen hat: körperliche, aber auch geistige oder finanzielle Folgen, und die Einschränkungen des Handelsverkehrs mit den feindlichen Ländern und ihren Verbündeten.

Die Frage liegt nahe, was sich seither geändert hat. Wenn wir die Kriege der letzten 18 Jahre analysieren, an denen auch Deutschland beteiligt war, ist ebenfalls nach dem Verhältnis von behaupteten Zielen und erreichten Ergebnissen zu fragen, beispielsweise im Kosovo oder in Afghanistan. Was wurde zu Beginn jeweils als angeblich „humanitärer“ Grund und politisches Ziel einer Intervention benannt und was wurde wirklich erreicht? Afghanistan ist immer noch eines der ärmsten Länder der Erde mit extrem hoher Kindersterblichkeit und Arbeitslosigkeit. Dieser Krieg  hat die International Security Assistance Force (ISAF) und die USA zwischen 2003 bis 2014 gut eine Billion Dollar gekostet. Wie viel Infrastruktur hätte man für diese Summe errichten können?

In der Ermutigung zu einer solchen rationalen, verantwortungsethischen Argumentation liegt ein zweiter wichtiger Impuls. Die eigentlichen, oft komplexen Kriegsursachen müssen besser analysiert und wirtschaftliche oder geopolitische Interessen offen gelegt werden. In der politischen Argumentation sind die Gesamtkosten jedes Militäreinsatzes ebenso zu benennen wie die langfristigen Folgen, sowohl für die Bevölkerung wie bei den beteiligten Soldaten aller Seiten. Ein gelungenes Beispiel für solche Argumentationslinien und Analysen sind z.B. die jährlichen Friedensgutachten oder der Rüstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz für Kirche und Entwicklung (GKKE).

3. Die theologisch-ethische Argumentation gegen den Krieg: Das Kriegführen steht im Widerspruch zum Glauben an Jesus Christus.

Erasmus von Rotterdam war als Christ und als Theologe ein Pazifist, ein Gegner des Krieges. In keiner anderen Frage, abgesehen von der des freien Willens, unterscheidet er sich so fundamental von Martin Luther wie in der Frage, ob die Bergpredigt und das Gebot der Feindesliebe für alle Christen -und d.h. auch in allen Ämtern - gilt oder nicht. Während Luther auf die Frage, ob Kriegsleute im seligen Stande sein können mit einer ganzen Schrift reagiert und die Frage mit Ja beantwortet, ist Erasmus vom Gegenteil überzeugt. In der Schrift „Handbüchlein des christlichen Streiters“ fragt Erasmus, ob denn die Bergpredigt und der Rat des Paulus, Böses mit Gutem zu überwinden, auch angesichts von Gewalttätern gilt, denen man doch nur mit Gewalt beikomme. Er sagt dazu „Wenn du Böses, ohne selbst Böses zu tun, verjagen oder vertreiben kannst, so verbietet dir niemand, es zu tun. Kannst du es aber nicht, so hüte dich zu sagen: „Es ist besser, (Gewalt) zu tun, als zu leiden.“ Wer rohe Gewalt mit roher Gewalt bekämpfe, werde böse wie sein Gegner. Besser sei es, andere Wege zu suchen und lieber Unrecht zu erleiden, als selbst Unrecht zu tun. Ein Christ als Amts-  oder Führungsperson solle umso besorgter um den Frieden und das öffentliche Wohl sein, weil er ein Vorbild für alle anderen sei. Hindere ihn aber das Amt, die Weisungen Christi umzusetzen, so solle er lieber das Amt aufgeben als Christus.

Für Erasmus ist jeder Krieg, den Christen führen ein Verrat an Christus. Alle Zeugnisse des Alten wie des Neuen Testaments verkündigen für ihn das Evangelium des Friedens - die Friedensbotschaft Jesu Christi, ist der Kern seiner pazifistischen Haltung und seiner Friedensschriften.

Erasmus sieht die Völker Europas als untrennbar miteinander verbunden an, so dass Kriege gegeneinander vermieden werden müssen. Die Zusammengehörigkeit aller Christen, die im paulinischen Bild vom Leib Christi ausgedrückt ist, sollte grundsätzlich verhindern, dass Christen gegen Christen Krieg führen. Schonungslos führt Erasmus an, wie groß die Kluft zwischen diesen theologisch-ethischen Gedanken und der Realität ist. Über viele Seiten beschreibt er, wie in jedem Krieg die Worte und das Beispiel Jesu Christi missachtet werden. Die Illusion Luthers, der Krieg habe die Aufgabe, die Bösen zu strafen und die Guten zu schützen, durchschaut Erasmus. Er nennt viele Beispiele dafür, wie durch den Krieg die übelsten Seiten der menschlichen Natur erst aufgeweckt werden. Sogar die, die eigentlich Christus nachfolgen wollen, werden selbst zu blutrünstigen Teufeln, denn der Krieg hat etwas Dämonisches und reißt alle in den Abgrund. Für Erasmus steht das Kriegführen auch deshalb im heftigsten Widerspruch zum Glauben an den Friedenskönig Jesus Christus. Die Klage des Friedens mündet schließlich in einen Appell der Pax an unterschiedliche Gruppen: „Kommt endlich einmal zu Verstand, nachdem ihr allzu lange das Elend des Krieges ertragen habt. (...)Von nun an widmet euch in gemeinsamen Konzilien dem Studium des Friedens. (...) An euch appelliere ich, ihr Herrscher, (...) besinnt euch auf den Ruf eures Königs zum Frieden(...) Ich appelliere an euch, ihr Theologen, predigt das Evangelium des Friedens, lasst eure Stimmen hierzu immer vor den Ohren des Volkes hören!

Es ist Zeit, diese pazifistische Schrift wieder neu zu entdecken!

Karen Hinrichs

Karen Hinrichs

ist Oberkirchenrätin und verantwortet die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit und Grundsatzplanung im Evang. Oberkirchenrat in Karlsruhe

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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